Bild: Tim Brakemeier / dpa
Sind Green Smoothies nur eine Menge Salat und Esoterik in Saftform?

Hallo Attila Hildmann! Schön, dass wir uns auf diesem Wege endlich mal persönlich kennenlernen dürfen! Auch wenn sich dieses "persönlich" zugegebenermaßen eher dahingehend gestaltet, dass tausende Foodenthusiasten und Hobbyköche mitlesen und unser "Kennenlernen" daher in etwa so einvernehmlich ist wie die Entscheidungshoheit über weniger relevante Nebensächlichkeiten des Lebens, wie seinen Vornamen oder das eigene Geschlecht.

Ich habe alle vier (?) deiner Bücher konsumiert, mit meinen Fleischfingern unsittlich berührt und deine vegane Philosophie tief verinnerlicht, denn auch ungesunde Menschen können lesen, was ich zunächst auch nicht glauben wollte. Stimmte aber. Also besser gesagt, ich habe die vielen bunten Fotos von spiralförmig geschnittenen Rohkostbergen, filigran angerichteteten Körnerskulpturen und die netten Superfood-Pornos mit großen Kindsaugen betrachtet. Na klar weiß ich dabei zu jeder Zeit, dass alle Abbilder deiner epischen Kochkünste in einem Hochglanzstudio unter weißem Kunstlicht produziert und dann durch sämtliche Fotofilter gejagt wurden, und kann dir daher mitteilen: Das ist schon voll okay so!

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider; grün, grün, grün ist alles was ich hab. Darum lieb ich alles, was so grün ist, weil mein Schatz ein Green Smoothie Blender ist.

Ich für meinen Teil wusste bis dato zum Beispiel gar nicht, dass Ballaststoffe so gut aussehen können und kannte die Dinger nur in ihrem natürlichen Lebensraum: Der Keramikschüssel meines WCs und in Kastenbroten. Oder gilt das nun schon wieder als Gemüse-Shaming und ist daher politisch unkorrekt von mir?

Dabei meine ich das alles gar nicht so, denn Gemüse und Obst haben auch manchmal einen schlechten Tag und müssen erstmal ein paar Stunden in die Maske. Zudem pflege ich ein gutes Verhältnis zu allem Buntem und davon hast du viel zu bieten, was wirklich schön ist.

Paprika zum Beispiel, die gibt es in drei Farben. Fleisch gibt es immer nur in einer.

Zwar zeigst du nicht meine bevorzugte und vertraute Art des Bunten, wie zum Beispiel eine prallgefüllte gemischte Tüte vom Kiosk oder wenn die Fettwammse auf dem Frühstücksbacon so schön wie tausend kleine Sterne im morgendlichen Sonnenlicht glitzert, aber das macht ja nichts, denn auch andere Mütter haben gephotoshoppte Rezeptbilder. Diese eine spezielle Mutter, und damit meine ich dich, melkt die Geldkuh echt ganz ordentlich ab und davor ziehe ich, mit dem größten Respekt, meinen nicht vorhandenen Hut, und möchte nun auch den handlichen Spiralschneider und das Açaí-Pack für Smoothie-Bowls aus deinem Webshop für sechs Euro kaufen, denn du hast ja insgesamt gesehen vollkommen Recht mit deinem fettbefreiten Leben und deiner vorhersehbaren Verdauung. Leider aber sieht dieses Recht in meiner Realität bei Weitem nicht so schön aus wie bei dir und mein Gemüse kommt auch nicht in funny Spiralform daher, sondern als unförmiger Gesamtklotz, an dem manchmal sogar kleine Fliegen, Steinchen, Insektenkot oder sonstiger Dreck kleben.

Cellulose färbt meine Zähne grün. Wollen wir trotzdem küssen? Ich habe heute auch noch kein Fleisch gegessen.

Probiere ich es also mal genau wie du, habe ich mir gedacht, und mich an deine Rezeptideen für Grüne Smoothies gewagt, die sowohl ewiges Leben, als auch eine tolle Haut versprechen. Nun fühle ich mich in der Tat um Jahre verjüngt. Vielleicht ist genau das auch der Grund warum ich irgendwann so leichtsinnig wurde und aufhörte den Babyspinat vor dem Gang in den Smoothie-Mixer zu waschen, aber was soll’s. Meine Smoothies werden zudem auch eher braun als tiefgrün und mein Blender ist beim Kale Zerdreschen in meinen Händen einfach so explodiert und es gab unschöne Szenen in der Küche meiner weißgestrichenen Mietwohnung. Ein anderer Mixer lief aus und ein Weiterer verschimmelte einfach unter meinen Händen weg. Der Neue riecht beim Zerschreddern von Eiswürfeln wie eine asiatische Chemiefabrik und wenn ich gefrorene Grünkohlpatties darin zerkleinern möchte, schreit das Teil so als hätte es wahnsinnige Schmerzen dabei, was bestimmt auch stimmt. Jeder muss sein Opfer bringen. Ich hingegen ließ mir die Smoothie Maker direkt ins Haus liefern.

Mein Standmixer hat einen Lichtring, der je nach Geschwindigkeit in unterschiedlichen Farben leuchtet. Und was könnt ihr überhaupt?

