Bild: The Grim Team
Das französische Kollektiv The Grim Team hat mit einem großen Graffiti auf die Attentate geantwortet. Wir haben mit einem einem der Künstler gesprochen.
"Sie wankt, aber geht nicht unter“ – Fluctuat nec mergitur.

Euer Graffiti am Place de La République spricht vielen Franzosen aus der Seele. Warum habt ihr diesen Satz gewählt?

Orel: Mit dem Graffiti wollten wir die schrecklichen Nachrichten der Attentate verarbeiten. Jeder Einzelne von uns hat sich angegriffen gefühlt. Fluctuat nec mergitur steht auf dem Wappen der Stadt, damit spielen wir seit mehreren Jahren. Er zeigt, wie verbunden wir mit Paris sind. Ich trage die Worte als Tattoo. Mehr als je zuvor hat diese Devise von Paris für mich einen tiefen Sinn gemacht. Das Motto zeigt uns: Wir sollen dem Sturm trotzen. Wir mussten etwas machen – und was wir gut können ist sprayen. Niemand kann uns Angst machen – das wollten wir der Welt zeigen. Es ist unsere Stadt, wir werden sie verteidigen.

(Bild: The Grim Team)

Wie kam die Entscheidung, das Graffiti zu sprayen?

Es war eine spontane Aktion. Als ich am Samstagmorgen aufgewacht bin, habe ich mein Tattoo angeschaut und gleich Stift und Papier genommen, um eine Vorlage zu zeichnen. Ich wollte rausgehen und etwas Sinnvolles tun. Es war ein Ausdruck meiner Hilfslosigkeit. Dann bin ich zum Sprayen mit dem Fahrrad zur Place de la République gefahren und habe meine Freunde angerufen.

Was wolltet ihr mit diesem Graffiti erreichen?

Das Graffiti wollten wir zuerst für uns selbst machen. Ich persönlich konnte mich daran festhalten. Wie an einem Boot. Wir wollten irgendwas gegen diese Barbarei tun. Unsere Wut rauslassen. Es war uns wichtig, draußen zu sein. Wir haben in den Straßen von Paris unsere Jugend verbracht. Es stand außer Frage, dass wir zu Hause bleiben und uns verstecken. Im Nachhinein sehe ich es ganz klar als ein Zeichen des Widerstandes.

Wie kann Kunst helfen, mit so einer Katastrophe klar zu kommen?

Kunst drückt Gefühle aus. Sie hilft einem, Dinge zu verstehen und sie zu verarbeiten. Für mich drückt das Graffiti etwas Friedliches aus. Es ist etwas anderes, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Das Graffiti ist unser leiser Protest.

Empfindest du die Anschläge auch als ein Attentat auf die Kultur?

Die Attentate waren ein Anschlag auf unsere Art zu leben. Auch speziell als Künstler haben wir uns angegriffen gefühlt. Die Meinungsfreiheit wurde ins Visier genommen. Wir waren aber auch direkt betroffen, weil Freunde bei den Anschlägen verletzt wurden, die im Bataclan als Toningenieure und Türsteher gearbeitet haben.

Hattest du danach Angst?

Als ich am Place de la République gesprayt habe, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Ich hatte Angst davor, dass die Attentäter einen nächsten Anschlag auf die trauernden Menschen verüben. Wie damals in Irland, als nach einem ersten Attentat die Beerdigungen der Opfer angegriffen wurden. Ich wollte meine eigene Angst überwinden und nicht einknicken. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns auch Dank des Graffitis die Stadt sehr schnell wieder zu eigen gemacht. Wir haben gezeigt, dass wir da sind.

Wie gehen die Pariser mit der Angst um?

Die Angst ist spürbar. Überall. Jeder rennt los, wenn er einen Feuerwerkskörper hört. Das ist aus den Köpfen der Leute nicht rauszubekommen. Aber die Pariser sind mutig. Sie gehen raus. Sie lehnen es ab, sich dieser Angst zu unterwerfen. Sie wollen zeigen, dass sie Widerstand leisten gegen die Angst.

Welche Projekte habt ihr geplant?

Nach dem Bild am Place de la République, in der Nähe des Bataclan, haben wir ein zweites Graffiti am Canal Saint-Martin gesprayt. Auf der anderen Kanalseite liegt das Restaurant Le Petit Cambodge, dort hat auch ein Attentat stattgefunden. Wir würden gerne ein Graffiti in der Nähe der Rue de Charonne machen. Wir wollen diese Orte nicht den Attentätern überlassen.

Grim Team x bento

Das Grim Team ist ein Pariser Graffiti-Kollektiv. Es wurde 1997 gegründet. Ihm gehören zirka 30 Leute zwischen 22-42 Jahren an. Neben der Graffiti-Kunst sind seine Mitglieder Musiker, Regisseure oder Werbeleute. Orel ist 42 und hauptberuflich Filmemacher.