Was hinter dem Hype um Mocktails steckt und warum Limo nicht mehr reicht

Hypegeist

Wie haben sich die Neunziger zurück in unsere Kleiderschränke gemogelt? Und warum tragen gerade alle ihr Handy am Halsband? In dieser Reihe gehen wir der Frage nach, wie es manche Trends geschafft haben, sich durchzusetzen – und was sie über unsere Gesellschaft aussagen.

Heute: alkoholfreie Drinks – kurz, Mocktails

Was ist es?

Die Alternative zu Bier, Gin und Co., die genauso aussieht und schmeckt, aber kein bisschen betrunken macht. Quasi der kleine Bruder, der dieselben Klamotten wie die "Großen" anzieht, bei dem es aber einfach nicht richtig wirkt.

Wo sieht man es?

Auf Foodfestivals, zwischen veganen Burgern und Fairtrade-Guacamole. In Cafés und Bars, in denen als Beleuchtung Oldschool-Glühbirnen von schwarz lackierten Rohrleitungen baumeln. Auf jedem Feed von Influencerinnen und Influencern, die ihre Achtsamkeit und Gesundheit besser vermarkten als die eigene Mutter den fliegenden Spinatlöffel. 

Wer schluckt denn das?

Die abstinent lebenden Trinkvögel unter den Schnapsdrosseln, denen die Limo mit Drachenfrucht und Tonkabohne zu langweilig ist. 

Und vor allem diejenigen, die zwar nicht schwanger, trockene Alkoholiker oder religiös sind, für die jedoch Chia-Samen und Goji-Beeren keine Ernährungs- sondern Lebensphiliosphie sind. Deren Körper ein Tempel ist, in den der Alkohol wie ein ungebetener Gast hineintrampelt, der vergessen hat, die Schuhe draußen stehen zu lassen. 

Für jeden ungesunden Drink haben sie eine Alternative parat: Bloody Mary? Virgin Mary. Gin Tonic? Aromatisiertes Wasser mit Gin-Geschmack und Tonic. Feierabendbierchen? Geht auch mit 0,0 Prozent Alkohol und ist dazu noch isotonisch – super, nach dem Workout! #healthy

Warum gerade jetzt?

"In Deutschland wird so wenig Alkohol konsumiert wie noch nie seit Kriegsende", sagt Nils Wrage, 34. Er ist Chefredakteur des Mixology, ein Magazin für Barkultur aus Berlin. "Denn die Menschen ernähren sich bewusster und achten darauf, was sie ihrem Körper zuführen."

Dadurch sei die Nachfrage nach alkoholfreien, gesunden Alternativen gestiegen. Eine Saftschorle mit Eiswürfeln reicht allerdings nicht aus, um anpruchsvolle Kunden tief ins Glas schauen zu lassen: "Abends in einer Bar möchte man beispielsweise einen Cocktail, der nicht nur einen guten Geschmack, sondern auch einen coolen Look hat. Auch ohne Alkohol."

Das hat die Industrie verstanden: Immer mehr alkoholfreie Spirituosen-Doppelgänger durchspülen den Markt wie ein guter Verdauungsschnaps. Es gibt Champagner, Sekt, Bier und Gin – völlig ohne Umdrehungen. Schwindelig wird es einem nur bei den Preisen, die sich von den regulären Drinks nicht unterscheiden. "Dass ein alkoholfreies Produkt genauso viel kostet wie der entsprechende Alkohol, ist nicht gerechtfertigt", sagt Nils. Die Herstellungskosten seien schließlich viel geringer.

Dass die Flaschen besonders hübsch gestaltet würden, mit Bildern von Paradiesvögeln oder Schmetterlingen verziert, sei zwar eine Erklärung für den Preis, aber keine Entschuldigung.

Was muss man beim Genuss der Drinks beachten?

Wichtig sei es, das Getränk genau wie seinen alkoholhaltigen Zwilling ernst zu nehmen, also nach Qualität zu suchen, erklärt Nils. "Ein Cocktail lebt von Balance und Ausgeglichenheit." Um vom Robby-Bubble-Image wegzukommen, böten sich vor allem Mixgetränke mit Fake-Spirituosen an, die durchsichtig sind. Mit ein bisschen Limettensaft oder zerquetschten Basilikumblättern könne so ein Drink schnell einem Whiskey Sour oder einem Gin Basil Smash ähneln. 

Bleibt der Trend oder geht er?

"Mocktails und andere alkoholfreie Drinks sind in den letzen Jahren Teil des Genusslifestyles geworden und werden es auch bleiben", sagt Nils.

Die meisten Menschen werden aber vermutlich keine 8 Euro für einen Fake-Cocktail ausgeben, sondern bei Saft und der guten alten Limo bleiben.


Gerechtigkeit

Wie ein rechter Verein junge Menschen als "Wahlbeobachter" aufstacheln will
Wir haben heimlich bei "Ein Prozent" mitgelesen – und erklären die Masche hinter der "Wahlbeobachtung".

Die Schwebfliege, nicht viel größer als ein Daumennagel, ist ein cleveres Insekt: Ihr Körper ist schwarz-gelb gestreift. Auf den ersten Blick sieht das Tierchen so aus wie eine Wespe. 

Bei genauerem Hinschauen fällt auf: Der falschen Wespe fehlt der Stachel. Ihre größte Macht ist die Angst, die sie auslöst.

Der Schwebfliege im Verhalten nicht ganz unähnlich ist der rechte Verein "Ein Prozent" – der sich aktuell mit einer "Wahlbeobachter"-Kampagne aufplustert.

Wer kurz vor der Landtagswahl in Thüringen die Website wahlbeobachtung.de aufruft, sieht zunächst eine Mülltonne. "Damit deine Stimme nicht für die Tonne ist", steht dort, solle man "Wahlbeobachter werden". Die Homepage unterscheidet sich in ihrer Aufmachung optisch nur wenig von demokratiefördernden Projekten wie dem "Wahl-O-Mat". 

Eine optische Täuschung, wie sie auch die Schwebfliege nutzt.