Eine schwarze Sängerin steht auf Nazikram, findet das aber nicht politisch. Ist das okay?

Jadu kommt in Uniform. Natürlich. Eigentlich wollten wir sie am nachgebauten Führerbunker in Berlin treffen, ihr Management legte das Treffen aber lieber in ein Kreuzberger Café namens "Tante Emma". Sonst ist die Sängerin eigentlich nicht so zurückhaltend mit Anspielungen auf die Nazizeit: Jadu, 30, trägt in ihren Videos gern eine SS-Uniform und singt auf ihrem Debütalbum "Nachricht vom Feind" eine liebevolle Ode an Adolf Hitler - aus der Perspektive von Eva Braun. Und deswegen sollte dieser Text hier zu Ende sein. Wäre die Künstlerin nicht: schwarz.

Sofort stellen sich Fragen: Meint die das ernst oder ist das Satire? Darf die das? Wo ist der doppelte Boden? Steckt Böhmermann dahinter

Wenn Liedermacher Andreas Gabalier in seinen Liedern Nazi-Symbole verwendet, ist das zumindest problematisch (bento). Was Jadu macht, ist eindeutig einige Nummern größer. Und verwirrender.

Ihre Songs heißen "Blitzkrieg" und "Sirenen und Wagner", darin geht es um Gewalt in Beziehungen oder eben um Eva Brauns Liebe zu Adolf Hitler. Jadu hat drei Jahre gebraucht, um ihr Album rauszubringen. Mehrere Plattenfirmen lehnten ab. (Stern)

„Wir sitzen hier auf dem Obersalzberg/ Und du hältst meine Hand/ Fang' den Moment ein in Bildern/ Bin erst 17, ich kenn' keine Angst“
Aus "Sirenen und Wagner"

In ihren Videos mustert sie Männer in Uniformen: Polizeiuniformen, Militäruniformen, Jagduniformen. Dazu: Deutsche Schäferhunde, Treibjagden, Kriegsszenen. Und solche Texte:

„Jede Nacht muss ich träum'n/ Von der GSG 9/ Sei ein Mann, voller Stolz, voller Zorn/ Tu deine Pflicht, ich will dich in deiner Uniform“
Aus "Uniform"

Man kann das alles bedenklich finden. Verharmlosend. Provokant. Pietätlos.

Oder ist es der Versuch, einen neuen Weg für unsere Generation zu finden, mit Geschichte umzugehen? Unsere Großeltern waren im Zweiten Weltkrieg Kinder. Unsere Eltern kennen ihn schon nur noch aus Geschichtsbüchern. Welche Haltung bleibt uns, den Urenkeln einer Tätergeneration? Fühlen wir noch Schuld oder eher Verantwortung? Dürfen wir Uniformen und Frakturschrift wieder lieben? Und warum sollten wir das wollen?

Um über all das zu sprechen, haben wir Jadu getroffen. 

Und auch in einem Kreuzberger Café gerät die Geschichte nie aus dem Blickfeld: Neben dem Eingang liegen vier Stolpersteine, die an deportierte und ermordete Juden erinnern sollen. Vom Bildschirm hinter der Bar leuchtet ein Foto der zerbombten Gedächtniskirche. Am Fenster sitzt ein alter Mann in Grobstrick und schlürft Tee. Er hat die Nachkriegszeit sicher selbst erlebt und beäugt uns skeptisch.

(Bild: I Am Johannes)

Jadu sieht müde aus, wirkt freundlich und etwas schüchtern. 

Los gehts: Warum die Uniform, Jadu?

"Ich bin schon als Jugendliche so rumgelaufen. Manche standen auf Hip-Hop-Klamotten, bei mir waren es Jacketts und schwere Stiefel. Ich mag den Stil, das Geradlinige. Das macht einfach eine gute Haltung."

Jadu ist als einzige Afrodeutsche – neben ihrer Schwester – in einer niedersächsischen Kleinstadt aufgewachsen. Sie fiel dort auf, erlebt Alltagsrassismus. Jetzt kokettiert sie mit den Symbolen derer, die sie damals diskriminierten.

Normalisierst du damit nicht die Nazi-Ästhetik und spielst dem Rechtsruck in die Hände?

"Rechtsruck? Ich glaube, die Rechten gab es schon immer. Die Medien sind in großen Teilen schuld daran, dass die AfD so groß ist. Auch, weil sie die Menschen in Angst versetzen."

Aber du spielst doch mit derselben Angst?

"Ich mache das nicht, weil ich provozieren will. Ich würde auch nicht sagen, dass ich politische Musik mache."

Aber warum machst du es dann? 

"Ich finde, jeder darf eine altdeutsche Schrift benutzen, wenn er will. Die Nazis haben die nicht erfunden, sie haben sich immer alles genommen. Ich als deutsche, schwarze Frau habe auch das Recht, mir Dinge unter den Nagel zu reißen."

In Jadus Onlineshop kann man Shirts mit Frakturschrift kaufen: Die Models sind weiß, er mit Glatze, sie mit blonden Zöpfen. Sieht es so aus, wenn man sich etwas zurückholen will? Die Hoheit über eine militaristische Bildsprache und Begriffe aus der rechten Ecke reißen, ihnen eine andere Bedeutung verleihen? Oder sieht man einfach eines: Nazis?

"Der Typ, der das Shirt trägt, ist einer meiner besten Freunde. Nur wegen der Glatze stempelst du ihn als Nazi ab – ich finde das sehr oberflächlich", sagt Jadu. 

