Bild: imago / Montage: bento

Die Gefahr lauert auf der Rückseite von Milchpackungen und Wasserflaschen: im Barcode. Der soll eine ungesunde Strahlung aussenden und durch das Einscannen an der Kasse Gift im Körper freisetzten – das glauben zumindest Verschwörungstheoretiker. Dafür bekommen sie seit Jahrzehnten Unterstützung aus der Bio-Branche. Denn manche Unternehmen erfüllen ihren Kunden den Wunsch nach einem "sicheren" Strichcode und "entstören" ihn, beispielsweise mit einem aufgedruckten Querbalken.

Wir haben mit einem Laserphysiker über die "Barcode-Theorie" gesprochen und die Bio-Unternehmen gefragt, warum sie den Unsinn unterstützen.

Was besagen die Verschwörungstheorien?

Die Strichcodes zum Einscannen an der Supermarktkasse sollen wie eine Antenne fungieren und ungesunde Strahlung absondern. Das esoterische Portal "Mein Seelenquell" schreibt, der Strichcode sei omnipräsent und der Mensch seinen "schwächenden negativen Antennenstrahlungen" daher permanent ausgesetzt. In "größerer Dosierung" habe er eine "energetisch toxische, also energieflussstörende Wirkung auf den menschlichen Organismus".

In der Esoteriker-Zeitschrift "raum & zeit" wird die "bioenergetische Wirkung" des Strichcodes beschrieben, durch den Scan-Vorgang werde er in die Lebensmittel eingebrannt . Ähnlich heißt es auf der Webseite "Matrix Vital", dass durch Barcodes die Verpackung und die darin befindlichen Lebensmittel "negativen Feldern und Schwingungen ausgesetzt" seien. Nehme man die Lebensmittel anschließend zu sich, übertrage man diese Schwingungen auf sich selbst. 

Das Mittel gegen die gefährlichen Balken sei die "Entstörung", glauben die Verschwörungstheoretiker. In Esoterik-Shops kann man spezielle Filzstifte kaufen, um die Codes durchzustreichen, sie kosten rund zehn Euro. Oder man legt seine eingekauften Waren einfach auf einen "Hildegard Orgonakkumulator", ein mehr als 1000 Euro teures Tablett, das beim "Entstören" helfen soll.

1250 Euro kostet der "Hildegard Orgonakkumulator" in diesem Onlineshop.

(Bild: Screenshot Lebensprozesse.org )

Wie erklären sich die Unternehmen?

Manche Unternehmen nehmen ihren Kundinnen und Kunden diesen Schritt ab und bedrucken ihre Produkte einfach selbst. Im Biomarkt finden sich einige solche Produkte: Kekse und eine kalorienfreie Zuckeralternative mit durchgestrichenem Barcode. Die Mineralwasser-Marke Lauretana verkauft ihre Produkte mit einem Strichcode, der mit einer liegenden Acht hinterlegt ist. Eine Interview-Anfrage von bento hat Lauretana abgelehnt.

Auch das Wasser der Marke St. Leonhards-Quellen ist "entstört". Es ist in Biosupermärkten wie Alnatura oder Denn's erhältlich. Im Unternehmen ist man auskunftsfreudig: "St. Leonhards gibt es nun bereits seit 20 Jahren und nahezu ebenso lange haben wir die Barcodes mit einem Querstrich versehen", erklärt Elke Freier, zuständig fürs Marketing bei der Mineralwasser-Marke. "Mittlerweile drucken wir eine liegende Acht auf die Barcodes aller unserer Wassersorten." Diese solle "noch effektiver" entstören.

(Bild: bento)

Warum man die Barcodes "entstöre", erklärt das Unternehmen in einer weiteren Stellungnahme: Auf einer Messe habe man die "lebendigen Wässer" zur Verkostung angeboten. Ein "fühliger" Therapeut sei an den Stand gekommen und habe ein kohlensäurehaltiges Wasser als das "energetisch hochwertigste" bezeichnet. Dabei sei, so das Unternehmen, kohlensäurehaltiges Wasser eigentlich nicht für den therapeutischen Bereich geeignet. Das von dem Therapeuten ausgewählte Wasser habe allerdings als einziges einen "enstörten" Barcode gehabt, weshalb man diesen anschließend auch bei allen anderen Sorten eingeführt habe. "Radionische" Messungen, eine wissenschaftlich nicht belegte Methode aus der Esoterik, hätten seitdem das Phänomen bestätigt.

Die Mineralwasser-Marke ist ganz auf ein esoterisches Klientel ausgerichtet: Verkauft wird beispielsweise ein Wasser, das nur bei Vollmond abgefüllt wird, weshalb der "energetische Wert" des Wassers um das Dreifache steigen soll. Das Wasser solle außerdem "Körper, Seele und Geist unterstützen" können – auf der Webseite erklärt das Unternehmen allerdings auch, dass diese Angaben "rechtlich und schulmedizinisch" nicht anerkannt seien.

Doch nicht nur in dieser sehr speziellen Nische sind die "entstörten" Barcodes ein Phänomen.

Bei dem Bio-Getränkehersteller Voelkel, immerhin ein Unternehmen mit einem jährlichen Umsatz von mehr als 60 Millionen Euro, wurden die Barcodes jahrelang mit einem Querstrich versehen – bis es auf Facebook Kritik gegeben habe. "Die Kritiker sind einfach viel lauter als die Befürworter", sagt Evelyn Kaufmann von Voelkel. Sie selbst glaube daran, dass Strichcodes "entstört" werden müssen, sei aber im Unternehmen damit in der Minderheit. Nach den Beschwerden habe man deswegen den Querstrich auf den Barcodes wieder entfernt. Weil die Etiketten aber noch nicht überall ausgetauscht wurden, gibt es heute noch Flaschen mit durchgestrichenen Barcodes auf dem Markt.

Der Aufschrei bei Anhängern der Verschwörungstheorie blieb unter Kundinnen und Kunden von Voelkel nach der Umstellung aus. "Zwei bis drei Menschen haben geschrieben, dass sie es schade finden, dass wir die Querbalken wieder abgeschafft haben", sagt Kaufmann.

Was ist nun dran an der Strahlung vom Strichcode?

Andreas Hemmerich lacht. Er ist Professor am Institut für Laserphysik der Universität Hamburg. "Mit einem wissenschaftlichen Blick auf die Welt hat das gar nichts zu tun", sagt er. "Der Scanner an der Kasse ist ein Laserstrahl, das kann man ganz mechanisch sehen: Er wird über das Strichmuster gezogen, und immer wenn er auf eine schwarze Stelle trifft, wird das Licht weniger stark reflektiert als auf den weißen."

Dieses "An-Aus-Muster" werde so als digitaler Code eingelesen, der Produktinformationen wie den Preis enthalte. "Das Licht, das dazu benutzt wird, ist ganz normales sichtbares Licht. Das kommt auch im Spektrum des Sonnenlichts vor und dringt praktisch nicht in irgendwelche Gegenstände ein."

Und woher kommt der Code auf den Produkten?

Mercedes Schulze arbeitet bei GS1 Germany, dem Unternehmen, das für die Vergabe der Nummern zuständig ist, die Grundlage für die Barcodes sind. Auch sie kennt die Verschwörungstheorien um die Balken – seit zwanzig Jahren.

„Es handelt sich einfach nur um Tinte, die auf Papier gedruckt und von einem Scanner ausgelesen wird.“
Mercedes Schulze


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Fühlen

Wie es ist, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen – und trotzdem zusammen zu bleiben

Für viele Paare ist das Zusammenleben in einer gemeinsamen Wohnung eine romantische Vorstellung: Jeden Morgen nebeneinander aufwachen, jeden Abend nebeneinander einschlafen, zusammen kochen und Möbel aussuchen. 

Aber was, wenn man feststellt, dass das Zusammenwohnen einfach gar nicht funktioniert? Darf man wieder auseinanderziehen? Muss man gleich auch die Beziehung beenden? 

Diese zwei Paare sind trotz räumlicher Trennung zusammen geblieben. Aber wie haben sie das geschafft?

Wir haben mit den beiden Frauen darüber gesprochen, woran es beim Zusammenwohnen scheiterte und wie sich die Beziehung danach verändert hat. Außerdem erklärt eine Paartherapeutin wie sie mit solchen Situationen umgeht und wie sie den Patienten hilft.

Laura, 30, und ihr Freund, 29, sind seit viereinhalb Jahren ein Paar und haben zwei Kinder.

Erst wollte ich nicht, dass er bei mir einzieht. Aus Liebe zu ihm habe ich meine Meinung allerdings geändert. Er hat damals noch bei seiner Mutter gewohnt. Ich habe mich gefragt: Wie soll man mit jemandem zusammenwohnen, der nicht weiß, was es heißt, nur eine Bananenkiste zum Sitzen und eine einizige Kochplatte als Herd in seiner Einzimmerwohnung zu haben? Das prägt. Man lernt, selbstständig zu sein. Ich bin mit 19 von zu Hause ausgezogen und hatte einfach nichts.

Trotzdem fühlte es sich schön an, nebeneinander einzuschlafen und aufzuwachen. In den guten Momenten haben wir uns bewusst Zeit füreinander genommen, Videospiele gespielt, die Kinder bespaßt. Aber die Organisation des gemeinsamen Haushaltes hat einfach gar nicht funktioniert. Es ging um banale Dinge, ich habe mich trotzdem aufgeregt: Mein Duschgel war ständig leer, das dreckige Geschirr stand auf der Spülmaschine, Socken lagen unterm Wohnzimmertisch – da bin ich ausgerastet.