Lukas Kubina will uns Bücher aus anderen Ländern nahebringen.

Von Schiller über Süskind bis Schlink: Der Großteil des Literaturkanons ist nach wie vor weiß und männlich. Mit dem Literaturnobelpreis wurden bisher 111 Männer und 15 Frauen ausgezeichnet (Nobelpreis), die meisten kamen aus Europa (Statista). Noch immer rezensieren in erster Linie Männer Bücher von Männern, wie eine Studie der Universität Marburg ergab (Literaturkritik). Die SPIEGEL-Bestsellerliste, die zeigt, was zur Zeit gekauft wird, ist für Hardcover-Romane zwar in puncto Geschlecht aktuell ziemlich ausgeglichen. Weiß sind allerdings alle dort aufgeführten Autorinnen und Autoren (DER SPIEGEL). 

Lesen kann den Horizont erweitern. Wenn wir allerdings nur Bücher lesen, die uns vertraute Perspektiven erzählen, bleibt auch dieser Horizont beschränkt.  

Lukas Kubina ist Besitzer des Independent-Verlags "Sorry Press". Im vergangenen Jahr hat er die Internetseite "Lit Cities" ins Leben gerufen. Auf der Website können Reisende (oder andere Interessierte) Bücher finden, die an bestimmten Orten spielt. Das Projekt ist ein Versuch, Menschen Literatur aus anderen Ländern nahezubringen und etwas gegen den literarischen Ethnozentrismus zu unternehmen.

Im Gespräch erzählt Lukas, wie das gelingen soll – und welche Verantwortung Verlage seiner Meinung nach tragen.

(Bild: Julian Baumann)

bento: Was war der letzte Roman einer dunkelhäutigen Autorin, den du gelesen hast?

Lukas Kubina: Das war "Looking for Transwonderland" von Noo Saro-Wiwa. Eine nigerianische Autorin, die allerdings in London aufgewachsen und später zurück in ihre Heimat gegangen ist. Sie hat also einen dualen Blick, was ihr Buch ziemlich spannend gemacht hat. 

Ihr Lebensweg ist allerdings typisch. Viele der schwarzen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die wir in Europa kennen, sind oder waren hier im Exil. 

Klar, es gibt inzwischen Amazon, ein Buch aus Kamerun zum Beispiel ist trotzdem oft nicht zu bekommen. Ich zum Beispiel lese gerne afrikanische Literatur. Und unter der geringen Buchauswahl, die es da gibt, ist viel mehr von Exilanten geschrieben worden, als von Autoren und Autorinnen, die in ihrem Heimatland groß geworden sind.

bento: Du liest gern afrikanische Literatur? Kann man beim Lesen am Stil des Romans überhaupt festmachen, wer ihn geschrieben hat und wo diese Person herkommt?

Lukas: Ich empfinde das schon so. In Afrika hat die mündliche Überlieferung von Geschichten sich zum Beispiel viel länger gehalten als in Europa, wo der Buchdruck diese Praxis irgendwann verdrängt hat. Den erzählerischen Stil kann man heute noch wahrnehmen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen pauschal, aber auch eine stärkere Naturverbundenheit kann man in dieser Literatur wahrnehmen. Diese Romane umgibt eine Art Zauber, ähnlich wie beim "magischen Realismus" ...

bento: ...einem Literaturgenre aus den 1920er Jahren mit realistischem Setting, aber trotzdem magischen Elementen.

Lukas: Der war ja zum Beispiel auch besonders in Südamerika populär. Viele afrikanische Bücher sind dem ähnlich, europäische eher weniger. Man kann regional also schon Unterschiede in den Stilen der Literatur ausmachen. Ein Beispiel für diesen Zauber aus der afrikanischen Literatur wären zum Beispiel "Eine allgemeine Theorie des Vergessens" von José Éduardo Agualusa oder "My Life in the Bush of Ghosts" von Amos Tutuola. 

bento: Auf eurer Website Lit Cities empfehlt ihr Literatur für Reisende. Nach dem Motto "Bücher lassen Städte leuchten" setzt ihr weiße Punkte auf eine schwarze Weltkarte, wenn ihr an diesem Ort ein Buch zu empfehlen habt. Gleichmäßig verteilt sind diese Punkte aber nicht.

