Popmusik genießt unter Kunstkritikern nicht unbedingt den besten Ruf: Massentauglicher Beat trifft auf semi-begabten Songwriter, mit dem Ziel, so lange wie nötig im Rotationsmodus bekannter Radiostationen zu verbleiben. Popkultur, das ist für die Masse produzierte Ware, die fernab der konsumanregenden Komponente keinerlei Daseinsberechtigung hat. Zumindest, wenn man sich der Definition nach Raymond Williams zuwendet, der davon spricht, dass Popkultur "low" culture sei und, anders als "high" culture, nicht zu den Werken der besonders anspruchsvollen und schwer verdaulichen Kost zähle. Die Unterscheidung gilt heute jedoch als überholt.

Denn Popmusik war schon immer eng verflochten mit den Werken zeitgenössischer als auch historisch relevanter Künstler und Kunstepochen. Videos sind ein Paradebeispiel für das bunte Spektrum an kulturellen Referenzen, die innerhalb drei- bis fünfminütiger Clips untergebracht werden können. Und das Beste daran: Unterhalten wird man auch noch.

Justin Bieber - I’ll Show You

In seinem neuen Video trägt der erblondete Bieber wieder besonders dick auf. Zuerst erkundet er sichtlich unbeeindruckt die hügelige Landschaft Islands, um danach wie Ophelia im Gemälde von John Everett Millais (1852) im Wasser zu treiben. Das Bild, das für seine detaillierte Darstellung der Gedeihens und Wachsens der Natur bekannt ist, stellt die gleichnamige Figur aus Shakespeares Hamlet dar. Ophelia, wie sie im Wasser treibt, kurz vor dem Ertrinken.

Beyoncé - Mine

In "Mine" singt Beyoncé so offen wie sonst kaum über ihre Zweifel an Konzepten wie Ehe und Mutterschaft. Zu Beginn des Videos sitzt Queen B wie eine Reinkarnation von Jungfrau Maria persönlich auf einem Sockel und hält ihren soeben verstorbenen Sohn auf dem Schoß. Die Szene sieht der Skulptur der venezianischen Pietá von Michelangelo (1498-1500) täuschend ähnlich.

Rihanna - Bitch Better Have My Money

Rihannas blutüberströmtes Gesicht in "Bitch Better Have My Money" erinnert an die Verfilmung von Stephen Kings "Carrie". Die Hauptfigur in dem von Brian De Palma inszenierten Horrorklassiker aus dem Jahre 1976 wird nach einer manipulierten Wahl zur Ballkönigin gekrönt und anschließend mit Schweineblut übergossen, da sich ihre Mitschüler gegen sie verbünden. Das unterdrückte Mädchen richtet daraufhin ein Blutbad unter ihren verhassten Kommilitonen an. Auch die Szene, in der Rihanna die geknebelte Frau in den Kofferraum schmeißt, ist nicht ganz neu. "Fast Pussycat! Kill Kill!" von Russ Meyer baut darauf auf, dass eine Gang von Gogo-Tänzerinnen ein unschuldiges Mädchen kidnappt, durch die Wüste schleppt und im Kofferraum eines Sportwagens verstaut.

St. Vincent - Cheerleader

Für das imposante Video von "Cheerleader" hat sich St. Vincent wohl ein paar Ideen vom hyperrealistischen Skulpturenbildner Ron Mueck abgeschaut. Man werfe einen Blick auf seine beeindruckenden Arbeiten, die unter anderem im Aarhus Art Museum (Boy) und in der National Gallery of Canada (A Girl) zu sehen sind.

Taylor Swift - Blank Space

Das komplette Video ist ein an Dekadenz kaum zu übertreffender Prinzessinnentraum. Da hätten wir zum einen die Balkonszene aus "Romeo und Julia" (Shakespeare again), die Tanzszene aus "Die Schöne und das Biest" im Ballsaal und die Szenen, in denen sie ihren Soon-To-Be Ex porträtiert ("Das Bildnis des Dorian Gray").

Jay Z - On To The Next One

In "On To The Next One" wird ein diamantenbesetzter Totenschädel mit Öl und schwarzer Farbe übergossen - ein direkter Bezug zum Kunstwerk "For The Love Of God" von Damien Hirst. Der Glitzerschädel ist satte 75 Millionen Euro wert, mit 8601 Diamanten besetzt und besteht aus dem Platinabguss eines menschlichen Schädels.

Lady Gaga - Born This Way

Wer Lady Gaga Einfältigkeit unterstellt, ohne noch einmal genauer hinzusehen, unterschätzt ihr künstlerisches Potential. In ihren Videos, Kostümen und Auftritten finden sich zahlreiche Hinweise auf Künstler und Künstlerinnen. Marina Abramović, Marco Brambillia, HR Giger, Marilyn Minter, um nur einige zu nennen. Im Video zu “Born This Way” fällt zum einen die von Orlan inspirierte Frisur im Intro auf. Die 68-jährige französische Künstlerin lebt in Los Angeles, New York und Paris und arbeitet sowohl im Bereich Performance als auch Video-Kunst. Zum anderen erkennt man in der Eingangsszene ("This is the manifesto of Mother Monster") Referenzen zu Fritz Langs Film "Metropolis" aus dem Jahre 1927.

Hold Your Horses - 70 Million

Schon ein wenig älter, aber an Kunstreferenzen kaum zu übertreffen ist das Musikvideo zu "70 Million", in dem die Indieband Hold your Horses auf insgesamt mehr als 25 Gemälde verweist. Da gibt es zum einen den bewölkten Himmel aus Michelangelos sixtinischer Kapelle, Jesus aus Leonardos letztem Abendmahl, Frida Kahlo und ihre Selbstporträts als auch eine Interpretation von Otto Dix Porträt der Journalistin Sylvia von Harden. Funfact: Das Video wurde an nur zwei Wochenenden in einer Pariser Garage gedreht.