Bild: Felix Huesmann
Wir haben Yazan Halwani getroffen - den aufstrebenden Star der internationalen Streetart-Szene.

Wir sitzen in einem McDonald's am Dortmunder Hauptbahnhof. Nicht weil es hier so lecker ist. Sondern weil Yazan, der in den vergangenen Jahren viel gereist ist, gerne die Burger und Pommes in verschiedenen Ländern vergleicht. "Die Chickenburger in Singapur waren bisher das ekeligste. Und die Pommes sind hier besser als in Frankreich.“

Yazan Halwani ist 22 Jahre alt und schon jetzt aufstrebender Star der internationalen Streetart-Szene.

"Angefangen mit Graffiti habe ich mit 14 oder 15 Jahren. Damals habe ich in Karantina Tags mit meinem Namen gesprüht.“ Karantina ist ein armer und durch eine Müllhalde verseuchter Stadtteil in der Nähe des Beiruter Hafens. "Ich hatte vorher Filme über Graffiti im Westen gesehen und dachte mir: Wenn ich irgendwo sprühe, kommt sofort die Polizei“, sagt er.

Als er 17 war, passierte das dann tatsächlich mal. "Ich war dabei, ein großes buntes Graffiti zu malen. Die Polizisten haben mich gefragt, ob ich eine Genehmigung dafür hätte. Die hatte ich natürlich nicht. Also haben wir eine halbe Stunde darüber diskutiert, ob die Wand so nicht viel schöner aussieht als vorher.“ Am Ende, erzählt Yazan, haben die beiden Polizisten ihm sogar dabei geholfen, die Buchstaben mit pinker Farbe auszumalen.

Nachdem diese beiden Polizisten wegen einer fehlenden Genehmigung eine halbe Stunde mit Yazan diskutierten, malten sie einfach mit.(Bild: Yazan Halwani)

Internationale Medien feiern Halwani als den Banksy Beiruts. Doch der Vergleich hinke, sagt er selbst: "Bei allem Respekt für seine Arbeit, aber Banksy hat dieses anonyme Gangster-Image. Das funktioniert im Libanon nicht. Wenn du in der arabischen Welt ein Gangster-Image haben willst, dann wirst du Politiker, nicht Künstler.“

Yazan malt die Kalligraphie-Elemente für sein Portrait der libanesischen Sängerin Fairouz.(Bild: Yazan Halwani)
Aufmerksamkeit erregt er vor allem, seitdem er sich vom klassischen Graffiti verabschiedet hat. Vor vier Jahren entdeckte er bei seinem Onkel ein Buch mit arabischer Kalligraphie - und hatte sofort die Idee, diese Schriftzeichen auf die Wände zu bringen. Seine ersten Versuche: simple Schwarz-Weiß-Bilder. Auf einmal seien die Leute nicht mehr an seiner Kunst vorbeigegangen, sondern stehengeblieben.

Über 20 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs sind in der libanesischen Hauptstadt noch immer religiöse und politische Spaltungen in den verschiedenen Stadtteilen zu sehen. "Hamra hat den Ruf, eine Hochburg der syrischen Nationalisten zu sein“, sagt Yazan über den Stadtteil, in dem er lebt. "Dabei sind das vielleicht ein paar hundert Leute in einem riesigen Viertel. Es gibt aber ein paar Außenposten, an denen immer Leute sitzen, dort wehen auch Parteifahnen. Und die Wände des Stadtteils sind übersät mit Plakaten mit den Gesichtern von Politikern. Niemand sagt denen, dass sie diese Plakate nach einer Wahl entfernen sollen.“

Irgendwann hat Yazan deshalb angefangen, das selbst zu tun. "Das musste ich auch, weil sonst nirgendwo Platz für meine Bilder war“, erzählt er. Anstelle der Gesichter korrupter Politiker malt Yazan Halwani nun Porträts der Underdogs seines Stadtteils und Bilder kultureller Größen, die die libanesische Gesellschaft eher vereinen, anstatt sie weiter zu spalten.

Als er von den Veranstaltern eines arabischen Kulturfestivals nach Dortmund eingeladen wurde, um gemeinsam mit Schülern ein Wandbild zu malen, hat er sich dafür entschieden, eine ganz besondere Person zu porträtieren: Das haushohe Bild zeigt den zwölf Jahre alten Fares Al-Khodor. "Fares hatte nicht viel Glück in seinem Leben“, sagt Yazan. "Er wurde in Syrien geboren.“

Nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien kam Fares mit seiner Familie nach Beirut. Im Stadtteil Hamra verkaufte er nachts Blumen. "Dort gibt es viele Straßenkinder, Fares fiel aber besonders auf. Er war ein lustiger Junge und immer gut gekleidet. Allein dadurch, dass er dich angeschaut hat, hat er dich dazu gebracht, ihm eine Blume abzukaufen. Alle kannten und mochten ihn.“ Fares kam bei einem Luftangriff ums Leben.

Einen Teil des Bildes hat Yazan zusammen mit Schülern gestaltet. Die haben ihm auch das Nike-Logo auf die Regenjacke gemalt.

"Ich glaube, viele Leute denken bei Flüchtlingen nur an die Statistik. Sie fragen sich: Wie viele können wir aufnehmen? Dabei vergessen sie schnell die menschliche Komponente." Er wolle zeigen, dass es für viele Menschen aus Syrien keine andere Option gebe, als in ein anderes Land zu fliehen. Sogar ein kurzer Besuch in der Heimat könne den Tod bedeuten. "Ich wollte aber auch kein trauriges Bild hier in Dortmund hinterlassen. Wer sich das Bild anschaut, sieht einen lächelnden Jungen, der Blumen verkauft."

Mit Pinseln, Schwämmen und seinen bloßen Händen malt Yazan Halwani Kalligraphie-Elemente und kleine Details auf die Wand.
Bis vor Kurzem studierte Yazan Halwani Computer and Electrical Engineering an der American University in Beirut. Mittlerweile hat er einen Job bei einer Unternehmensberatung in Dubai. Von seiner Kunst leben könnte er nicht - obwohl er hat einzelne Leinwände für mehrere Tausend Euro verkauft hat und Angebote von Galerien bekommen hat. Folge Yazan auf Instagram.