So werden aus Kabuls zerstörten Mauern Kunstwerke

Für Shamsia Hassani muss es oft schnell gehen. Einige Passanten gehen langsamer oder drehen sich interessiert um, während sie tanzende Frauen auf die Mauern von Kabuls staubigen Straßen zeichnet. Die Umrisse hat Shamsia meistens zuhause schon vorgezeichnet. Und auch ihre Spraydosen, Pinsel und Farben sind bereits sortiert. 

Als Frau, die in Afghanistan öffentlich Graffitis sprüht, fühlt sich Shamsia nicht immer sicher. Die 29-Jährige ist nicht nur Dozentin für bildende Künste an der Universität in Kabul, sondern soweit sie weiß, auch Afghanistans erste Graffiti-Künstlerin. 

Wir haben mit ihr über ihre Kunst gesprochen.
Shamsia, wie ist die momentane Situation in Kabul?

Die Situation in Kabul ist unberechenbar, man weiß nie, ob einem etwas Schlimmes passieren wird. Manchmal ist es sicher, manchmal nicht, vorhersehbar ist es aber nie.

Fühlst du dich als weibliche Graffiti-Künstlerin auf der Straße sicher?

Viele Menschen reagieren engstirnig auf meine Arbeit. Sie sind nicht gegen Kunst, sondern gegen Frauen. Sie beschimpfen und verfluchen mich und manchmal bezeichnen sie meine Arbeit sogar als eine Sünde, die bestraft werden sollte. Deshalb versuche ich, meine Graffitis innerhalb von 15 Minuten fertigzustellen. 

Das ist schade, weil sie natürlich besser würden, wenn ich zwei bis drei Stunden Zeit hätte. Aber andere beobachten mich auch einfach interessiert und finden meine Arbeit wertvoll. 

Trotzdem würden dieselben Menschen ihrer eigenen Schwester nie erlauben, Graffitis zu machen.
Du bist im Iran geboren und hast in Kabul Kunst studiert. Wie wurdest du die erste bekannte afghanische Graffiti-Künstlerin?

Ich bin als Tochter afghanischer Eltern im Iran geboren. Dort gab es kein Gesetz, durch das ich iranische Staatsbürgerin werden konnte, also blieb ich Afghanin. Als Afghanin durfte ich im Iran aber nicht Kunst studieren. Man schlug mir stattdessen Fächer wie Mathematik, Physik und Buchwesen vor. Nach dem Fall der Taliban zog ich mit meinen Eltern zurück nach Afghanistan und fing dort an, zeitgenössische Kunst zu studieren.

Ich verwandele die vom Krieg zerrissenen Mauern meiner Stadt in farbenfrohe Gemälde

Graffiti habe ich bei einem Workshop in Kabul für mich entdeckt. Mich hat die Kunstform fasziniert: Graffitis wurden für mich zum Werkzeug, um die vom Krieg zerrissenen Mauern meiner Stadt in farbenfrohe Gemälde zu verwandeln. Ich wollte die Kriegsgeschichten meiner Stadt mit Farben verstecken, damit Menschen anstelle von Rissen und Kugeln neue Dinge sehen. Außerdem bringe ich Menschen so mit Kunst in Berührung.

Viele deiner Bilder zeigen Frauen mit Kopftuch. Für was steht die das Tuch in deinen Bildern?

In meinen Graffitis ist das Kopftuch ein Symbol für Frauen. Ich zeige Frauen als Menschen. Als jemand der gleichwertig zu jedem andern menschlichen Leben in der Gesellschaft ist. Als jemanden der arbeiten kann, eigene Rechte hat und eigene Entscheidungen trifft. Ich habe diese Frauen dynamisch und mit scharfen Schultern gezeichnet. In meinen Graffitis sind Frauen groß und stark dargestellt. Das Leben einer Frau verändert sich nicht, sobald sie die Burka auszieht. 

Das ist Shamsia mit ihren Werken:
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Ist es ein feministisches Zeichen, dass du vor allem Frauen zeichnest?

Vielleicht bin ich Feministin, ich weiß es nicht. Frauen zeichne ich aus zwei Gründen: Erstens verstehe ich Frauen besser, schließlich bin ich selbst eine Frau. Dadurch kann ich den Charakter meiner Figuren besser darstellen. Zweitens übermitteln meine Frauencharaktere eine Botschaft: Sie dienen denjenigen als Symbol, die nicht genug an Frauen glauben.

Wie wählst du deine Themen aus?

Meine Kunst ist in verschiedene Serien eingeteilt, die jeweils ein anderes Thema in den Vordergrund stellen. Eine meiner Serien heißt "Birds of No Nation". Sie befasst sich mit dem Thema Migration, dem viele Afghanen, ihre Freunde und Familien gegenüberstehen. Auch Zugvögel wandern aus, um in Sicherheit zu sein, und überall zu leben, wo sie sich gut fühlen. Zugvögel haben kein eigenes Land und keinen festen Wohnort.

Meine Serie will an die tausenden Menschen erinnern, die im letzten Jahrhundert Afghanistan auf der Suche nach Frieden und einer neuen Identität in Europa oder anderen Länder verlassen haben. Aus diesem Grund sind wir Afghanen wie Zugvögel. Wir verlassen Afghanistan auf der Suche nach Sicherheit, und bleiben, wo wir uns gut fühlen. Deshalb heißt meine Serie "Birds of No Nation".

Hier ein Beispiel aus der Reihe:
Welche Botschaft möchtest du mit deiner Kunst vermitteln?

Ich glaube, dass Menschen (Männer und Frauen), die Gutes für die Gesellschaft tun wollen, gar keine Botschaft brauchen. Wer gut ist, wird auch Gutes tun. Meine Kunst kann nur die Meinung der Menschen ändern, die Gesellschaft müssen sie aber selbst verändern.

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