Ein Fahrradunfall, ein geplatzter Blinddarm. Ein umgeschütteter Wasserkocher, ein beschissenes Jahr, ein zu scharfes Messer.

Leben hinterlässt Spuren. Manche davon bleiben für immer sichtbar auf unserer Haut.

Viele Menschen mögen ihre Narben nicht. Weil sie an schmerzhafte Ereignisse erinnern. Weil die Haut an diesen Stellen anders aussieht, vielleicht weil andere Menschen dorthin starren.

Ein Projekt der englischen Fotografin Sophie Mayanne zeigt, dass das nicht so sein muss. Auf ihren Fotos zeigen Menschen ihre Narben – und erzählen die Geschichten dahinter.

Und obwohl jede Narbe von einer schmerzvollen Erfahrung zeugt, erzählen die Menschen dahinter auch von Stärke, von Schönheit und von Hoffnung.

Wir zeigen einige der Porträts – und lassen die Fotografin erzählen, was die Arbeit daran für sie selbst bedeutet.
Chloe
(Bild: Sophie Mayanne)

"Ich habe mit 13 angefangen, mich selbst zu verletzen, und seitdem kämpfe ich damit. Das Problem dabei ist, dass es immer schlimmer wird. Am Ende fügst du dir selbst viel mehr Schaden zu, als du es anfangs für möglich gehalten hättest. Es ist wirklich eine Sucht.

Und irgendwann sagen dir die Ärzte dann, dass auch plastische Chirurgie nichts mehr am Aussehen der Narben ändern kann. Alles, was dir dann übrig bleibt, ist, deine Narben so sehr zu lieben, dass alle negativen Verbindungen dazu langsam verschwinden – zusammen mit dem Schmerz, der an den Narben hängt.

Meine Narben erzählen meine Geschichte, und das kann kein Gedanke und keine Meinung einer anderen Person ändern."

Billy
(Bild: Sophie Mayanne)

"Mit 18 wurde bei mir Ewings Sarcoma, ein seltener Knochenkrebs, diagnostiziert, der vor allem junge Menschen betrifft. Vor meiner Diagnose hatte ich noch nie von Ewings gehört – und keine Ahnung, wie sehr es mein Leben beeinflussen würde. Ein Teil der Behandlung war, dass mein Oberschenkelknochen durch Titanium ersetzt wurde, was eine Narbe mit der Länge meines Oberschenkels hinterließ. 

Lange Zeit dachte ich, dass die Narbe eine ständig Erinnerungen an die Zeit auslösen würde, in der ich im Krankenhaus lag und mir übel war. Aber langsam lerne ich, sie eher als Symbole von Gesundheit zu sehen, von Genesung und der Chance auf ein langes Leben. Ich kann zurücktreten und statt einem kranken Körper eine Person sehen, die motivierter ist als je zuvor."

Samantha
(Bild: Sophie Mayanne)

"Als ich 14 war, habe ich mit einer Handfeuerwaffe gespielt und ein Leben im Rollstuhl davongetragen. Aber anders, als du vielleicht denkst, habe ich nie einen Grund gesehen, mich davon zum Opfer machen zu lassen.

Meine körperlichen und seelischen Narben haben mich stark gemacht. Ich wollte Tennisspielerin werden – also bin ich Tennisspielerin geworden. Ich wollte Model werden – und, rate mal, bin Model geworden. Als Model für Diversität arbeite ich in der Modeindustrie und repräsentiere Menschen, die Einschränkungen haben, aber nicht eingeschränkt sind. 

Denn sie lieben, sie kämpfen, sie gewinnen, sie verlieren. Sie sind echt. Und meine Geschichte hilft ihnen zu sehen, wie wunderschön und wichtig sie sind. Alle Narben eingeschlossen."

Anna
(Bild: Sophie Mayanne)

"Im August 2016 ist ein LKW über meinen Arm gefahren. Das Rad kam auf meinem Ellbogen zum Stehen, wendete und zog meinen Arm und meine Haut mit sich weg.

Im letzten Jahr hatte ich fünf Operationen, zuletzt ein Knochentransplantat und eine Hauttransplantation von meinem Rücken. Die Dichterin Clarissa Pinkola Estés sagt: 'Türen zur Welt des wilden Ichs sind selten, aber wertvoll. Wenn du eine tiefe Narbe hast, ist das eine Tür.' Ich liebe dieses Zitat! 

In meinen Narben finde ich Stolz, Empfindsamkeit und Schönheit. Meine Arme wurden aus mir selbst wieder aufgebaut. Aber da ist auch Wut und Schmerz: Narbengewebe ist hart, trocken und unbeweglich. Es schränkt die Beweglichkeit meines Arms ein.

Aber ich glaube nicht, dass mein Schmerz und mein Stolz jemals getrennt werden können. Sie werden immer zusammenhängen. Ich fühle mich mit beiden Gefühlen verbunden – das gibt mir das Gefühl, so vielfältig zu sein, und das ist aufregend."

