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Uiuiui, ist das etwa politisch?

Deutschland schickt dieses Jahr Popfeminismus zum Eurovision Song Contest: die S!sters. Nach dem netten rothaarigen Typ, der über den Tod seines Vaters (2018) gesunden hat und der netten blonden Frau (2017), die ihr perfektes Leben feierte, kommt ein politisches Statement!

Die große Hoffnung des gebührenfinanzierten Feminismus sind Carlotta Truman (19) und Laurita Spinelli, die eigentlich Laura Kästel heißt (26). Das Lied der S!sters heißt "Sister" und es geht um "Sisterhood". Nein, sie sind keine echten Schwestern, was irgendwie klar ist, aber trotzdem die Punchline jedes Artikels über das Duo. Sisterhood steht für Frauen-Solidarität.

Uiuiui, ist das etwa politisch?

Im Video, gedreht im Fight Club Wuppertal, sind die beiden Nicht-Schwestern zunächst auf dem Mädchenklo und weinen ihr Spiegelbild an, weil Frauen das in Popvideos nun mal so machen. Dazu flackert das Licht. Sie steigen kurz darauf in einen Boxring, entscheiden dann aber doch, nicht zu kämpfen. Sie ziehen die Boxhandschuhe wieder aus und halten Händchen.

Man mag das banal finden. Oder man sieht die zutiefst feministische Botschaft.

Frauen sollten sich nicht gegenseitig das Leben schwer machen. Sie sollten andere Frauen für ihre Leistungen feiern, statt sie als Bedrohung zu empfinden. Mehr Gleichberechtigung für alle schaffen – statt sich nur am eigenen Erfolg abzuarbeiten. Das schreibt auch der ESC-Fan-Blog DudePoints: "Hasst die S!sters für das lächerliche Ausrufezeichen in ihrem Namen, aber erkennt an, dass sie eine Message haben."

Dabei ist der Song leider wie ein billiges Bonbon: Wird mit "Kirschgeschmack" verkauft, ist aber doch nur Zucker und klebt stundenlang zwischen den Zähnen – eine uninspirierte Pop-Ballade, die man furchtbar findet, den Ohrwurm aber tagelang nicht los wird.

Der Text bleibt banal, (Now, shine like city lights/ Torches in the sky/ Don't you try to hide it/ Sister) bis auf eine verstörende Passage, in der Laurita einen Mordversuch an Carlotta besingt:

"Ich habe versucht, dich runterzudrücken. Aber Kleines, du hast einfach weitergeatmet."

Obwohl die Botschaft so gefällig ist, den feministischen Zeitgeist trifft und beide sogar singen können, funktioniert das Projekt öffentlich-rechtliche feministische Pop-Hymne nur mäßig. Niemand kennt die S!sters, niemand googelt sie (Abendzeitung), in Wettbüros werden Negativwetten abgeschlossen. (BZ)

Dass das Duo überhaupt im Finale steht, liegt an einer Spezialregel des ESC. Die fünf finanzstarken Länder Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien sind automatisch für das Finale qualifiziert, ebenso der Gastgeber. Alle anderen mussten ins Halbfinale. 

"Versuch nicht, es zu verstecken, Schwester!"

Die S!sters sind das, was vom Feminismus bleibt, wenn man ihn seiner politischen Messages beraubt, wenn man so tut, als brauche es für Feminismus keinen Kampf, nur Händchenhalten. 

Moment mal: Soll das mit den S!sters überhaupt Feminismus sein?

Leider ja. NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber erklärt im Interview mit einem Fanmagazin: "Female Empowerment ist das Stichwort zur längst überfälligen aktuellen, gesellschaftspolitischen Diskussion."

Aus demselben Interview erfährt man, wie so eine öffentlich-rechtliche Female-Empowerment-Hymne entsteht: Der Song wurde im "Writing Camp" der "Schweizer Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik" geschrieben (immerhin haben neben zwei Männern auch zwei Frauen mitgeschrieben).

Den Song nach Deutschland geholt und die passenden Musikerinnen gefunden haben ebenfalls zwei Männer. 