Vorweg: Ein guter Smoothie Blender kostet in der Regel so viel wie ein mehrwöchiger Urlaub für eine Großfamilie mit Ansprüchen auf einer weniger touristischen Sonneninsel. Sprich, über 600 Ocken und eine große Portion “Ach Scheiß drauf, ich hab’s ja!”-Attitüte. Man muss schon sehr gut im Ausblenden von Wertigkeit sein, wenn man mal eben solche Beträge latzen kann, nur um sich ewiges Leben und Zahngrün zu erwerben. Andererseits: Wer möchte schon weiter existieren, wenn man dabei durch unvernünftige Konsumeskapaden bis auf’s Blut verarmt ist? Ein schwieriger Ablasshandel.

Wieso aber ist mein günstiger Smoothiemaker eigentlich explodiert? Ich wollte doch nur zwei Liter steinharte Eiswürfelmasse crushen, wie du mir befohlen hattest, Attila, und dann die Fasern der grünen Salat-Inhaltsstoffe aufbrechen, denn die müssen ja im richtigen Verhältnis zertrümmert werden, damit man gesund ist und nicht durch falsches Auftrennen der Fasern am “Gut gemeint!” stirbt. Ein geeigneter Smoothiemaker muss also zig Millionen Umdrehungen in unter einer Millisekunde leisten können und mehr Watt als eine Sonnenbank in Tropical Islands haben. Außerdem hebt er beim Mixen ab. Bitte anschnallen!

Zu den Fakten: Was sind überhaupt Grüne Smoothies und was ist ein Attila Hildmann?

"Bekomm deine tägliche Packung Chlorophyll aus dem grünen Blattgemüse. Chlorophyll ist gespeicherte Sonnenenergie und enthält Aminosäuren, die der Körper sofort aufnehmen kann. Junger Blattspinat, Banane, Apfel, Orange, vitales Wasser. Glow like the sun!”

Die Werbeversprechen zu Green Smoothies klingen super. Kurz gefasst geht es dabei um eine Menge Salat und Esoterik in Saftform. Wildkräuter, wichtige Entzüme (neue Rechtschreibung), Schlankmacher. Superheld in Saftform. Immunbooster. Entschlackung. Antioxidantien. Der neue Jesus. Wer Grüne Smoothies trinkt, kann in der Zeit zurückreisen. Und vorwärts. So wie es auch Attila Hildmann tut, der nicht nur vegane Kochbücher wie "Vegan for Fit", "Vegan for Fun" oder "Vegan for Youth" schreibt, sondern auch einen gut besuchten YouTube-Channel mit Content befüllt, der dann am Ende des Tages, trotz aller Häme, doch irgendwie ganz schön relevant ist. Denn vegan, und das sage ich aus tiefster Überzeugung, ist etwas Positives.

Ist ein Immunsystem etwa Gutes? Wer konnte das schon ahnen!

Grüne Smoothies können also gekauft oder selbst gemixt werden. Und hier scheiden sich die Geister, denn die einen praktizieren ihren Glauben lieber privat, und die anderen fahren auf ihren Vintage Rennrädern extra nach Berlin Mitte zur Messe und kaufen sich im Tempel ihre tägliche Portion grüne Zähne. Beispielsweise 100 ml “Supergreen” für 3,50 Euro. Auf den kleinen Flasche steht dann etwas vom “Durchschnittlicher Tagesbedarf eines Erwachsenen von 1500 Kalorien” und anderer Humbug. Zu erwerben gibt es die Grünen Smoothies in Geschäfte, die online anstatt einer About-Page eine Seite mit dem Namen “Philosophie” haben. Oder eben im Supermarkt. Wo sie rumstehen und darauf warten Menschen mit ihren Inhaltsstoffen helfen zu dürfen.

Am Ende bin ich aber doch noch eingeknickt, denn es stellte sich wider Erwarten heraus, dass Grüne Smoothies superlecker sind. Dazu benötigt man lediglich ein bisschen Varianz im Grundrezept. Beispielsweise Kristallzucker, Cereals, ein paar Esslöffel Erdnussbutter, Schlagsahne oder fettiger griechischer Joghurt. Mutige werfen sogar Bacon, Oreo-Kekse oder Spekulatius in den Blender. Ich hingegen wurde auch schon mit Schokolade und Cheesecake-Eiscreme gesichtet. Es ist eben wie vieles im Leben: Auf das Yin und Yang der Geilheit kommt es an.

Aber mal was anders: Attila, wann kommst du zum Essen vorbei? Ich schneide uns auch spiralförmige Nutellabrote.
Noch mehr Food: Ada Blitzkrieg über Greek Yoghurt.

Ada Blitzkrieg × bento

Ada Blitzkrieg arbeitet mit Munition und Mädchenzöpfen als Journalistin und Autorin in Berlin-Kreuzberg und San Francisco, wo sie eine offene Beziehung mit Dürüm und Burrito pflegt. Als Foodblogger testet sie nicht nur unprätentiöse Imbisse, sondern teilt ihre Erlebnisse auch mit ihren Followern auf Twitter.