Noch mehr Bilder und Geschichten in der Slideshow:
Isabella: "Im Sommer '15 war ich in einem Hausbrand. Meine Kleidung und meine Art zu leben gingen dabei in Flammen auf. Meine Narben und das Narbengewebe verändern sich weiter, aber ich habe mich noch nie so schön gefühlt."
Elijah: "Auf die eine oder andere Art sind alle meine Narben selbst zugefügt. Auf Armen und Beinen habe ich Narben von Selbstverletzung. Ich bin ein Transmann und habe vor anderthalb Jahren mit der Geschlechtsangleichung begonnen.
Letzten Mai wurden meine Brüste entfernt. Die Narben davon sind jetzt auf meiner neuen Brust – der Brust, die ich immer wollte. Sie sind mein Gender, meine Identität.
Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine andere Brust gehabt zu haben. Ich bin befreit worden. Diese Narben stehen für so viel von dem, was ich erlebt habe."
"Meine Narben kommen von einem Feuer, das mit häuslichem Missbrauch zu tun hatte. Mit 29 wurde ich verbrannt, seitdem war es eine schwierige Reise.
Was mich daran tröstet: Die Narben machen mich zu dem, was ich heute bin. Ich nenne sie das wertvollste und teuerste Schmuckstück, das ich besitze."
Deborah: "Mein Leben wurde vor sieben Monaten auf den Kopf gestellt, als bei mir Darmkrebs diagnostiziert wurde. Menschen sagen mir, dass ich mutig bin. Aber das bin ich nicht – ich habe einfach keine andere Wahl.
Ich bin dafür, dass wir unsere Narben mit Stolz tragen – wissend, dass sie uns aufgebaut haben, statt uns zu bezwingen.
Ich bin immer noch ich, ich kann immer noch sexy sein, ich kann immer noch Spaß haben. Der Krebs muss nicht bestimmen, wer ich bin."
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Wer ist die Fotografin hinter den Bildern?

Sophie Mayanne ist 24 und arbeitet als freie Fotografin in London. bento hat sie erzählt, wie ihr die Idee zu "Behind the Scars" kam – und warum sie nie wieder Photoshop benutzen wird:

Wie bist du auf die Idee gekommen, Narben zu fotografieren?

Das erste Mal habe ich Narben als Teil einer Serie fotografiert, die das Konzept von Narben als Teil unserer Geschichte erforscht hat. Mein Interesse daran ist geblieben, und ich habe die Serie als persönliches Projekt weitergeführt.

Als Fotografin hat mich schon immer interessiert, was uns, auch im Kleinen, voneinander unterscheidet – und warum wir diese Unterschiede manchmal als Makel wahrnehmen. 

Hast du selbst Narben?

Ich habe eine kleine Windpocken-Narbe auf der Stirn und erinnere mich, dass ich als Teenager versucht habe, sie abzudecken. Ich glaube aber nicht, dass ich als Fotografin von etwas persönlich betroffen sein muss, um es gut abzubilden. Mein Job ist es, Geschichten ans Tageslicht zu bringen, die wir sonst vielleicht nicht hören würden, und Bilder zu schaffen, die eine positive Wirkung haben.

Warum findest du es wichtig, Narben zu zeigen?

Ich glaube, es ist wichtig, die Realität des Menschseins auf Fotos zu zeigen. Viele von uns haben Narben und eine Geschichte dazu. Ich finde, wir sollten uns mit diesen Geschichten und den Reisen, die wir hinter uns haben, wohl fühlen. Jüngere Generationen sollten in Medien und Fotografie eine ehrliche visuelle Darstellung von Menschen bekommen.

Wie war das erste Mal, als du Narben fotografiert hast?

Das war 2016: Ich fotografierte ein Model mit Stichwunden, das im Koma gelegen hatte. Er hatte eine unglaublich positive Einstellung, war gut aus der Sache herausgegangen und strebte nun eine Modelkarriere an.

Was hast du gelernt, seit du mit dem Projekt angefangen hast?

Ich habe viele, viele Dinge gelernt. Ich bin selbstbewusster geworden und fühle mich wohler in meiner eigenen Haut. Ich vertraue jetzt mehr in meine Fähigkeit, Menschen zu fotografieren. Und ich habe gelernt, wie wundervoll der menschliche Körper und Geist sein können.

Wie reagieren Menschen auf deine Bilder?

Sehr positiv. Manche fühlen sich mit den Menschen auf den Fotos verbunden. Manche fühlen sich ermutigt, sich mit in ihrer Haut wohlzufühlen, wenn sie andere sehen, die das tun.

Und wie ist es für die Menschen, die du fotografiert hast?

Für manche von ihnen hatte es eine therapeutische Wirkung, sich fotografieren zu lassen, andere fühlten sich noch mehr bestärkt. Wieder andere haben mitgemacht, weil sie wollen, dass junge Menschen, die Ähnliches erleben, jemanden haben, mit dem sie sich identifizieren können.

Lass uns Freunde werden!

Auf deiner Website findet sich ein Hinweis, dass du keine Körper digital nachbearbeitest. Wieso steht das da?

Der Hinweis steht da, damit ich das nicht jedem neuen Kunden erzählen muss. Die Behind the Scars-Fotos habe ich nie bearbeitet. Die Haut bleibt so, wie ich sie fotografiert habe. 

Vor ein paar Monaten habe ich einen Post von einem Model gesehen, das wegen Anorexie in eine Klinik eingewiesen wurde. Ich habe sie selbst vor vielen Jahren fotografiert – und ihre Fotos damals bearbeitet. Ich fühlte mich, als hätte ich damit irgendwie dazu beigetragen. Da habe ich beschlossen, dass ich keine Bilder mehr bearbeite. Ich werde nicht verflüssigen, weichzeichnen oder jemanden dünner machen.

Mehr von Sophies Werken findest du auf Instagram oder ihrer Website.


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