Tattoos sind Kunst. Diese Künstlerin erklärt, warum.

Marilyn Rondón sieht aus wie eine lebende Leinwand: Ihre Schultern sind tätowiert, ihre Oberarme. Der Rücken, die Beine, der Hals, die Finger. Ihr Dekolleté, ihr Gesicht. Sogar ihre Augenlider. Das war ihre Art, mit Vorurteilen und Ausgrenzung umzugehen. Sie kam mit fünf Jahren als Immigrantin illegal aus Venezuela in die USA.

Obwohl sogar in Deutschland jeder zweite unter den 30-Jährigen sagt, dass Tattoos geil sind (Allensbach-Umfrage), werden Tätowierte immer wieder mehr oder weniger verstohlen gemustert, manchmal sogar angefeindet. Rondón erzählt in einem Interview mit dem "Inked Magazine", dass Taxifahrer glaubten, sie sei eine Prostituierte. Als Barkeeperin wurde sie von einigen Gästen gemieden, die sie "gruselig" fanden. Ihr Ex-Freund sagte ihr, er wolle nicht, dass die Mutter seiner Kinder ein Gesichtstattoo habe. Sie verließ ihn. Und ließ sich "Respect" ins Gesicht schreiben.

Rondón hat genug von den Vorurteilen. Ihr Kinderbuch "Why Does Mommy have Tattoos?" soll den Menschen von klein auf Tattoos als Kunstform nahebringen. Sie erzählt darin mit vielen bunten Illustrationen die Bedeutung und Entstehung ihrer eigenen Tattoos.

In der Fotostrecke: Hier kannst du einige Illustrationen aus dem Buch sehen
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Im Interview mit bento erzählt die Künstlerin von ihren Erfahrungen und warum Tattoos das perfekte Bullshit-Barometer sind.

Warum ist es wichtig Kindern zu erklären, dass ihre Eltern Tattoos tragen?

Ich werde täglich nach meinen Tattoos gefragt. Da habe ich mir überlegt: Wenn schon Erwachsene ständig danach fragen, dann werden Kinder noch neugieriger sein, warum die Haut ihrer Eltern von Tattoos bedeckt ist. Ich habe zwei Jahre lang als Nanny einer Zweijährigen gearbeitet. Sie lernte gerade sprechen, zeigte immer wieder auf meine Tattoos und fragte "Why?".

Warum glaubst du, haben viele Vorurteile?

Ich denke, die meisten Vorurteile entstehen aus Angst vor Dingen, die man nicht kennt oder versteht. Oder aus Ignoranz, weil man die Unterschiede zwischen anderen Menschen und sich auch gar nicht verstehen will.

Das sind die schönsten Bilder von Marilyn Rondóns Instagram Account

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Du sagst, dass Tattoos eine Kunstform sind, eine Art sich auszudrücken. Was drückst du damit aus?

Ich habe beispielsweise 'thoughts become things' – 'Gedanken werden zu Dingen' – auf meine Stirn tätowiert, eine Erinnerung an mich selbst, immer positiv zu bleiben. 'No hate' und 'No fear' – 'Kein Hass' und 'Keine Angst' – steht auf meinen Augenlidern, denn diese beiden Worte will ich nicht benutzen in meinem Leben, sie sind Gift. Wenn die Leute mich danach fragen oder meine Tattoos sehen, denken sie ebenfalls über diese Dinge nach und was Angst und Hass für sie bedeuten.

In einem Interview hast du erzählt, dass du geschockt warst, als deine Schwester mit ihrem ersten Tattoo nach Hause kam. Du warst damals elf Jahre alt. "Warum hast du dir das angetan? Tattoos sind ekelhaft!", hast du ihr gesagt.

Ich bin älter geworden, habe mir selbst Tattoos stechen lassen, ich kam in Berührung mit der Tattoo-Szene in New York City. Meine Vorurteile basierten auf der Art, wie meine Eltern mich erzogen haben. Ich bin in einem streng katholischen Haus aufgewachsen. Nachdem ich das erkannte habe, habe ich mir eine eigene Meinung zugestanden und wurde sehr viel offener. Ich verurteilte meine Schwester damals, weil mein Eltern es taten.

Es gab Momente in deinem Leben, da hast du deine Tattoos bereut. Was ist passiert?

Es war die Art, wie Männer mich damals angeschaut haben und die Kommentare, die nörgelnde alte Menschen mir im Vorbeigehen an den Kopf warfen. Menschen merken nicht, was ihre Worte auslösen können, vor allem, wenn man selbst psychisch instabil ist. Ich habe damals gerade meinen Vater verloren und habe Trost in Alkohol und Drogen gesucht.

Ich wollte mich nie wieder so fühlen und habe mir immer mehr und mehr Tattoos stechen lassen – als eine Art Bullshit-Barometer: Sie können sehr hilfreich dabei sein, zu erkennen, welche Menschen man in seinem Leben haben möchte und welche nicht. Einfach daran, wie Menschen auf Tattoos reagieren. Heute bereue ich nicht mehr, wer ich bin.

Marilyn Rondón

Marilyn Rondón ist 1987 in Venezuela geboren. Mit fünf Jahren zog sie mit ihren Eltern in die USA und hat seither immer wieder in New York und Florida gelebt, zuletzt in Miami. Von klein auf malte und zeichnete sie, auf einer Kunstschule lernte sie Grafikdesign. Ihr erstes Tattoo ließ sie sich mit 18 Jahren auf das Handgelenk stechen, dort steht: "Innocence is bliss" – Glückselig sind die Unschuldigen. An ihrem Buch "Why Does Mommy Have Tattoos?" hat sie mehrere Jahre gearbeitet, weil sie nebenher immer mehrere Jobs annehmen musste. Heute lebt sie von ihrer Kunst, was unter anderem Modeln, Zeichnen, Schreiben und Fotografieren beinhaltet. Auf Instagram hat sie über 37.000 Follower.

"Why Does Mommy Have Tattoos?" gibt es bei Amazon.de.


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Syrische Kinder bitten mit Pokémon um Hilfe
Was steckt dahinter?

Es sind herzzerreißende Bilder: Traurig schauen Kinder in die Kamera und halten Schilder in die Höhe, auf denen Pokémon zu sehen sind. Darunter stehen Sätze wie "Ich bin aus Kafranbuda. Rette mich." Oder: "Ich bin hier in Kafranbel, im Umland von Idlib. Kommt, rettet mich." Während die Menschen an vielen anderen Orten der Welt auf die Straßen gehen, um Pokémon zu fangen, scheinen sich diese syrischen Kinder vor allem nach Sicherheit und einem normalen Leben zu sehnen.