Bild: Hanna Gieffers

Nach mehr als sechs Jahren Krise ist ein großer Teil der griechischen Bevölkerung verarmt. Rund ein Viertel der arbeitsfähigen Menschen hat keinen Job, unter den jungen Menschen ist es mehr als jeder Zweite; viele Menschen leben auf der Straße.

Den Bankrott hat Griechenland gerade noch abgewendet, aber die Einigung mit den anderen Euro-Staaten auf neue Hilfskredite haben das Leben der Griechen bislang nicht verbessert. Erst mal wird es eher noch schlimmer: Die linke Regierung von Premier Alexis Tsipras will heute das nächste Sparpaket durchs Parlament boxen. Die Wirtschaft wird weiter schrumpfen, weitere Jobs dürften verloren gehen. Erst ab 2017 rechnen die Experten der Regierung mit Besserung.

Der Graffitikünstler Wild Drawing lebt seit drei Jahren in Athen, inmitten dieser Krise. Gebürtig aus Bali sprayt er nun seine beeindruckenden Murale auf die Mauern der griechischen Hauptstadt - die grassierende Armut geht an seiner Kunst nicht spurlos vorbei.

bento: Wild Drawing, wie viel Krise steckt in deinen Graffitis?

Die steigende Armut, die Arbeitslosen, die vielen Obdachlosen, die Menschen, die sich umbringen – das alles kann und will ich nicht ignorieren. Ich sehe mich als ein Teil dieser griechischen Gesellschaft. Ich kann nicht einfach wegschauen. Meine Graffitis sind stark von dem inspiriert, was um mich herum geschieht. Besonders von der aktuellen Krise.

(Bild: Hanna Gieffers)

bento: Kannst du ein Beispiel dafür nennen?

Ich zeige in letzter Zeit häufig Obdachlose. Die griechische Gesellschaft ignoriert diese Leute, die auf der Straße schlafen müssen. Mit der Krise sind es unheimlich viele geworden. Ich widme diese Graffitis den Armen und Obdachlosen – in Griechenland und überall auf der Welt. Denn wir wissen ja alle, dass diese Krise so viel mehr ist als nur eine rein griechische Krise.

bento: Siehst du dich als einen politischen Künstler?

Ich mag keine Labels. Ich zeige mit meiner Kunst Situationen, die mir nahe gehen, Dinge die mich aufregen. Manchmal inspirieren mich Sachen, die auf der anderen Seite der Welt passieren. Aber manchmal sind es auch Probleme von Freunden. Das alles lasse ich in meine Kunst einfließen, die dann ab und zu auch politisch wird.

(Bild: Hanna Gieffers)

bento: Deine Graffitis zeigen oft Menschen mit gebrochenen Flügeln. Warum?

Flügel stehen für Freiheit. Freiheit zu denken und zu sagen, was man will. Die Politik möchte nicht, dass Menschen frei sind. So kann sie die Massen besser manipulieren. Deshalb zeige ich oft Leute mit gebrochenen Flügeln.

bento: Wie würdest du die Street-Art-Szene in Athen beschreiben?

Sie ist gerade die aktivste Szene in Europa. Viele Leute sprayen sehr gute Sachen. Die Menschen in Athen schätzen mehr und mehr diese Kunstform. Sie wird nicht mehr nur als Schmiererei gesehen. Besonders im Studenten-Viertel Exarchia sind die Wände voller guter Graffitibilder. Dort spraye auch ich am liebsten. Die Atmosphäre inspiriert mich.

(Bild: Hanna Gieffers)

bento: Du kommst aus Bali. Was hat dich nach Athen gebracht?

Ich habe Athen nicht bewusst gewählt. Ich bin einfach hier gestrandet. Es ist ein wunderbarer Ort. Ich liebe dieses angenehme Chaos, dass die Stadt so lebhaft macht. Auch wenn das Leben in den vergangenen Jahren sehr hart war. Mittlerweile habe ich tolle Freunde hier, viele Künstler. Sie sprechen eine ähnliche Sprache wie ich, mit ihnen arbeite ich oft zusammen.

(Bild: Hanna Gieffers)
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