Hülya Özdemir malt ausschließlich Frauen – und Brad Pitt

Hülyas Frauen sehen uns an. Eine zwinkert herausfordernd, eine andere legt einen Finger auf die Lippen, die Dritte reckt trotzig das Kinn. Die Wasserfarbenporträts der türkischen Künstlerin Hülya Özdemir halten unserem Blick Stand.

Sie beanspruchen Raum für sich, sie sind knallig und unübersehbar.

Denn Hülya sagt:

Frauen sind noch immer eingeschlossen in ihre Rollen, wollen den gesellschaftlichen Normen entsprechen: Tradition, Moral, Familie. Ihre eigenen Gefühle kommen zu kurz.

Wo Frauen sich oft klein machen, macht Hülya sie deshalb so groß und bunt wie möglich. Sie porträtiert Nachbarinnen aus ihrem kleinen Dorf in der südlichen Ägäis genauso vibrierend wie große Ikonen des Feminismus. Denn sie findet: Alle Frauen haben das in sich.

Aber nie sind Hülyas Frauen einfach nur schön anzusehen – sie haben eine Botschaft. Hülya nennt sich Kunst-Feministin. bento hat mit ihr gesprochen.

Hülya, wann wusstest du, dass aus dir eine Künstlerin werden würde?

Das war für mich schon in der Schule klar. Studiert habe ich erst einmal Musik. Aber ich habe immer gerne gezeichnet und gemalt, insbesondere Frauen.

Wie entstehen deine Bilder?

Ich male viel mit Wasser- und Ölfarben, feine Muster zeichne ich mit Stiften, manchmal illustriere ich auch am Computer. Mich inspirieren alle möglichen Dinge: Bilder, die ich im Internet finde aber auch die Gesichter von Freundinnen oder Menschen in meinem Dorf. Ich höre viel Musik, die Titel meiner Arbeiten finde ich fast immer in Songtexten.

Männer kommen eigentlich überhaupt nicht vor, in deiner Kunst. Man muss auf deinem Instagram-Profil bis Oktober 2017 zurück scrollen, bis der Schauspieler Brad Pitt auftaucht.

Männer haben noch immer das Sagen in der Politik, in der Wirtschaft, auch in der Kunstwelt. Die Welt leidet an einer männlichen Invasion, die schon seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden andauert. Meine Kunst setzt an diesem Punkt an. Ich möchte zeigen, dass wir Frauen mehr Präsenz zeigen müssen, dass wir mit all unseren Facetten in der Welt sein und Raum für uns beanspruchen müssen. Bei Brad Pitt habe ich mich übrigens selbst getestet: Kann ich überhaupt noch Männer malen?

Du nennst dich Kunst-Feministin. Muss Kunst politisch sein?

Ja! Ich entwerfe nicht nur eine Frau und ihr Gesicht, ich porträtiere eine ganze Existenz in einem Bild. Man könnte auch sagen, ich schreibe groß auf meinen Papierbogen: "Schau hin! Frauen existieren!"

Alle Frauen, die du malst, haben gigantische Haare.

Ja, in den Haaren sitzt ihre ganze Kraft! Die Haare sollen aber auch ihre Gedanken, Träume und Worte symbolisieren. Ich wollte ihnen auf meinen Bildern ganz viel Platz einräumen, denn den brauchen sie – sowohl in meinen Bildern als auch in der Welt. Die Frauen sind sehr selbstbewusst, sie sind stolz und halten unserem Blick stand, wenn wir sie ansehen. Sie wollen Frauen auf der Welt mit ihrer Präsenz ermutigen.

Und sie sind tiefschwarz.

Schwarz ist eine offene Farbe! Sie enthält alle anderen Farben des Spektrums. Sie steht für mich auch ein wenig für das Geheimnis, das all diese Frauen umgibt. Und am Ende bin ich wohl einfach fasziniert von Haaren, übrigens auch von meinen eigenen.


Schwerer Schmuck, farbenprächtige Gewänder, weibliche Rundungen. Warum malst du deine Figuren so klassisch weiblich? Weiblichkeit hat doch heute viele Formen.

Eine Frau muss ja nicht als Frau geboren sein, um sich als solche zu fühlen. Es geht mir um das Gefühl, auch in meinen Bildern. Ich wünsche mir eine Welt, die nicht mehr nach einer Mann-Frau Logik funktioniert. Und wer weiß, vielleicht ist unter meinen Bildern schon die ein oder andere Figur dabei, die nicht mehr nach diesen Zuordnungen funktioniert. Schau selbst!

Gerade ist in der Welt des Design, der Architektur, der Mode Minimalismus im Trend. Deine Bilder sind dagegen bunt und verspielt. Ist das Absicht?

Die Welt hat unzählige Farben, Formen, Aromen. Ich halte am liebsten der Natur den Spiegel vor. So entsteht meine Interpretation davon. Andere Künstler und Künstlerinnen sehen die Welt durch ihre Augen.

Über Social Media bist du mittlerweile richtig berühmt geworden.

Ich male oder zeichne einfach und teile Bilder davon auf Instagram oder Facebook. Wer meine Kunst mag, teilt sie mit anderen und so hat sich das verselbstständigt. Ich habe nie jemandem mein Portfolio geschickt, die Leute haben mich einfach gefunden. Das ist ein Fenster zur Welt für mich. Ich habe einfach einen schönen Blumentopf mit einer Pflanze in mein Fenster gestellt. Und die Menschen, die vorbeikamen, blieben stehen und schauten sich die Pflanze in meinem Fenster genauer an.

Und was sagen sie, wenn sie durch dein Fenster sehen?

Manche erkennen sich in meinen Porträts wieder. Andere sehen auch in jedem meiner Porträts nur mich, Hülya. Zuletzt schrieb mir jemand, ich sei der Klimt des 21. Jahrhunderts. Cool, oder?

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