Im Moment der Schwäche drückt Nir Arieli ab.

Jemand hat ihnen die Energie genommen. Erschlafft liegen sie dort, wie tot. Die Tanzgruppen, die der israelische Fotograf Nir Arieli, 30, auf seinen Bildern zeigt, bewegen sich nicht. Stattdessen scheinen sie zu schlafen, ineinander verhakt, ihre Körper türmen sich zu Bergen auf.

Für die Serie "Flocks" reiste Nir Arieli zweieinhalb Jahre durch New York, Chicago, Tel Aviv und Kalamta in Griechenland. Er besuchte preisgekrönte Tanzgruppen, Leistungstänzer, und betrachtete sie beim Proben. Die Hektik auf der Tanzfläche interessierte ihn dabei nicht. "Ich wollte wissen, was übrig bleibt von den Menschen, wenn sie aufhören zu tanzen", sagt er.

Das sind die Fotos von Nir Arieli – die Slideshow:
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Übrig bleiben Menschen, die ohne grelles Bühnenlicht und aufregende Kleider plötzlich ganz anders aussehen. Nackt. Manche wirken friedlich, andere haben Sorgenfalten auf der Stirn.

Wenn das Make-up bröckelt, die Show vorüber ist, erst dann – und nicht vorher – lasse sich ein echter Blick auf die Darsteller hinter der Kulisse erhaschen, findet Arieli. Fürs Foto werden die Tänzer seine Marionetten, die auf seine Anweisung genau das tun, was sie sonst nie machen: schwach werden.

Aus synchronen Perfomances und präzise einstudierten, aufeinander abgestimmten Bewegungen treten Individuen hervor, die noch ganze viele andere Dinge im Kopf haben als die Abläufe von Choreografien.

Der Künstler – und was er faszinierend findet: Tänzer(Bild: Nir Arieli)

"Der Glamour ist mir egal. Ich will die dunklen Seiten der Menschen sehen und zeigen", sagt Arieli. Dunkel sei die Verletzlichkeit derer, die eben noch stark und voller Kontrolle schienen. "Wenn ich anfange, mit den Gruppen zu arbeiten, dann sage ich immer: Lasst keine Zwischenräume mehr zu, lasst euch fallen, seid euch nah und spürt euch." Ja, das vermitteln die Bilder: Wenn es eng wird, wird es ehrlich.

Arielis Menschenhaufen erinnern den Betrachter vielleicht nicht nur an erschlaffte Leichtigkeit – sondern auch an die Bilder von Horror und Tod, an die Berge menschlicher Leichen in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, die sich jedem einbrennen, der sie sieht.

"Viele assoziieren meine Kunst mit diesen Bildern", sagt Arieli. "Ich hatte den Holocaust nicht im Kopf, als mir die Idee zu dieser Reihe kam. Die Interpretation überlasse ich am Ende aber jedem selbst."

Wacher Blick – und Verletzlichkeit

Auf einem der Bilder schaut einer der Tänzer den Betrachter mit wachem Blick an, während alle anderen mit geschlossenen Augen dort liegen. Ein Stück Leben, das die Stille, die Arielis Bilder transportieren, durchbricht. "Ich selbst tanze gar nicht", sagt Arieli. "Aber ich betrachte Tänzer, als sei ich ein Kind, das Helden mit Superkräften beobachtet."

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