Lukas: Nein, leider. Afrika ist noch relativ dunkel, Europa strahlt. Und das ist ein Problem. 

bento: Wie wählt ihr die Bücher für die Seite denn aus?

Lukas: Wir bitten interessante Menschen darum, uns Bücher zu empfehlen, sie kurz zu rezensieren und auf der Weltkarte zu verorten. Die Autorinnen und Autoren der Bücher sollen mindestens ein halbes Jahr an dem Ort gelebt haben. 

Manchmal schreiben Leute uns auch initiativ und empfehlen Bücher. Die Mundpropaganda läuft an sich gut, aber auch wir wollen diverser werden. Wir setzen jetzt zum Beispiel auf Siddhartha Lokanandi. Der kommt aus Indien, betreibt jetzt aber in Berlin einen Buchladen, den "Hopscotch Reading Room", der sich auf nicht-westliche Literatur spezialisiert hat.

bento: Findest du, die Leserschaft trägt auch Verantwortung, was Diversität in der Literatur angeht? Die meisten lesen ja wahrscheinlich eher nach Thema als nach Autorin oder Autor.

Lukas: Klar gibt es da eine Verantwortung, die gibt es überall. Man sollte nicht nur lesen, was auf der Bestsellerliste steht, sondern vielleicht mal bei Perlentaucher gucken, Rezensionen lesen oder sich gerade in kleineren Buchläden beraten lassen – und da dann natürlich auch einkaufen. 

bento: Du hast selbst einen kleinen Verlag. Bisher habt ihr drei Bücher dort veröffentlicht – eines von dir selbst, die beiden anderen ebenfalls von Männern. 

Lukas: Ich weiß. Was ich zu meiner Verteidigung sagen kann: Es wird besser dieses Jahr. Wir sind aktuell mit ein paar Frauen im Gespräch.

bento: Welche Verantwortung kommt Verlagen zu, wenn es um die Gleichstellung von Frauen und nichtweißen Personen geht?

Lukas: Eine ganz entscheidende. Aber gleichzeitig hat kaum ein Verlag Interesse daran. Gerade große Verlage denken immer kommerzieller. Das ist ein Problem, denn wenn man eher an die Stückzahl denkt als an die Möglichkeit, verschiedene Stimmen zu Wort kommen zu lassen, wird sich auch an der Diversität auf dem deutschen Buchmarkt so schnell nichts ändern.

Klar steht da auch irre viel Druck dahinter. Durch die Digitalisierung lesen die Leute weniger. Was noch verlegt wird, muss sich also auch verkaufen. Eine Zeit lang konntest du dir zum Beispiel sicher sein, verlegt zu werden, wenn du über eine Partynacht in Berlin geschrieben hast. Die Autoren und Autorinnen waren da sogar relativ divers, aber mit sehr uniformer Geisteshaltung.

bento: Gibt es eine Lösung für dieses Problem?

Lukas: Neben mehr Kulturförderung könnten alternative Verlage versuchen, sich mit anderen Ländern zu vernetzen, um die Leserschaft zu vergrößern. Manche Nischen sind vielleicht zu klein für Deutschland, aber groß genug für die Welt.


Gerechtigkeit

Moritz' Onkel hat 100.000 Euro an die AfD gespendet – jetzt organisieren er und seine Familie eine Gegenspende
Ein Interview über zivilgesellschaftliches Engagement – und die Frage, wie man mit einem AfD-Onkel redet.

Viele haben solche Onkel. So einen, der bei Familienfeiern rassistische "Witze" reißt oder Positionen der AfD rechtfertigen will. Als sei es normal, Menschen zu deportieren, mit "wohltemperierter Grausamkeit", wie es der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke in seinem Buch beschreibt (Zeit).

Für Moritz Krawinkel ist es allerdings etwas schwieriger. Denn sein Onkel sitzt nicht einfach am Tisch und donnert Stammtischparolen. Sein Onkel hat der AfD vergangene Woche die größte Geldspende seit 2016 zukommen lassen. Und nicht irgendeiner AfD, sondern dem Landesverband vom Faschisten Höcke (SPIEGEL).

Ganze 100.000 Euro spendete der Berliner Bauunternehmer Christian Krawinkel an die AfD – sein Neffe Moritz nutzt die Aufmerksamkeit nun für ein Crowdfunding für den guten Zweck.

Auf Twitter verkündete Moritz zunächst, wie sehr ihn die Spende seines Onkels beschäme.