Bild: Rada Akbar

Krieg, Trümmer, Selbstmordattentäter: Was wir mit Afghanistan verbinden, ist meist geprägt von den schrecklichen Bildern der aktuellen Nachrichten. Das wollen Künstler jetzt ändern. Auf der afghanischen Kulturwoche in Berlin stellen sie ihre Projekte vor. Eins davon: "I see u".

Dieses Augenpaar bildet das Herzstück von "I see u", der Initiative von Kabir Mokamel. Es befand sich auf einer Außenmauer des afghanischen Geheimdienstes – der dafür seine Genehmigung erteilt hat. Mittlerweile hat die Behörde das Gemälde aber übermalen lassen. Kabir und sein Team waren entsetzt: "Wir haben ihnen gesagt, wenn sie Kunstwerke zerstören, sind sie nicht besser als die Taliban. Sie haben uns daraufhin gebeten, dasselbe Gemälde noch einmal an dieselbe Wand zu malen."

Neben dem Gemälde stehen zwei Sätze: "Korruption wird gesehen. Von Gott und dem Blick des Volkes" und "Ich sehe dich".

Die Augen, die wir malen, sollen korrupte Personen durch die ganze Stadt verfolgen.
Kabir Mokamel

Seit dem Regierungswechsel in Afghanistan 2014 ist es für die Crew von Kabir leichter geworden, Genehmigungen für ihre Kunstwerke zu erhalten: "Natürlich sehen nicht alle Regierungsmitglieder unsere Arbeit gern – schließlich klagen wir auch sie damit an. Trotzdem gibt es viele junge Leute in der neuen Regierung, die westlich gebildet sind und die Kraft der Kunst in anderen Ländern erlebt haben. Sie unterstützen unsere Arbeit."

Die ArtLords erstellen Entwürfe für einzelne Kunstwerke, bei der Umsetzung werden die Anwohner mit einbezogen. Hunderte von Menschen haben sich an den bisher etwa zehn Wandgemälden in Kabul beteiligt: "Wir teilen die Gemälde in einzelne Elemente. Jeder, der Lust hat, kann einen Teil gestalten. Viele der Menschen, die zu uns kommen, hatten vorher noch nie einen Pinsel in der Hand. Es ist ihre erste Kunsterfahrung und sie lieben es. Auf diese Weise befähigen wir die Menschen. Ihnen gehört ein Teil des Kunstwerkes, sie selbst bekämpfen die Korruption."

Die Menschen, die die Arbeit von Kabir und seinem Team unterstützen, kommen aus allen Gesellschaftsschichten: "Es sind Straßenkinder, Studenten, Angestellte, Anwälte, Menschen die für die Regierung arbeiten, Polizisten. Frauen, Männer, Kinder - sie kommen einfach vorbei und helfen mit."

Mit ihren Projekten eröffnen die ArtLords einen neuen Raum für Debatten: "Bisher wurden viele Probleme von Afghanistan, auch die Korruption, von außerhalb bekämpft. Wir bekamen immer von irgendjemandem etwas verordnet. Es ist Zeit, dass die Afghanen selbst Verantwortung übernehmen und eigene Lösungen für ihre Probleme entwickeln. Dabei wollen wir helfen."

Die Ausstellung "I see u" zeigt außerdem Fotos von Rada Akbar, Farzana Wahidy und Pulitzer-Preisträger Massoud Hossaini. Sie ist noch bis zum 19. Dezember in der Berliner Galerie I am Space zu sehen.

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