Bild: Woody Woodsn

Hazel Brugger (26) und Thomas Spitzer (31) gehören zu den gefragtesten Comedians in Deutschland. Sie wohnen zusammen, produzieren Videos für YouTube, treten mit ihren Soloprogrammen vor Tausenden Menschen auf und arbeiten für die heute-show. Wir haben die beiden in ihrem Studio in Köln besucht und darüber gesprochen, wie das Coronavirus ihre Arbeit verändert, wie sie in den vergangenen Monaten dennoch kreativ waren und warum sie aufs Land ziehen wollen.

bento: Kennt ihr einen guten Witz?

Thomas: Ich kenne gute Witze für ein sehr spezielles Publikum.

Hazel: Für gänzlich andere Situationen als diese hier.

Thomas: Ich habe Mathematik studiert und mein Lieblings-Mathematiker-Witz ist: Wie stellt sich ein Mathematiker einen elfdimensionalen Vektorraum vor? Er stellt sich einen n-dimensionalen Vektorraum vor und setzt n gleich elf. Ich finde, das ist ein super Witz. Den habe ich auch noch nicht oft gehört.

Hazel: Zurecht.

bento: Werdet ihr noch oft nach Witzen gefragt? Zu Beginn eurer Comedy-Karrieren kam das doch bestimmt häufiger vor, quasi als Klischee-Partygespräch. 

Hazel: Es nimmt ein bisschen ab. Ich glaube, der Begriff Comedy hat sich in den letzten fünf Jahren in Deutschland geändert. Die Leute verstehen, dass es etwas Ganzheitliches ist und man nicht nur als Witzetante auftritt. 

Thomas: Durch Netflix ist ein Comedian eher eine Art Dichter und Denker, wie in den USA. Man geht zu den Auftritten, weil man verrückte Gedanken hören will.

Hazel: Mittlerweile kennen uns viele Leute und wissen ungefähr, was wir machen. Sie fragen eher: 'War die Currywurst aus eurem Youtube-Video wirklich so scharf?'

bento: Ihr wart gerade auf Tour, als die Coronakrise in Deutschland Mitte März so richtig losging. Wie habt ihr die Zeit bis jetzt erlebt?

Hazel: Die Tour lag erst mal auf Eis. Die ausgefallenen Termine holen wir jetzt nach. Wie eng das gerade terminiert ist und welche Kurzfristigkeit das alles hat, ist schon Wahnsinn. Ansonsten würde ich sagen, ohne uns jetzt selbst loben zu wollen, dass wir die Krise ganz gut überstanden haben.

Thomas: Wir haben Anfang des Jahres früh reagiert und uns ein neues Format für unseren YouTube-Kanal, der auch ein wichtiges Standbein für uns ist, überlegt – die Social-Distancing-Serie, bei der wir den Zuschauern einen Einblick in unser Quarantäne-Leben gegeben haben. Wir kennen aber auch Kollegen, die sich schon neue Jobs suchen mussten und wissen von Kulturstätten, die es nicht mehr geben wird. Die Krise wird den Kulturmarkt total verändern.

bento: Hat die Pandemie eure Pläne, abgesehen von der Tour, noch weiter durcheinandergebracht?

Thomas: Maximal. Wir wollten eigentlich mindestens eine Folge 'Europa Was Geht' pro Monat veröffentlichen. Wir wollten auch nach Liverpool fahren und die dortige Meisterfeier begleiten. Wir wollten mit Nico Semsrott nach Straßburg fahren und im Europaparlament filmen. Außerdem wollten wir für die heute-show eine Doku drehen, für die wir einen Roadtrip durch die USA machen und vom Parteitag der Demokraten zu dem der Republikaner fahren wollten. Das wurde alles abgesagt.

Hazel: Aber wir sind nicht traurig deswegen. Klar, ist das alles sehr schade. Aber es sterben eben einfach gerade sehr viele Menschen an einem Virus, es gibt Proteste, bei denen Tausende auf die Straße gehen, und Leute werden in den USA von der Polizei erschossen. Da beschweren wir uns nicht, dass wir eine Doku nicht machen konnten.

„Hätten wir nicht angefangen, in unseren eigenen vier Wänden eine Serie zu drehen, wären wir komplett durchgedreht, weil unser Kopf die ganze Zeit Leerlauf gehabt hätte.“
Thomas über die Arbeit in der Quarantäne.

bento: Neben eurer Social-Distancing-Serie seid ihr auch in Autokinos aufgetreten, und trotz Krise kreativ geworden. Wie habt ihr aus der Isolation Inspiration gezogen?

Thomas: Es war eher umgekehrt. Wir haben gemerkt, dass wir die Inspiration brauchen, weil wir in der Isolation sind. Hätten wir nicht angefangen, in unseren eigenen vier Wänden eine Serie zu drehen, wären wir komplett durchgedreht, weil unser Kopf die ganze Zeit Leerlauf gehabt hätte.

Hazel: Es ist ein bisschen, wie wenn man lange in den Urlaub fährt. Da sollte man auch nicht alles anders machen als sonst und den Schlafrhythmus ändern, andere Dinge essen oder sich anders verhalten. Unser Leben ist gerade sehr unbeständig, aber das war es vorher auch schon.

bento: Das Leben als Kreativschaffender gilt ohnehin als unstet.

Thomas: Wenn wir beispielsweise für die heute-show arbeiten, kann es passieren, dass wir einen Anruf kriegen, ob wir morgen in Wien mit Andreas Scheuer Elektroroller fahren können. Zwei Stunden später ruft dann vielleicht jemand an und auf einmal trifft man nicht mehr Andi Scheuer sondern Günther Oettinger.