Immerhin: Für Schminke und Klamotten hat eine Frau gesorgt.

Komischerweise kommt die feministische Botschaft so auch nicht richtig an. Wenn über das Duo berichtet wird, dann immer zielstrebig an der Message vorbei – es geht nie wirklich um Konkurrenz und Solidarität. Dabei könnten die beiden sicher wirklich was zu den Themen sagen: 

Laura Kästel gewann mit zehn Jahren den österreichischen Gesangswettbewerb "Kiddy Contest", bei "Star Search" war sie im Halbfinale, später Backgroundsängerin von Lena Meyer-Landrut. Auch Carlotta Truman hat Castingshow-Erfahrung. Mit neun war sie im Finale von "Das Supertalent“, mit zehn veröffentlichte sie ihre erste Single, mit elf sang sie in der ARD-Live-Sendung "Unsere Show für Deutschland“ und mit zwölf gewann sie die Auszeichnung "Beste Solosängerin in Deutschland" des Deutschen Rock- und Pop-Preises.

Wie hart ist das Showgeschäft für junge Frauen wirklich?

Was muss sich tun, um den Laden feministisch auf Vorderfrau zu bringen? Werden sie fair bezahlt? Welche Frauen haben die beiden unterdrückt – statt ihnen zu helfen? Man weiß es nicht. Stattdessen klingen die Interviews so:

  • "Bild": "Ihr seid hier jeden Tag immer top gestylt. Habt ihr so viele Klamotten dabei?" 
  • Carlotta: "Oh ja. Jedem von uns wurden zwei große Koffer mitgegeben. Und die waren ziemlich schwer. Zum Glück mussten wir die nicht selbst schleppen."
  • Laurita: "Ich musste mir sogar einen neuen Koffer kaufen, weil in den alten nicht alles reingepasst hat."

Oder wie beim "Südkurier". Der hat einen Experten (Kompositionsprofessor) zur Feminismusqualität des Duos konsultiert. Der Professor hat den Eindruck, es gehe in dem Song um "Zickenkriege" und "Stutenbissigkeit". Performativ sei aber positiv zu bemerken: "Eine blonde und eine Dunkelhaarige, beide perfekt gestylt - da ist also für jeden was dabei, wenn man es böse sagen will." (Südkurier)


Damit darf dieser peinliche Versuch, eine feministische Hymne zu erfinden, für gescheitert befunden werden.

Statt Botschaften gibt es Bonbonpop. Statt die beiden beeindruckenden jungen Frauen ernst zu nehmen, werden sie anhand ihrer Haarfarben definiert. Und hinter den Kulissen ziehen Männer die Strippen.

So zeigt S!sters leider nur, wie sich alte Männer Feminismus vorstellen: Nett, gutgelaunt und in den hohen Lagen etwas quietschig. Alle sollen sich irgendwie unterstützen und hallo, entschuldige mal bitte, weg mit den Boxhandschuhen, wir sind hier für das Empowerment und nein, wie kommst du denn darauf, Feminismus könnte ein harter Kampf sein?

Am Ende geben sich dann alle die Hand (Mädchen halt) und schon im Abspann ist die Welt wieder im Lot: Regie führte auch ein Mann.


Fühlen

Warum ich nicht auf meinen Festnetzanschluss verzichten will

Vor ein paar Tagen saß ich auf dem Weg zur Arbeit in der vollen S-Bahn neben einer Frau, die lautstark telefonierte. Ich hatte meine Kopfhörer zu Hause vergessen und lauschte unfreiwillig ihrem Gespräch. Nachdem sie aufgelegt hatte, rief sie sofort wieder jemanden an, um mit dieser Person über das eben geführte Telefonat zu sprechen. Als ich zwanzig Minuten später aus der Bahn ausstieg, war ich zwar bestens über das Leben meiner mir unbekannten Sitznachbarin informiert. Aber auch ein wenig genervt.

