Bild: Ernest Zacharevic
Wenn Streetart dir im Kopf bleibt

Das, was schon gegeben ist und das, was im Kopf umherschwebt: Ernest Zacharevic, 29, mischt beides, um auf den Straßen weltweit Kunstwerke zu schaffen.

Auf ein Garagentor, an dem ein Moped lehnt, malt er ein Kind mit Soldatenhelm. Nun lebt die Szene, das Kind, der Roller, es sieht aus, als würden sie sich bewegen, davon rasen.

Auf eine Hauwand malt Ernest Papageien – und einen Jungen im Papageienkostüm.

Und auf den Rollläden eines Kiosks prangt ein Schriftzug von Ernest, "Enjoy Graffiti", angelehnt an Schriftart und Slogan der Marke Coca-Cola.

Ernest bricht mit den Erwartungen, die wir haben, wenn wir uns in der Öffentlichkeit bewegen. Was vorher grau war, ist danach bunt, was vorher leer war, hat plötzlich Sinn. Wenn Ernest einen Ort nach einer Streetart-Aktion verlässt, ist nichts, wie es war – und anstatt wie gewöhnlich an diesem Ort vorbeizurennen, nehmen die Menschen ihn schlagartig wahr.

Was mit der Kunst passiert, wenn Ernest fertig ist: Er nimmt keinen Einfluss darauf. Vielleicht bleibt seine Streetart, vielleicht führt jemand sie weiter. Vielleicht kommt jemand, steigt auf das Moped – und dann macht das aufgemalte Kind auf dem Garagentor keinen Sinn mehr. Ernest hat aber in jedem Fall Fotos gemacht, die er hochlädt und in soziale Netzwerke streut.

In der Fotostrecke: Was hat diese Kunst zu bedeuten?
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Ernest Zacharevic ist in Vilnius geboren, er studierte Kunst in London, danach zog er nach Malaysia. Von sich selbst sagt er, dass er wohl die meiste Zeit seines Lebens auf der Straße verbracht hat, bei der Kunst. Um etwas zu kreieren, das den Betrachter anregt, eigene Gedanken zu entwickeln.

Was bedeuten ein Kind, ein Soldatenhelm, ein ängstlicher Blick? Was bedeuten Papageien mit aggressiven Augen? Hat es etwas zu bedeuten, dass die Farbe manchmal verschmiert wirkt?

Weder das Werk selbst, noch Ernest antworten. Die Kunst ist einfach da in der Umgebung, die uns allen gehört und die an dieser einen Stelle kurz irritiert. Warum: Kann sich ja jeder selbst denken.

Mehr von Ernest auf Instagram:
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Alltag, Zeit, Gemeinschaft: Hier beschreibt Ernest, was er über diese Themen denkt.
DRAUSSEN

Meine Arbeit besteht vor allem darin, herumzulaufen, Orte und Ecken für meine Kunst zu erkunden. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ein richtiger Outdoor-Künstler bin, weil ich während meiner Arbeit auch viel drinnen bin, um zu planen. Ich mag es spontan, es gibt keine Routinen. Manchmal schlendere ich einfach herum, seh mir Nachbarschaften an, sammle Müll, lasse mir Ideen durch den Kopf gehen.

PROVOKATION

Meine Arbeit ist nicht provokativ. Sie schlägt etwas vor. Ich will Fragen stellen. Ich finde, dass das, was dem Betrachter in den Sinn kommt, wenn er vor dem Kunststück steht – und das ist etwas ganz Individuelles – genauso wichtig ist, wie das Kunststück selbst.

BANKSY

Dreh die Zeit zehn Jahre zurück. Denk dir ein Kind in Ost-London, ich bin es, das gerade eine Leidenschaft entwickelt für öffentliche Kunst und auch ein bisschen verwirrt ist vom Gedanken: Was soll aus mir werden?

Zu entdecken, was Banksy macht, das fühlte sich für mich an wie ein Stoß frischer Luft, wie ein Licht am Ende eines sehr dunklen Tunnels voller möglicher Berufe. Rein künstlerisch haben wir nicht viel gemeinsam, weil wir verschiedene Ziele haben: Er kritisiert Zustände, ich weniger.

Trotzdem ist Banksy für mich ein Großer, der mit seiner Kunst immer wieder überrascht – und mich deshalb sehr inspiriert.

GEMEINSCHAFT

Ich male allein. Ich arbeite aber auch mal im Team. Hinter einem Kunstwerk steht oft eine richtige Logistik und viel Gehirnschmalz meiner Mithelfer.

ZEIT

Wenn ich eine Stelle gefunden habe, an der ich meine Kunst anbringen will und kann, bin ich immer wieder dort. Das Kunstwerk selbst dauert meistens Tage, manchmal Wochen. Das lässt kaum Raum für Geheimnisse – wenn ich anfange zu malen, bekommen das sofort Leute mit.

Ernest Zacharevic: draußen, bei der Arbeit.(Bild: Tan Wei Ming)
ALLTAG

Ich verbringe die Tage auf der Straße, ich arbeite an Projekten, besuche Festivals. Ich habe das Gefühl, ich muss mich aber auch mal von der Kunstsache lösen, etwas ganz anderes machen, ausbrechen. Einen solchen Ausbruch wird es bald geben. Ich weiß noch nicht genau, was dann passiert. Es wäre auch zu früh, das jetzt schon zu verraten. Aber: Ich werde es auf meiner Webseite bekanntgeben.


Gerechtigkeit

Neue Fremdenfeindlichkeit in England: Deutsche Oma weint im britischen Radio

In der vergangenen Woche stimmte Großbritannien für den Ausstieg aus der EU. (bento) Seitdem zeigt sich an der rapide angestiegenen Zahl von fremdenfeindlichen Übergriffen und Anfeindungen gegenüber Einwanderern und ausländisch aussehenden Briten, was für viele Ausstiegsbefürworter wohl der wahre Grund für ihre Stimme war. Offener Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gehören seit dem Wochenende zum traurigen Alltag.

Im britischen Radiosender LBC London News hat nun eine seit den Siebzigern in England lebende Deutsche unter Tränen von ihren traumatischen Erfahrungen der vergangenen Tage berichtet.

"Ich bin seit drei Tagen nicht aus dem Haus gewesen", berichtet die ältere Dame dem Radiomoderator. "Der Enkel meiner Freundin wurde verprügelt, nur weil er eine ausländische Oma hat. Meine Haustür wurde mit Hundekot beschmiert und meine Nachbarn haben mir gesagt, dass sie mich in dieser Straße nicht mehr sehen wollen." Freunde wollen nicht mehr mit ihr befreundet sein. Sie sagten ihr: "Geh zurück nach Hause."