Rapper, Model, Schauspieler – in Rangun kennt jeder den 27-Jährigen

Als Mikis aus Bremen nach Burma ging, nahm er einen Rucksack mit. Er war 18, seine Freunde gingen nach Australien und Spanien. Freiwilligendienst nach dem Abi ist ja normal. 

Wie es für Mikis weiterging, ist allerdings nicht normal. Heute lebt der 27-Jährige als Rapper und Deutschlehrer in Rangun, der Hauptstadt von Burma oder Myanmar. Seine Videos werden millionenfach geklickt. Er tritt mit den größten Künstlern des Landes auf, spielt in den meistgeschauten Vorabendserien und wird auf der Straße erkannt. 

Mikis ist ein Superstar – in Myanmar (Burma).

Mikis sitzt zum Skypen an seinem Laptop im Café des Goethe-Instituts von Rangun. Er sieht aus wie ein netter Typ aus Bremen. Vögel zwitschern. Immer wieder grüßt er über den Bildschirm hinweg, mal deutsch ("Moin"), mal burmesisch. Dann spricht er weiter, als hätte es keine Unterbrechung gegeben. Er kennt das, hier im Café geht es noch. Wenn er vor seine Tür auf den Markt tritt, hat er direkt eine kleine Fantraube um sich. Er kann keine Straße entlanglaufen, ohne dass jemand nach einem Selfie fragt.

Dass Mikis nach Burma kam und ein Star wurde, ist ein großer Zufall. Und außerdem Schicksal, davon ist Mikis überzeugt.

Alles beginnt mit seinem Vater. Der ist Punk und  sammelt auf Konzerten Geld, um die unterdrückte Volksgruppe der Shan mit Bildungsprojekten zu unterstützen. Als Mikis neun ist, darf er mit.
 Ihm gefällt es dort. Er wird erwachsen, macht sein Abi und beschließt, für einen Freiwilligendienst zurückzukommen. Sein Leben bis dahin beschreibt er so:

"Ich wollte nie den normalen Weg gehen. Ich war Kind von einem Punk und einem Hippie, immer auf Festivals, immer unterwegs." So fasst Mikis seine Jugend zusammen.

Als er nach dem Abi loszieht, denkt er noch: "Ich ziehe da hin, lern was fürs Leben und komme zurück". Er kommt nach Mae Sot, eine Stadt, die eigentlich in Thailand liegt, aber von Burmesen bevölkert ist: illegalen Burmesen.

Die einzigen florierenden Geschäfte seien der Handel mit Rubinen, Waffen, Drogen und Menschen, sagt Mikis. Überall waren Bordelle, getarnt als Frisöre und Bars. An jeder Ecke passierte etwas Illegales, Militärs patrouillieren die Stadt.

"Die ganze Stadt stinkt vor Übelkeit. Ganz üble Schicksale sind da gestrandet. Diese Stadt ist ein Magnet für Probleme. Richtig abgefuckt", sagt er.

„Das war wie ein Film. Wild West in the East.“
Mikis

Mikis soll Prostituierten und ehemaligen Kindersoldaten Englisch beibringen. "Du musst dir vorstellen: ich war 18 und das erste Mal alleine wirklich weit weg".

Trotzdem fühlt sich Mikis wie zu Hause. Während die humanitären Helfer sich in ihren Unterkünften abschotten, will Mikis mittendrin sein. "Ich konnte mich mit den meisten NGOs dort gar nicht identifizieren, weil die alle in ihrer Blase lebten und dachten, sie wissen besser, wie es da läuft. Die wollten Hilfsbringer sein."

Mikis aber will dazugehören. Er bringt sich die Sprache bei. "Ich finde es selbstverständlich, wenn man irgendwo lebt, dass man zumindest versucht, die Sprache zu lernen."

(Bild: Privat)

Mikis nimmt sich eine Wohnung in einem normalen Wohnviertel und freundet sich mit den Locals an. Alle sind älter als er, Abiturient ist keiner. "Manche, nicht alle, waren Drogenabhängige, Leute aus Rebellenarmeen. Das sind ja keine schlechten Menschen, aber die hatten eben manchmal andere Ansichten. Irgendwie extremer und kaltblütiger. Es gab auch oft Stress."

