"Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?": Vielen dürften die Zeilen von Johann Wolfgang von Goethes "Erlkönig" noch aus dem Deutschunterricht im Gedächtnis sein – klar, ist er doch wohl der bekannteste Dichter Deutschlands. 

In Weimar hat das Künstlerkollektiv "Frankfurter Hauptschule" das Gartenhäuschen des Dichters mit Klopapier beworfen. Goethes Werk strotze vor "erotischen Hierarchien zu Ungusten seiner Frauenfiguren", sagen sie. Speziell richtet sich ihre Kritik gegen das Gedicht "Heidenröslein", in dem Goethe eine Vergewaltigung verharmlose.

Die Künstlerinnen und Künstler, hauptsächlich Studierende aus dem Raum Frankfurt, veröffentlichten ein Video ihrer Aktion – unterlegt mit einer Vertonung des Gedichtes. In der letzten Strophe heißt es da: "Und der wilde Knabe brach / ’s Röslein auf der Heiden; / Röslein wehrte sich und stach, / Half ihm doch kein Weh und Ach, / Mußt’ es eben leiden."

Schon früher hatte die Künstlergruppe mit Aktionen auf sich aufmerksam gemacht: Mit einer "Heroin-Performance" wehrten sie sich gegen die Vertreibung Süchtiger aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel, bei der Biennale Wiesbaden inszenierten sie einen rechtsextremen Übergriff durch die Identitäre Bewegung. 

Wir haben mit einem Mitglied der "Frankfurter Hauptschule" gesprochen – über den richtigen Umgang mit Goethes Werk und das Spannungsverhältnis von Prolligkeit und Intellektualität.

Frühere Aktionen von euch richteten sich gegen Gentrifizierung oder die Identitäre Bewegung. Warum jetzt Goethe?

"Die Ideen zu unseren Aktionen enstehen oft zufällig in irgendwelchen Kneipengesprächen. Wir haben über MeToo und die Auswirkungen auf die Kunst gesprochen. Da war gerade die Diskussion um das Gedicht von Eugen Gomringer aktuell, den vorher kein Mensch kannte (SPIEGEL ONLINE). Bei ihm gab es das, aber Goethes Werk wird öffentlich nur selten kritisiert. Goethe war vielleicht nicht der schlimmste Mensch der Weltgeschichte, er spielt in der deutschen Kultur aber eine wichtige Rolle. Daher kam uns die Idee, uns auch mal kritisch mit seiner Arbeit auseinanderzusetzen."

Und warum Klopapier?

"Es ist ein eindeutiges Zeichen. Jeder weiß ja, was man eigentlich mit Klopapier macht. Wir fanden diesen verhüllenden Charakter auch ganz schön. So etwas wie ein 'degenerierter Christo'."

Was findet ihr noch problematisch an Goethe?

"Die Frauenfiguren in seinen Werken wirken häufig eher schwach: 'Faust' ist ein gutes Beispiel. Gretchen ist 14 Jahre alt und wird eher dumm und naiv dargestellt. Faust dagegen ist der schlaue, rastlose Denker. Bei Goethe sind meist die Männer die Handelnden und die Frauen passiv. 

Auch in Goethes Leben gab es ja einige etwas komische Episoden mit jungen Frauen: Als 40-Jähriger verführte er die 23-Jährige Christiane Vulpius und schwängerte sie. In der Folge hielt er sie von seinem Wohnhaus im Zentrum Weimars fern, da er sich für die nicht standesgemäße Verbindung mit einer Putzfrau schämte. Er schob sie in sein Gartenhaus ab. Noch mit weit über 70 bedrängte Goethe die 17-Jährige Ulrike von Levetzow. Immer wieder beutete er Frauen emotional aus, ließ seine Partnerinnen sitzen und verschwand. Außerdem befürwortete er als Jurist vehement die Hinrichtung einer verwirrten, mittellosen Dienstmagd, die ihr Neugeborenes umgebracht hatte." 

Die für das Gartenhäuschen zuständige Stiftung sagte ja, sie fände die Kritik berechtigt und hätte gegen die Aktion eigentlich nichts gehabt – hättet ihr aufgeräumt.

"Die Reaktion fanden wir lustig. Sie haben gesagt, dass sie es klasse finden, wenn junge Leute etwas Kreatives mit Goethe machen – aber wir hätten das Klopapier auch wieder wegmachen sollen. Was wäre das denn für ein Zeichen, wenn wir Klopapierrollen auf das Haus werfen und die dann alle wieder mitnehmen? Aber die wissen ja auch, wie man PR macht. Wahrscheinlich finden die unsere Aktion in Wirklichkeit eher nicht so gut."

An wen richtet sich die Kritik in erster Linie?

"Natürlich nicht ausschließlich an die Klassik Stiftung Weimar. Es geht um den gesellschaftlichen Umgang mit Goethe als Identifikationsfigur. Er ist in der deutschen Geistesgeschichte eine herausragende Figur, war aber ein behäbiger, bürgerlicher Typ. Er war mehr für Burgfrieden als für Revolution – in den gesellschaftlichen Besitzverhältnissen, und auch was althergebrachte Geschlechterrollen angeht. Wir haben eben das Gefühl, es gibt einen scheinheiligen Umgang mit Goethe."

Wie wäre denn der richtige Umgang mit Goethes Werk? Es ganz aus den Schulen zu verbannen?

"Gedichte wie das 'Heidenröslein' werden heute in der Schule noch behandelt. Junge Schülerinnen und Schüler müssen das auswendig lernen. Aber wird das Ganze auch inhaltlich kritisch hinterfragt? Entweder streicht man es aus dem Lehrplan oder man sagt dazu, dass das 'humoristische Vergewaltigungslyrik' ist."

Ist es nicht seltsam, dass ihr euch mit eurem Namen über Hauptschüler lustig macht, und gleichzeitig Goethe intellektuell kritisieren wollt?

"Überhaupt nicht. In unserer Arbeit spielt Humor eine wichtige Rolle, aber wir kritisieren einfach offensichtlichen Sexismus.  Der Name 'Frankfurter Hauptschule' eröffnet ja dieses Spannungsfeld zwischen prolliger Hauptschule und der intellektuellen Frankfurter Schule. Wir suchen einfach gesellschaftliche Schmerzpunkte. Wir sehen die 'Frankfurter Hauptschule' als pädagogisches Projekt. Und wir gehen davon aus, dass man in Konflikten am meisten lernt. Deswegen versuchen wir, davon so viele wie möglich vom Zaun zu brechen."

Das heißt, ihr seid die prolligen Intellektuellen?

"Die meisten Mitglieder von uns sind Kunststudierende. Als intellektuell würde sich da, glaube ich, eher niemand bezeichnen. Zwei von uns waren sogar auf der Hauptschule."


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