Wenn die Wirklichkeit eine grausame Fratze trägt, dann muss man sie sich schön malen. Deswegen malt Abu Malik eine Blumenvase an die nackte, brüchige Wand, eine Lampe daneben, er zeichnet einen Kleiderständer und einen Fernseher. Schon wird aus einem staubigen und von Bomben zerstörten Zimmer irgendwo in Syrien wieder ein Abbild des Alltags.

Eines längst vergangenen Alltags:
(Bild: Abu Malik al-Shami)

Abu Malik al-Shami ist 22 Jahre alt und lebt in Syrien. Er begleitet den seit mehr als fünf Jahren tobenden Bürgerkrieg im Land mit Graffiti. Auf Ruinen in Rebellenstädten malt er seine Bilder, sie zeigen Kriegsverbrechen, machen sich über Islamisten lustig und setzen Zeichnen der Hoffnung.

Das sind seine Bilder:
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Für seine Botschaften wird Abu Malik im Land mittlerweile als "Syrian Banksy" bezeichnet.

bento hat ihn aufgespürt und mit ihm gesprochen. Er sagt, er engagiere sich bei den Rebellen, die gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad kämpfen. Deshalb hält er seinen wirklichen Namen auch geheim, Abu Malik al-Shami ist sein Künstlername.

Er sagt, er kämpfe für die einst größte Rebellengruppe im Land, die "Freie Syrische Armee" (FSA). Heute sind von der FSA nur noch wenig übrig. Viele Kämpfer sind tot, andere schlossen sich islamistischen Gruppen an, sie zahlen besser.

Abu Malik selbst will mit den Radikalen aber nichts zu tun haben: "Ich glaube immer noch an die Jasmin-Revolution, egal, wie viele Feinde aus aller Welt sie ersticken wollen." Als Jasmin-Revolution werden oft die Aufstände des Arabischen Frühlings von 2011 bezeichnet.

Der syrische Bürgerkrieg

Der Bürgerkrieg in Syrien begann im März 2011 mit friedlichen Protesten gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Dieser schlug die Aufstände brutal nieder, Tausende wurden in Foltergefängnisse gesperrt. 

Die "Freie Syrische Armee" (FSA) rief zum bewaffneten Kampf gegen Assad auf. Im Chaos etablierten sich bald islamistische Milizen, darunter der "Islamische Staat" (IS), der große Teile Syriens eroberte. Von der FSA blieb fast nichts übrig.

Daraufhin flog ein internationales Bündnis der USA Luftschläge gegen den IS; Russland, der Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz unterstützen Assads Armee. Menschenrechtler schätzen, dass bislang Hunderttausende Menschen ums Leben kamen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr zu Syrien auf bento.

Abu Malik kommt eigentlich aus der Hauptstadt Damaskus. Als der Krieg ausbrach, hatte er gerade angefangen zu studieren. Er nahm an Anti-Assad-Demonstrationen teil, malte seine ersten Graffiti und wünschte sich eigentlich nur ein gerechteres Syrien – nicht unbedingt die Absetzung der Regierung. So erzählt er es.

Als Assad jedoch die Aufstände immer brutaler niederschlagen ließ, habe er es nicht mehr ausgehalten: 2013 ging er nach Daraja, ein Vorort im Süden von Damaskus. Er sagt, er sah dort "eine Landschaft in Ruinen". Das Regime belagert die Stadt, Tausende Menschen sind dort von Lebensmitteln und Medizin abgeschnitten (bento I). Abu Malik schloss sich den Rebellen in Daraja an, gleich am ersten Tag habe er den Umgang mit einer Kalaschnikow lernen müssen.

"In Daraja lernte ich erst schießen – und dann, mich mit Bildern auszudrücken."

Zu den Protest-Graffiti habe ihn ein Freund animiert, der bei einem Bombardement der syrischen Luftwaffe umkam. "Ich wollte Bilder malen, die aus der Realität der Revolution entwachsen." Farbe und Pinsel grub er aus einem Geschäft, das bei einem Angriff eingestürzt war. Dann begann er, Ruinen mit Botschaften zu versehen.

Tagsüber kämpfte er, nachts malte er die Bilder.

Sein erstes Graffiti zeigte ein Mädchen, dass einem Soldaten Schulunterricht gibt. Mit einem Stab zeigt sie auf ein großes Herz.

Abu Malik will anonym bleiben. Dieses Bild ziert seine Social-Profile.

Fast alle Bilder folgen dieser Sprache: Ein Mädchen, das auf Schädeln steht und das Wort "Hoffnung" schreibt, ein Soldat, der rote Nelken aus einem Granatwerfer feuert oder eine Gruppe Schüler, die auf der Tafel eines zerstörten Klassenzimmers weiterleben.

"Die Bilder sollen helfen, eine andere Geschichte vom Krieg zu erzählen als die, die die syrischen Medien verbreiten", sagt Abu Malik. Viele syrische Zeitungen und Fernsehsender berichten nur, was das Assad-Regime zulässt. Dann sehen Städte wie Aleppo, die zu Teilen komplett zerstört sind, plötzlich wunderschön aus (bento II) und der Sommerurlaub an der syrischen Küste wird zum Vergnügen (bento III). Fotos seiner Arbeiten streut Abu Malik vor allem auf Facebook.

So nehmen junge Syrer ihr Land wahr:

"Am Anfang hatte ich Angst vor den Reaktionen", sagte Abu Malik – aber viele Syrer würden ihm auf Facebook aufmunternde Nachrichten schicken. Die Bilder seien für viele "eine Motivation, durchzuhalten" – sie würden den Protest auf längst zerstörten Häusern lebendig halten.

Im Sommer wurde Daraja von der syrischen Armee angegriffen, Abu Malik floh mit anderen Kämpfern ins nördliche Idlib. Er sagt, er habe sich bereits neue Farbe besorgt.

Im Slider – die Fakten zum Bürgerkrieg:
Der Syrienkrieg begann im März 2011 – nach wenigen Wochen friedlichen Protests.
Knapp eine halbe Millionen Menschen sind ums Leben gekommen – jeder zehnte Syrer.
Nachweislich wurden Giftgas und geächtete Splitterbomben eingesetzt.
Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 70,5 Jahre auf 55,4 Jahre gesunken.
Die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr als sechs Millionen davon im eigenen Land.
Drei Millionen Menschen haben Syrien verlassen, die meisten leben in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern.
85 Prozent der Menschen in Syrien lebten 2015 in Armut. Zwei Drittel aller Syrer haben ihre Jobs verloren.
Jeder Fünfte verdient sein Geld nun mit dem Krieg: als Kämpfer, Kidnapper, Plünderer oder Schleuser.
Die Hälfte der Kinder im schulpflichtigen Alter geht nicht mehr zur Schule.
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Gerechtigkeit

Fast jeden Tag greifen Rechte Unterstützer von Flüchtlingen an
Das geht aus einem neuen Bericht des Bundeskriminalamts hervor.

Immer wieder werden in Deutschland Flüchtlinge und ihre Unterstützer angegriffen. Es vergeht kaum eine Woche, in der es keine Meldungen über neue Attacken gibt. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat jetzt nachgezählt, wie viele Übergriffe es seit Anfang des Jahres gegeben hat – und das Ergebnis ist erschreckend.

Die Polizei hat in diesem Jahr bereits mehr als 450 Angriffe auf Politiker und Flüchtlingshelfer registriert. Dabei richteten sich 317 Straftaten gegen Politiker und 144 gegen ehrenamtliche Helfer oder Organisationen.

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