Bild: Marco Malgrate
Sie machen nachdenklich.

Wer durch seine Timelines scrollt, sieht meistens Glück: überall lächelnde Frauen und Männer, selten ist jemand schlecht drauf. Wir nehmen an diesen schönen Leben teil – aber was macht das mit uns? Ist es noch erlaubt, auch mal tagelang traurig oder wütend zu sein? Und wie sehen wir dann aus?

Der italienische Künstler Marco Malgrate will es wissen. Er entwirft Bilder, die Timelines – und das ungefilterte Leben – nebeneinander zeigen. Sie zeigen eine Frau im Unterhemd, der Tränen aus den Augen laufen, direkt neben ihrem Instagram-Feed, auf dem sie breit grinst, mit blonderem Haar und gesünderer Hautfarbe.

Worum geht's? 

Marco kombiniert Objekte aus dem Alltag mit den Logos von sozialen Netzwerken. Da ist ein Beichtstuhl, dessen Sprechfenster geformt ist wie das Facebook-F. Da ist eine Fußgängerzone, deren Schaufensterpuppen Frauen sind, die in einem Instagram-Rahmen Selfies von sich machen. 

Da ist aber auch der Mann, der sich über ein Smartphone beugt, und versucht, sich selbst in dessen Display zu erkennen. Er scheint zu glauben, es sei ein Spiegel, und während er sich betrachtet, vergisst er offenbar alles um sich herum. 

#nofilter

Werbeplakate, Fitness-Accounts, die Instagram-Storys von Khloé Kardashian: Ist hier eigentlich noch irgendwas echt? Unsere Fotoserie #nofilter zeigt Menschen, ohne bezahlte Partnerschaften und mit realistischen Problemen. Hier gibt es Bilder und Illustrationen, die wichtige Fragen stellen.

Zwischendurch bezieht sich Marco auch auf konkrete Politik: Er zeigt US-Präsident Donald Trump mit übergroßem Kopf, er hat sich direkt hinter einer Mauer positioniert, die wohl seine eigens geplante an der Grenze zu Mexiko darstellen soll. Übertrieben aggressiv beobachtet er einen friedlichen Gärtner, der hinter der Mauer Kakteen gießt.

Und dann ist da noch das Baby, an dessen Mobile gelbe Sterne an dunklen Fäden hängen, es sieht aus wie die Europäische Flagge. Das Baby greift danach, will es erreichen, aber die Arme sind zu kurz. 

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Wer hatte die Idee? 

Zugegeben: Marco Malgrati ist nicht der Erste, der sich künstlerisch mit sozialen Netzwerken, dem Einfluss der Politik auf das Leben oder der Einsamkeit von Dauer-Smartphone-Nutzern auseinandersetzt. Aber Marco ist einer der wenigen, in deren Bildern so viel Symbolkraft steckt.

Man muss sich seine Werke genauer ansehen, nachdenken, um zu erkennen: Es geht hier um die schmerzende Leere, die nur Menschen empfinden, die vorm ins Bettgehen noch stundenlang durch den vollen Feed scrollen, anstatt sich mit jemandem zu unterhalten.

Es geht um Menschen, die Nachrichten vielleicht nur noch durch dieses Gerät wahrnehmen, sich von diesem Gerät zusammenstellen und präsentieren lassen, was gerade wichtig ist.

Künstlerinnen und Künstler wie diese oder dieser machen immer wieder zum Thema, was die Abhängigkeit vom Handy mit Menschen macht: Es fällt ihnen schwerer, zwischen Offline und Online zu unterscheiden – zwischen richtigen und falschen Nachrichten, zwischen guter und schlechter Politik. 

Was hat das zu bedeuten?

Es ist nicht alles so, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. "Manche Menschen kümmern sich mehr um ihr virtuelles Auftreten als um ihr reales", sagt Marco zu bento. Und gerade das ist die Gefahr: Von denen, die so tun, als ob, erfahren wir am meisten

Soziale Umbrüche, gesellschaftliche Diskussionen, politische Skandale, am Ende bekommen wir sie mit, weil sie zuerst und auf Insta, Snapchat oder Facebook stehen. 

Marcos Bilder fragen: Wie viel geben wir auf das, was unsere Timelines für uns filtern? Hinterfragen wir den Algorithmus? Welchen Quellen bedienen wir uns, um an Informationen zu gelangen? In welchem Moment bilden wir uns eine Meinung – reicht schon ein Foto aus, eine Überschrift, über die wir mit dem Finger hinweg streichen? Was klicken wir an, was nicht?

Und letztendlich führen all diese Gedanken auch zu dieser Frage: Kann es sein, dass soziale Netzwerke und ihre Inhalte so viel Macht haben, dass sie Vorurteile entstehen lassen – oder unrealistische Vorstellungen vom Leben?


Art

Ein Typ malt schreckliche Fan-Porträts von Rappern – und alle lieben es
Erkennst du alle?

Kunst ist ein beliebtes Mittel für Menschen, denen Konzertgänge, Fan-Artikel und Retweets nicht Liebesbeweis genug für ihre Idole sind. Doch kaum jemand dürfte mit seiner Würdigung so einen Eindruck hinterlassen wie der Twitter-User "Tw1tter-Picasso". 

Er verewigt Sänger in Porträts wie diesen: