Bild: Carolin Günther

Ein Mädchen sitzt vor seinem Teller. Darauf liegt kein Braten, sondern ein süßes Kätzchen – in der Mitte aufgeschnitten wie ein Stück Fleisch. Doch Moment. Es ist ja auch ein Stück Fleisch, genau genommen. Aber die meisten Menschen sehen darin nichts Essbares, sondern ein süßes Haustier mit Bedürfnissen, ein Lebewesen.

Warum ist das so? Warum können wir ein Ferkel eher schlachten als einen Welpen? Was macht ein Tier zur Nahrung, wo ziehen wir die Grenze?

Mit ihrer Bilderserie "About Meat" will die Illustratorin und Malerin Carolin Günther diese Kategorisierung hinterfragen. Sie malt ein Mädchen mit verbundenen Augen und einer Fleischkeule in der Hand, vor ihr ein Schaf, dem die Hinterbeine fehlen. Um sie herum: Blumen, Grünzeug, ein Baum. Die Botschaft wirkt erst auf den zweiten Blick.

Auf einem anderen Bild sitzen sich ein Schwein und ein Hund gegenüber. Das Schwein ist aufgeschnitten, wie ein Schinken. Das Bild trägt den Titel "Fuck Speciecism" und bezieht sich damit auf ein Konzept, nach dem Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit diskriminiert werden. Während die einen zum Kuscheln sind, werden die anderen gegessen. 

Die Psychologin Melanie Joy hat dafür schon 2001 einen anderen Begriff geprägt: Karnismus. Er steht im Gegensatz zu Veganismus und geht davon aus, dass Menschen Fleisch heute nicht mehr essen, weil sie müssen. Die Entscheidung dazu sei eine Spiegelung der eigenen Wertvorstellungen. Dadurch wird das Essen bestimmter Tiere ethisch vertretbar, das anderer nicht.

Das prangert Carolin in ihren Bildern an:

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"About Meat" wächst immer weiter, die Arbeit ist für sie noch lange nicht beendet. Die Motive verkauft Carolin aufgedruckt auf T-Shirts, Taschen, Kissen oder Uhren. Nebenbei schreibt sie auf ihrem Blog Art and Almonds über Kunst, Do-it-yourself-Projekte und Veganismus.

Im Interview erzählt sie, warum sie niemandem das Fleisch essen verbieten möchte, aber trotzdem jeder mal eine Schlachtung gesehen haben sollte.

Du kritisierst, dass Menschen Haustiere halten, aber Schweine oder Rinder essen. Sollten Katzen und Hunde auch auf den Teller?

Das ist ja in manchen Kulturen schon so. Leute unterschreiben Petitionen gegen das Schlachten von Hunden in China. Aber hier passiert genau das gleiche, nur mit anderen Tieren. Das ist geheuchelt. Für mich macht es keinen Unterschied, ob man eine Katze oder ein Schwein schlachtet. 

Du bist seit über 30 Jahren Vegetarierin, seit fünf Jahren Veganerin. Warum?

Bei meinen Großeltern durfte ich als Kind einmal mit einem Hasen kuscheln, das fand ich toll. Ein paar Monate später gab es dann Hasenbraten. Das habe ich nie verstanden. Im einem Moment streichelt man das Tier und im nächsten wird es gegessen. 

Mir haben Fleisch und Fisch aber auch einfach nicht geschmeckt. Und ich habe mal eine Schlachtung gesehen. Ich fände es gut, wenn jedes Kind sowas sehen würde, um sich eine Meinung zu bilden. Ich glaube, viele haben keinen tieferen Bezug zu Fleisch.

Heute lebe ich vegan, weil sich mein Mann damals damit beschäftigt hat und es für mich der nächste logische Schritt war.

Was möchtest du mit “About Meat“ zeigen?

Wie wir als Gesellschaft mit dem Thema Fleisch umgehen, beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Obwohl jede Woche ein neuer Fleischskandal durch die Medien geht und neue Missstände aufgedeckt werden, passiert nur ganz wenig. Mich fasziniert die Kategorisierung der Tiere in ‘essbar‘ und ‘nicht essbar‘. Leute lassen ihre Katzen mit ins Bett, aber essen ungerührt ein Schnitzel.

Du sprichst von einem unsichtbaren Karnismus. Was meinst du damit?

Der Karnismus ist ein System, in das wir hineingeboren werden und das keiner hinterfragt. Fleisch essen wird uns als nötig und normal verkauft. Diese Kategorisierung haben wir so verinnerlicht, dass niemand mehr drüber nachdenkt, ob sie auch richtig ist.

Carolin in ihrem Studio.(Bild: Carolin Günther)

Welche Menschen willst du mit deinen Bildern erreichen?

Im Grunde alle. Letztlich will ich die Leute anregen, über Fleischkonsum, unseren Umgang mit Tieren und Tierrechte nachzudenken. Kunst ist und war schon immer Mittel gewesen, um Missstände aufzuzeigen. 

Welche Reaktionen bekommst du?

Manchen sind meine Motive zu krass. Das Motiv mit dem Hasen trage ich auf meine Handtasche gedruckt. Neulich beim Bäcker hat ein Kind sie lange angeschaut, die Mutter wollte es davon abhalten. Sie sagte so etwas wie: ‘Wie kann man nur?‘ Dann rief ihr Mann an und sie sagte ihm am Telefon, sie müsse nur noch eben die Rouladen vom Fleischer abholen. Diese Situation war dann meine Inspiration für das Bild, in dem Kinder um einen Fleischbaum tanzen.

Deine Bilder zeigen sowohl niedliche als auch brutale Elemente. Wie passt das zusammen?

Die Blumenranken sind so etwas wie ein Gegengewicht zu dem eigentlichen Motiv. Erst denkt man sich ‘Das ist ein schönes florales Bouquet‘ und dann kommt sozusagen der Holzhammer um die Ecke. Das ist, als äße man Schnitzel und schaue dann in ein Schlachthaus: Das Schnitzel schmeckt gut, die Schlachtung zeigt die Wirklichkeit. 

Ich mag es, wenn nicht alles auf den ersten Blick ersichtlich ist und die Erkenntnis auf den zweiten Blick kommt. Die niedlichen Figuren und schönen Blumen ziehen Aufmerksamkeit an, und vielleicht beschäftigt man sich dann auch eher mit dem Rest.

Die Künstlerin bei der Arbeit.(Bild: Carolin Günther)

Findest du es okay, wenn man sich eine Schlachtung anschaut und trotzdem weiter Fleisch ist? 

Ich will niemanden zum Veganer machen. Wenn jemand dann immer noch Fleisch ist, ist das für mich total okay. Ich will nur, dass Menschen sich damit auseinandersetzen. 


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"Betreutes Trinken": Darum kämpfen Menschen auf St. Pauli gegen ihre Kioske

Kurz noch ein Bierchen vom Kiosk, dann tanzen gehen: Cornern ist das neue Vorglühen – und das auch nicht erst seit gestern. 

Doch die Sparfüchse des Nachtlebens zerstören genau die Orte, die sie ständig besuchen: die Bars und Clubs. Denn die stellen zwar das tolle Programm, für das Hamburgs kulturelles Herz und Party-Bezirk berühmt ist, doch die Umsätze bleiben bei den Kiosken, die mit Billig-Alkohol locken.

Etliche Läden sind unter anderem daran schon kaputt gegangen und mussten schließen. Für viele Menschen im Viertel ist das ein Warnsignal. Deshalb haben sich nun Wirte, Clubbetreiber und Anwohner zusammengetan und kämpfen gegen die Kiosk-Kultur. 

Doch das wird auch kritisch gesehen.