Und der "Blitzkrieg"? Das ist immerhin ein Nazi-Propagandabegriff (Wikipedia). Ein Euphemismus für völkerrechtswidrige Kriegsfeldzüge mit zehntausenden Toten. Sollte man das echt aus dem Kontext nehmen?

"'Blitzkrieg' ist kein lustiger Partysong, da muss man differenzieren. Da geht es um häusliche Gewalt. Wenn man den Begriff – und wofür er mal stand – heroisieren oder verherrlichen würde, wäre es was anderes."

Jadu zögert nicht lange, bevor sie solche Fragen beantwortet. Sie ist das mittlerweile gewohnt. Für sie scheinen die Begriffe und Bilder aus der Nazizeit aber einfach ein Rohstoff für ihr Kunstwerk zu sein. Wenn sie in "Sirenen und Wagner" aus Sicht Eva Brauns singt, dann ist das für sie wie der Film "Der Untergang". Ein Gedankenspiel. Die Vorstellung davon, was in Eva Braun vorgegangen sein mag. "Das braucht keine Auflösung mit dem Zeigefinger. Ist doch klar, dass das scheiße war."

(Bild: I Am Johannes)

Jadu wird langsam unwirsch. Sie versteht nicht, wie man ihre Arbeit anders verstehen kann, ihr rechte Tendenzen unterstellen. Mit ihrem Mann, dem Rapper Marteria, gehe sie zu Demos gegen Rechts. Sie seien mit den Toten Hosen befreundet. Auf Instagram teilt sie Fotos, auf denen sie "FCK NZS"-Shirts trägt. Ist das wichtiger als historische Korrektheit?

"Wir dürfen das Thema nicht vergessen. Aber das war eine andere Zeit. Wir sind eine andere Generation und haben ein viel offeneres Weltbild. Freunde von mir können nicht mal sagen, dass sie ihre Heimat lieben. Da geht sofort der Nazischalter an."

Aber zu Recht. Die AfD benutzt den ja gerade ständig.

"Ja. Aber liebst du deine Heimat?"

Ich würde sagen – wahrscheinlich schon, ja.

"Siehst du? Du sagst das so, als darfst du das eigentlich nicht sagen. Du fühlst dich nicht wohl damit, weil Spinner von der AfD das benutzen. Man muss denen das entreissen."

„Das ist nicht Politik, sondern ein Uniformfetisch. Das finden wahnsinnig viele Leute gut, man darf das nur nicht sagen.“

Darum kann Jadu auch nicht richtig verstehen, warum alle mit ihr über Nazis sprechen wollen und nicht über das eigentliche Thema des Albums: schwierige Liebesbeziehungen und schöne Uniformen. Sie findet: "Wenn Burberry einen schwarzen Ledermantel macht, könnten die Leute ja auch sagen: Das hatten die Nazis auch."

Ja, genau- aber deshalb werden Designer doch auch ständig kritisiert, wenn ihre Modelle an die Nazizeit erinnern!

"Ich hab aber auch so einen. Das ist einfach ein geiler Mantel, fertig."

Und das darf sie: 

Jadu darf den Mantel einfach geil finden. Sie darf mit Nazisymbolen spielen, SS-Uniformen sexy inszenieren und häusliche Gewalt mit Weltkriegen vergleichen.

Nicht, weil sie schwarz ist: Auch Rammstein haben vom Blitzkrieg gesungen. Der Künstler Jonathan Meese zeigte einen Hitlergruß auf einer Bühne. Kunst darf das sowieso und für alle Zweifler wurde es noch mal höchstrichterlich bestätigt: Das darf man. (SPIEGEL ONLINE)

Man darf Künsterinnen und Künstler für so was aber auch kritisieren. Man darf ihnen Koketterie mit Rechts und intellektuelle Unschärfe vorwerfen. Man darf sie fragen, warum man denn unbedingt Uniformen zu Mode machen will, Kriegsrhethorik für emotionale Metaphern benutzen, über Eva Brauns Gefühle phantasieren.

Die Antwort "Weil es geil ist" ist da ganz schön dünn. Und bis wir eine bessere haben, müssen wir als Deutsche vielleicht erst mal keine SS-Uniformen tragen.

Anmerkung der Redaktion: Der Rammstein- Song mit der Zeile "Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr" heißt nicht "Achtung Blitzkrieg!" sondern "Pussy". Wir haben das korrigiert.

bento per WhatsApp oder Telegram



Grün

Streiken fürs Klima: Was die Schülerinnen und Schüler der Politik zu sagen haben
"Denkt an die Welt, nicht ans Geld!"

"Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns das Klima klaut", schallt es über den Hachmannplatz in Hamburg. Hunderte Menschen haben sich vor dem Hauptbahnhof versammelt, mit Plakaten, Stickern und Trillerpfeifen. Die meisten von ihnen sind Schüler. Ginge es nach dem Staat, müssten sie eigentlich gerade in Klassenzimmern sitzen. Stattdessen streiken sie – für Klimaschutz und eine bessere Welt.

Der Protest ist Teil der "Fridays for Future"-Demonstrationen. Ausgelöst wurden sie durch den Schulstreik der 16-jährigen Greta Thunberg in Schweden. Mittlerweile solidarisieren sich tausende Schüler in ganz Europa mit ihr und stellen dieselbe Botschaft an die eigene Politik. (bento)

Aber worum geht es den Schülern genau bei ihrem Streik? Was wollen sie den Politikerinnen und Politikern sagen? Wir haben die Protestler gefragt.

Moritz, 18 Jahre