Hazel: Und man soll nicht mehr Elektroroller fahren, sondern Zimtschnecken backen.

Thomas: Das geht bis eine Viertelstunde vor Drehbeginn so weiter. Wir sind also ganz gut darin geschult, zu reagieren und mit dem Flow zu gehen. Das hat sich für uns nicht groß geändert durch die Pandemie. Wenn man einen Friseurladen hat und darauf angewiesen ist, dass dieser öffnen kann, ist das natürlich etwas anderes.

„Wir würden gerne einen Kinofilm drehen“
Hazel über Thomas' und ihre Zukunftspläne.

bento: Glaubt ihr, die Pandemie wird eure Arbeit nachhaltig verändern?

Thomas: Wir ziehen vielleicht aufs Land. Weil wir gemerkt haben, dass wir nicht abhängig von Köln sind und sehr viel über das Internet machen können.

Hazel: Man denkt immer, man muss als junger Mensch in der Großstadt leben, um die ganze Zeit auf Abruf zu sein. Dann merkt man irgendwann, nein, ich kann nicht immer nach der Pfeife einer Stadt tanzen. Ich kann auch einfach sagen, ich bin zu einem bestimmten Datum in Köln, dann können wir uns gerne treffen.

Thomas: Wir haben unsere Unabhängigkeit unterschätzt. Wenn wir über die Zukunft nachdenken, denken wir eher darüber nach, zu Tiktok oder Twitch zu gehen, als darauf zu warten, dass sich der WDR meldet.

Hazel: Dadurch, dass man sich zu Beginn der Pandemie genau überlegen musste, wann man sich mit wem wo trifft, haben wir auch herausgefunden, mit wem wir gerne arbeiten.

Thomas: Wenn uns jemand potenziell töten kann, muss sich das Treffen schon lohnen.

Hazel: Ich lasse mich lieber von einem Freund anstecken als von einem Arschloch.

bento: Habt ihr Meilensteine vor Augen, die ihr in Zukunft gerne erreichen würdet?

Hazel: Wir würden gerne einen Kinofilm drehen.

Thomas: Und einen internationalen Hit landen. Und Conan O‘Brien kennenlernen. Viele unserer Meilensteine haben wir auch schon erreicht. Wir setzen uns immer kleine Marken. In der Krise haben wir uns zum Beispiel einen Patreon-Account angelegt. Dort kann man unsere Arbeit mit Spenden unterstützen. Wir hatten gehofft, bis zum Ende des Jahres 1000 Anhänger zu haben – die Marke hatten wir nach ein paar Wochen schon fast geknackt.

bento: Wollt ihr eure Zuschauer noch näher an euch ranlassen? Ihr habt in der Social-Distancing-Serie schon eure Wohnung gezeigt. Kommen irgendwann tägliche Vlogs?

Hazel: Das hätten wir schon angefangen, wenn wir das wollten. Ich finde, dass wir sehr gut in der Hand haben, was die Leute über uns wissen.

Thomas: Ich glaube, gerade weil wir die Leute so nah an uns ranlassen, haben wir noch mehr die Möglichkeit, ab und zu nein zu sagen. Man kontrolliert ein Stück weit, was die Leute von einem wissen und was nicht. Nico Semsrott hat immer seine Kapuze auf. Aber es gibt zwei, drei Fotos online von ihm, wo er sie nicht auf hat. Nico sagt, wen es wirklich interessiert, wie er ohne Kapuze aussieht, der wird es schon entdecken. Bei uns ist das ähnlich, wir legen quasi selbst die Brotkrumen zu den Infos. Die Leute, die zum Beispiel wissen wollen, ob Hazel und ich ein Paar sind, können es schon irgendwie im Internet finden. Es gibt Material dazu.


Gerechtigkeit

EU-Außengrenze: Wie eine Facebook-Gruppe die Jagd auf Migranten organisiert

Die Uhr im Facebook-Chat zeigt 0:14 Uhr, als Bárbara das Foto zugeschickt bekommt. Ein junger Mann ist darauf zu sehen, Blut läuft ihm in mehreren Schlieren über die linke Schläfe und Wange. Die Haare sind verklebt, teilnahmslos schaut er aus dem Bild heraus, die Nacht im Hintergrund ist tiefschwarz.

"Er ist aus Pakistan bis hierher geflohen", sagt Bárbara, "dann haben sie ihn zusammengeschlagen". Bárbara Bécares ist ehrenamtliche Helferin bei "No Name Kitchen", einer NGO, die in Grenzorten Lebensmittel an Menschen auf der Flucht verteilt. Gerade hält sie sich in Bosnien-Herzegowina auf. Screenshots ihres Chatverlaufs liegen bento vor.

In Bosnien-Herzegowina endet die Balkanroute – vorerst

Das Foto vom Blutverschmierten hat sie von einem anderen Geflüchteten bekommen. "Sie haben uns nahe unseres Lagers zusammengeschlagen", schreibt er ihr auf Facebook dazu. Mit 13 bis 15 Autos seien sie angekommen, die Bergstraße hoch nach Vrnograč. "Es waren Bosnier."

Vrnograč ist ein Tausend-Einwohner-Dorf im Norden von Bosnien-Herzegowina. Es gehört zur Gemeinde Velika Kladuša, einem Grenzort Kroatiens – und damit der Europäischen Union (EU). Schutzsuchende aus Afrika, aus dem Irak und Syrien, aber auch aus Afghanistan haben sich bis hierhin durchgeschlagen, über das Mittelmeer und durch den Balkan. Sie hoffen darauf, nun auch die Grenze nach Kroatien zu knacken – um in der EU Asyl zu beantragen. Wie viele genau sich in Velika Kladuša und dem Umland aufhalten, kann keiner genau sagen.