Zweimal sei er in eine Schlägerei gekommen. "Einige hatten Knarren. Ich dachte es kann sein, dass die sich jetzt abknallen. Das hat mich erschreckt und eingeschüchtert. Da wusste ich, ich bin nicht mehr in Bremen." Mikis kommt aus gut behütetem Hause. Mit seinen Eltern reiste er oft nach Frankreich und Neuseeland. "Das war immer schön und mit Familie und Tüdelü. Und dann komme ich in so einen Magneten für Scheiße."

Den Frauen in seinem Kurs ging es besser, als anderen in der Stadt, sagt Mikis.

Die Mädchen hätten Gehalt, ab und zu eine neue Matratze und einen Arztbesuch bekommen. "Prostitution, die nicht freiwillig ist, ist schrecklich und widerwärtig. Aber es ist wie bei so Vielem: Es passiert, ob ich da bin oder nicht. Wenn man sich wegdreht, ist es auch nicht besser." Nach ein paar Monaten freundet er sich mit den Frauen an. Er verliebt sich in eine.

Dann ist das freiwillige Jahr vorbei, Mikis muss zurück.

Zurück in Richtung Kinderzimmer, Schulfreunde, Zukunft. Mikis aus Mae Sot steigt in den Flieger und wird wieder Mikis aus Bremen. Er hasst das. Seine Freunde sind erschrocken, weil er sich verändert hat. "Ich bin ein bisschen trockener geworden. Gefühlskälter. Die meinten: Das Leben in dieser Stadt hat dich umgekrempelt."

Er fühlt sich fremd in Bremen. "Ich dachte: Ich gehöre da hin und habe mich total damit identifiziert. Ich dachte: ich muss da wieder hin". Dann lächelt Mikis ein bisschen. Weil er das heute etwas anders sieht.

„Ich hatte damals einen Egotrip, voll den Flash. Ich habe auch gar nicht an meine Familie gedacht, die sich Sorgen um mich machte.“
Mikis

Was danach kam, ist nicht weniger irre. Aber Mikis kann das heute mit Distanz erzählen. Er ist in Bremen und räumt Regale im Supermarkt ein. Der Nebenjob nervt ihn, er will zurück. Da hört er, dass die Frau, mit der er zusammen war, schwanger sei. Dann: Sie sei im Gefängnis.

(Bild: Privat)

Als er eine Palette Überraschungseier in ein Regal räumt, beschließt er, eines zu öffnen und den Inhalt als Zeichen für seine Zukunft zu sehen. Wie einen Glückskeks. Er glaubt an so was: Schicksal und Bestimmung. Denn manche Dinge können einfach kein Zufall sein. In der Ü-Ei-Kapsel ist ein kleiner Plastikflieger. Wenn man genau hinsah, waren das die burmesischen Nationalfarben auf der Flanke. Mikis weiß jetzt: Er muss einen Weg zurück suchen.

Mikis findet einen Veranstalter, spezialisiert auf Fernreisen nach Myanmar. "In Hamburg, einmal spucken von Zuhause entfernt". Er wird Reiseverkehrskaufmann, zwei Jahre Ausbildung. Sein Chef lässt ihn aber nur vom Schreibtisch aus planen.

„Mein Chef dachte: Den kann ich nicht nach Burma schicken – der kommt nicht zurück.“
Mikis

Sechs Jahre später steigt Mikis wieder in den Flieger. Er ist älter, er hat einen Beruf, er spricht noch immer fließend Burmesisch. Er überlegt, einen Job in der Hauptstadt Rangun zu finden. Als Reiseleiter oder Übersetzer vielleicht.

Aber sobald er landet, nimmt er einen Bus nach Mae Sot. Er will die Frau finden. Er fragt sich durch, besticht einen Gefängniswärter und wird vorgelassen. "Es war krass, sie nach sechs Jahren wieder zu sehen. Ich habe mir alles erzählen lassen – sie war als Illegale deportiert worden. Als ich raus war, wusste ich, dass ich mit dieser Lebensphase abschließen kann."

Danach ist Mikis frei. Von der Episode in der Drogenstadt erzählen nur noch die Tattoos.

Er fühlt sich wie ein normaler, junger Deutscher, mit Ausbildung und soliden Sprachkenntnissen. Also bewirbt er sich am Goethe-Institut in Rangun.

