Bild: Imago/David Mühlfeld/Janina Wagner
Nach den Vorwürfen gegen Gzuz und Bonez MC fordert die Szene eine Sexismus-Debatte.

Am Dienstag vergangener Woche warf Gzuz' Ex-Partnerin ihm in ihrer Instagram-Story häusliche Gewalt vor (bento). Rapper Bonez MC wiederum machte sich auf Instagram über die Vorwürfe gegen Gzuz lustig. Doch auch gegen ihn soll bereits ein Verfahren wegen häuslischer Gewalt laufen, berichtet die Bild-Zeitung. Wer von Gzuz wissen wollte, was an den Vorwürfen gegen ihn dran ist, bekam keine inhaltliche Antwort – nur die Drohung einer Anwaltskanzlei, dass man nicht berichten dürfe. Mehrere Medien nahmen daraufhin ihre Artikel aus dem Netz, darunter auch das Portal rap.de. 

Jetzt fordert dessen Chefredakteur Oliver Marquart, es müsse endlich eine offene Debatte über #MeToo in der Deutschrap-Szene geben, denn das Problem sei strukturell. (Rap.de)

Rap hat also ein Problem mit Sexismus? Das überrascht ungefähr niemanden. 

Die "Süddeutsche Zeitung" zählte im Jahr 2017 Vorfälle auf der ganzen Welt, in denen Rapper wegen sexualisierter Gewalt vor Gericht standen, durchforstete Listen mit den schlimmsten Vergewaltigungs-Lyrics in Rapsongs und stellte fest: Trotzdem gibt es keinen Aufschrei von Betroffenen. Kein Rütteln an den Strukturen der Branche.

Kein #metoo, nirgends.

Das könnte sich jetzt ändern. Musikjournalist Marquart stellt auf rap.de vier Forderungen:

  1. Sexistische Texte dürfen nicht mehr verharmlost werden.
  2. Das Victim Blaming von Opfern von Sexismus und sexueller Gewalt soll aufhören.
  3. Frauen, die sexuelle Übergriffe erlebt haben, muss zugehört werden (#metoo).
  4. Dahinterliegende gesellschaftliche Strukturen, die Gewalt gegen Frauen normalisieren, müssen sichtbar gemacht werden.

Er habe selbst lange gedacht, sexuelle Gewalt in Rap-Texten sei okay, schreibt er. "Motto: Solche Inhalte provozieren, Provokation ist Kunst, Kunst darf alles." Heute sei ihm das peinlich. Zukünftig will er "das Thema viel ernster nehmen". 

Aktivistin und Musikjournalistin Salwa Houmsi sieht das etwas anders.

Nicht die Journalistinnen seien Schuld daran, dass das Thema bisher nicht ernstgenommen wurde, schreibt sie auf Instagram. Die machten schon seit Jahren auf Sexismus in der Branche aufmerksam. Das Problem seien Menschen in Machtpositionen: Booker, Manager, Produzenten - und Fans.

Dass die Fans genug haben, zeigte sich schon im Februar mit der Debatte über geplante Deutschland-Konzerte von R. Kelly. Dem US-Rapper wird seit Jahrzehnten vielfach sexuelle Gewalt gegen Kinder und erwachsene Frauen vorgeworfen. Eine Petition gegen die Deutschland-Tournee unterschrieben 240.000 Menschen. Der Veranstalter sagte die Konzerte zwar ab, kommentierte die Vorwürfe aber nicht. (bento)

Initiatorinnen der Petition waren die Musikjournalistin Salwa Houmsi und die Musikerin und DJ Gizem Adiyaman von Hoe-Mies (Vice). Wir haben mit ihnen über die Forderung nach einer #metoo-Bewegung für Deutschrap gesprochen.

Musikjournalistin Salwa Houmsi

(Bild: Janina Wagner)

Braucht der Deutschrap eine offene Sexismusdebatte?

Gizem und Salwa sagen: Ja. Salwa: "Ich glaube schon, dass wir ein #RapToo brauchen. Oder eher: ein #MeToo für die Medien- und Entertainment-Branche. Außer beim WDR wurden kaum einzelne Täter benannt". Es sei naiv, Sexismus nur als Rap-Problem abzutun. "Ja, Rap hat ein Sexismusproblem – wir alle haben eines."

Gizem sagt: "Gerade im Deutschrap gibt es jede Menge Geschichten zu erzählen." Ähnlich wie in Hollywood gebe es auch in der Hip-Hop-Industrie immer wieder Gerüchte. "Ich bin DJ und Veranstalterin, keine Rapperin. Aber ich bekomme so einiges mit. Von Rappern, Rapperinnen, Produzenten und Produzentinnen höre ich immer wieder von Sexismus und sexueller Gewalt".

Ein Problem sei das Verhalten von Rappern hinter der Bühne: "Auf einem Festival, bei dem ich war, wurden Frauen im Backstage von Rappern begrapscht. Da kam der Security-Typ, sagte: 'Komm, lass das mal' und hat ihn aus dem Backstage geworfen. Das Festival hatte sein eigenes Magazin. Da wäre es ein Leichtes gewesen, das öffentlich zu machen und Position zu beziehen. Zur Abschreckung, damit sich Männer nicht mehr so sicher fühlen bei solchen Grenzüberschreitungen."