In Deutschland telefonieren Menschen jetzt erstmals mehr mit ihren Handys und Smartphones als mit Festnetztelefonen. (SPIEGEL ONLINE)

  • 119 Milliarden Gesprächsminuten hat die Bundesnetzagentur für das Jahr 2018 im Mobilfunk gezählt.
  • Über das Festnetz wurden nur 107 Milliarden Gesprächsminuten gezählt. Mehr als 40 Milliarden weniger als noch vor vier Jahren.

Grund dafür ist unter anderem der Wegfall der Roaming-Gebühren innerhalb der EU. Menschen telefonieren jetzt zum Beispiel auch vom Urlaubsort aus öfter und länger mobil. (SPIEGEL ONLINE)

War's das also für das gute alte Telefon? 

Ganz ehrlich: So ein Festnetztelefon ist auf den ersten Blick nicht besonders attraktiv. Die meisten jungen Menschen besitzen es wahrscheinlich nur, weil es gratis beim Internetanschluss dabei war. Oder weil es schon ewig in der WG steht, wo mittlerweile niemand mehr weiß, wo es herkam und wem es eigentlich gehört.

Irgendwie passt es nicht mehr zu einer Generation, der es wichtig ist, sich frei zu fühlen. Außerdem vereint unser Smartphone Kompass, Stadtplan, Taschenrechner. Warum sollte man etwas besitzen, dass das Smartphone sowieso schon kann?

Außerdem ist das Festnetztelefon viel zu groß und viel zu schwer, um chic zu sein. Und in den meisten Fällen zu neu (und zu hässlich), um als stilvolles Vintagestück vom Flohmarkt durchzugehen. Es ist an einen festen Ort gebunden. Selbst schnurlose Telefone haben nur eine gewisse Reichweite. Man nutzt es, ganz anders als das Smartphone, nur für einen einzigen Zweck. Und man kann es nur schwer ignorieren, wenn es klingelt. Es ist unpraktisch, altbacken und irgendwie überflüssig. Und ich liebe es.

Darauf will ich einfach nicht verzichten.

Mein Smartphone liegt häufig stumm irgendwo in meiner Wohnung. Manchmal finde ich es stundenlang nicht und oft genug musste ich es schon mit meinem Laptop orten und einen Signalton darauf abspielen, um es dann unter meiner Bettdecke, hinter einem Sofakissen oder ziemlich offensichtlich auf der Küchentheke liegend wiederzufinden. Lange erinnerte ich mich gar nicht mehr daran, wie der eigentliche Klingelton meines Smartphones überhaupt klingt. 

Bei meinem Festnetztelefon ist das anders. Es ist schön zu wissen, dass meine Eltern, meine Großeltern und Freunde mich trotzdem erreichen können, wenn ich zu Hause bin. Auch mitten in der Nacht, wenn mein Smartphone im Flugmodus ist. Wenn mein Handy klingelt, bin ich erst einmal skeptisch. Wenn mein Festnetztelefon klingelt, weiß ich, dass mir der Mensch am anderen Ende der Leitung wichtig ist. Weil nur diese Menschen meine Nummer haben.

Festnetztelefonate sind stressfreier. Man muss nicht immer erst die Bedingungen klären.

Rufe ich jemandem über einen Festnetzanschluss an, muss ich nicht fragen, wo die Person, mit der ich rede, gerade überhaupt ist. Ich weiß, dass sie nicht im Supermarkt an der Kasse steht und gleich mit Bezahlen dran ist. Ich weiß, dass sie nicht in einem wichtigen Meeting steckt. Und genau das wissen auch alle, die mich zu Hause anrufen.

Zum Telefonieren nehme ich mir gerne Zeit und bleibe konzentriert beim Gespräch, weil ich eben nicht gerade Kleingeld abzählen oder auf den Verkehr achten muss. Außerdem weiß ich, dass ich mit meinen Freunden und meiner Familie am Festnetztelefon offen über Probleme sprechen kann und uns gerade niemand zuhört. Erst recht nicht zwanzig Personen, die sich gerade zufällig im selben S-Bahn-Wagen befinden.