Aber es kommt anders. In den sechs Jahren, die er in Deutschland war und Heimweh nach Burma hatte, hatte Mikis begonnen, auf burmesisch zu singen. Er erzählte das burmesischen Freunden in Bremen, die erzählten es ihren Freunden, wieder jemand erzählte es dem Botschafter in Frankfurt und zum nächsten Nationalfeiertag war der Deutsche, der burmesischen Kitsch-Pop singt, der Haupt-Act. 

(Bild: Privat)

Er wird nach Burma eingeladen, um auf dem berühmten Wasserfestival (SPIEGEL ONLINE) zu singen. Zehntausend Menschen kommen. Mikis rappt auf burmesisch und das Publikum ist außer sich.

Das Video vom Auftritt geht viral, fünf Millionen Klicks auf Facebook – das meistgeklickte im Land zur Zeit.

Und plötzlich kann "Mikis da Silva", wie er sich nennt, gar nicht so viele Anfragen ablehnen, wie er bekommt.

Wir wäre es mit einem Album? Einem Auftritt auf einem Festival? Könnte er nicht auch modeln? Für einen Kosmeti-Werbespot sein Gesicht mit der neuen Männerpflege waschen? Nudeln bestellen für eine Restaurant-Werbung? Eine Flasche Pepsi aufmachen für einen TV-Spot?

Er tritt jetzt auch mit internationalen Rappern auf: Twista, Nelly, Soulja Boy, Mims. 

"Kennst du die noch?"

Mikis weiß, er lebt in einem besonderen Land. Burma ist das Land mit dem längsten Bürgerkrieg der Welt, die Militärdiktatur ist noch nicht lange her. Die gesellschaftlichen Konventionen sind etwas anders.

Einmal hat er in einer Bar, etwas übermütig, den Arm um eine Frau mit vielen Tattoos gelegt und ein Selfie gemacht. Am nächsten Tag war er auf allen Klatschblättern Burmas: MIKIS HAT EINE NEUE FREUNDIN! UND DANN AUCH NOCH EINE SCHLECHTE!

Er hat dann noch ein Foto gemacht, auf dem er seinem Kumpel umarmt und darunter geschrieben: "Don't worry, these guys are my real friends."

Er wollte die Klatschblätter trollen. Aber am nächsten Tag habe auf der Titelseite gestanden: MIKIS HAT DOCH KEINE FREUNDIN. MIKIS IST SCHWUL!

Mikis lacht. Das mit dem Mädchen war wohl wirklich ein kultureller Fauxpas. Man fasst hier nicht so einfach fremde Frauen an. Mikis gibt sich Mühe bei so was, er lernt noch. Er hat eine burmesische Freundin, opfert täglich einer kleinen, goldenen Buddhastatue und besucht regelmäßig einen Tempel.

Zur Sicherheit dürfen Journalisten seine Haustür nicht mehr abfilmen. Mikis hatte auch schon eine Stalkerin und man weiß nie bei den Mikis-Ultra-Fans.

„Schlimmer sind Besoffene, die dir ewig die Hand schütteln und nicht mehr loslassen. Oder Leute, die mich beim Essen fotografieren. Die Handyvideos durch die Autoscheibe machen mir nicht so viel aus.“

Dazu kommen die Filme, Mikis spielt den Liebhaber und Schwiegersohn. "Mutters Liebling", sagt Mikis. Einmal, zweimal, dann fünfmal."Der Typ, der nach Burma gekommen ist, sich unsterblich in das Land und in eine Frau verliebt. Mal Lehrer, mal Businesstyp. Und einmal war ich englischer General."

Mikis weiß, dass er die Rollen auch bekommt, weil er weiß ist. Er ist der einzige Westler, der die Sprache genügend spricht. "Ich hab das Monopol". Nebenbei unterrichtet Mikis noch Deutschkurse am Goethe-Institut. Seine Eltern finden, er sollte auch einen richtigen Job haben.

Und was steht als Nächstes an? "70 Drehtage für eine Psycho-Thriller-Sci-Fi-Serie", sagt Mikis. Er darf zum ersten Mal eine Rolle spielen, die ihn wirklich interessiert: einen ausländischen Gangster-Boss.

"Keine Ahnung. Man macht halt dieses und jenes, ne? Ich bin ja einfach ein normaler Typ und immer wieder überrascht, wie man in der Waschtrommel des Lebens in die absurdesten Stories rutscht."


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