Was in Hollywood die "Castingcouch" ist, ist im Deutschrap der Backstage-Bereich.

Auch im Umgang mit Künstlerinnen und Plattenfirmen gebe es Sexismus. Weil Rapperinnen selten seien, betreffe das weniger Fälle, aber "Frauen, die MCs sind, müssen krass tough sein im Umgang mit Männern und Sexismus. Da gibt es immer wieder Fälle, dass Rapper gedroht haben, gar nicht mal unbedingt sexualisiert. Aber auch das ist Sexismus: das Ausnutzen von Macht und Dominanz über weibliche Player", sagt Gizem. "Das sollte nicht so sein."

Ist Öffentlichkeit fair, wenn nur ein Verdacht besteht?

Gizem sagt: "Wenn Aussage gegen Aussage steht, muss man natürlich erstmal ermitteln. Aber wenn es in der Öffentlichkeit passiert und die einzige Konsequenz ist, dass der Security-Typ dazwischengeht, ist das zu lasch." Einen Pauschalverdacht gegen ganze Crews findet sie aber falsch. "Wir müssen über Einzelfälle reden und differenzieren."

Nicht immer helfe Öffentlichkeit, sagt Salwa. "Das ist nicht so einfach: Du sagst was und dann passiert was. Frauen wird ja nicht geglaubt."

Gizem: "Ich finde das wichtig, weil du ja nie weißt, wie vielen anderen Frauen es ähnlich geht. Denen zeigst du: Du bist nicht allein, das ist ein strukturelles Problem und nicht du bist das Problem. Sondern diejenigen die Grenzen überschreiten."

Wer ist Schuld an den #MeToo-Fällen in der Deutschrap-Branche?

Gizem findet, Medien müssten mehr über solche Fälle Berichten: "Menschen, die Meinung machen, müssen sich positionieren. Bei der R.-Kelly-Kampagne haben sich alle Deutschrap-Medien auf unsere Seite gestellt. Das war krass, weil es das erste Mal war, dass sie sich so feministisch positioniert haben."

Salwa sieht die Verantwortung auch im Management. "Alle, die das Geld verteilen: Manager, Booker, Labels. Diejenigen, die sagen: Wir buchen dich auf das größte Rapfestival. Die müssten in solchen Fällen konsequent sein und sagen: Nein, wir akzeptieren das nicht."

Beide meiden in ihrer Arbeit bestimmte Rapper. Gizem sagt: "Ich spiele keine Musik von Chris Brown, XXXTentacion und Kodak Black."

Klar, Deutschrap-Texte sind voller Gewalt. Aber nicht jeder Rapper ist gewalttätig. Muss man da nicht differenzieren?

"Da kenn ich gar nichts", sagt Gizem. "Gewalt gegen Frauen ist in Texten genauso scheiße wie in echt. Ich kann mir sowas auch nicht anhören. Das fängt aber schon früher an. Kennst du 'Erdbeerwochen' von KC Rebell? 'Bitch, du hast mein Herz gebrochen/Denn bei unserm ersten Date hattest du die Erdbeerwoche.' In der Periode steckt so viel Scham, das zu verstärken ist eigentlich emotionale Gewalt."

Und die Fans?

Gizem sieht auch die Fans in der Pflicht. "Diese R.-Kelly-Sache zeigt doch, dass finanzieller Boykott funktioniert. R. Kelly heult ja jetzt die ganze Zeit rum, dass er seine Anwälte nicht mehr bezahlen kann. Der hat aber fast 20 Jahre sein Unwesen getrieben. Ich fänd es schade, wenn wir in Deutschland so lange warten müssen. Außerdem gibt es so viele tolle Künstler, die keine Scheiße bauen. Wir sind doch gar nicht darauf angewiesen, die Musik von super problematischen Männern zu konsumieren."

Deutschrap-Fans sind oft noch sehr jung. Gizem sagt: "Ich gebe Unterricht an Schulen, die Kids sind 14, 15 und hören alle Deutschrap. Was die Künstler in ihrem Privatleben machen,  interessiert die nicht. Im Zweifel ist es noch cooler, wenn sie Dreck am Stecken haben."

Salwa sagt: "Ich würde nicht sagen: Hört keinen Gzuz mehr. Sondern: Kauft nicht mehr unbedingt Tickets, unterstützt ihn nicht finanziell. Macht die Songtexte nicht unter eure Instagram-Stories. Und wenn ihr den nicht loslassen könnt, ist das okay. Hört ihn halt zu Hause."

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, mit "MC" seien "Moderatorinnen von Rap-Battles" gemeint. Den Fehler haben wir korrigiert.

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Future

Ohne Zeiterfassung, ohne mich!
Was wir vom öffentlichen Dienst lernen können.

Wir alle müssen wohl bald "stempeln", "loggen" oder "chippen". Am Fließband, im Büro, in der Großküche. Das hat der Europäische Gerichtshof heute beschlossen. Denn Arbeitgeber müssen zukünftig die Arbeitszeiten ihrer Angestellten systematisch erfassen. (SPIEGEL ONLINE)

Ich habe sechs Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet. Während der Studienzeit im Nebenjob, danach in Vollzeit. 

Als jemand, der jahrelang gestempelt und später mit einem Chip seine Zeit erfasst hat, freue ich mich über dieses Urteil.