Bild: Tim Douet/Emilie Gleason
"Trubel mit Ted" ist dafür ein schönes Beispiel.

Ted ist ein großer Mann, der sich auf viel zu langen Beinen ungelenk durchs Leben bewegt. Seinen Kopf hält er versteckt zwischen seinen hochgezogenen Schultern. Man sieht der Figur an, dass sie sich nicht so richtig wohlfühlt. Ted hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus. Es fällt ihm schwer, sozial zu interagieren. So übt er Sarkasmus und lacht dann viel zu lang über seinen eigenen Witz. Oder er nimmt auf der Straße einen Flyer an, um sich gleich darauf zu ärgern: "Jetzt bin ich verpflichtet, hinzugehen!" und steht am Abend unbehaglich in der Ecke eines Konzertsaales herum. "Trubel mit Ted" lässt einen an vielen Stellen schmunzeln.

"Das könnte meinem Bruder auch passieren", sagt die Autorin Émilie Gleason, 28. Es ist seine Geschichte, die sie im Comic erzählt. Er hat ebenfalls das Asperger-Syndrom und kann selten nein sagen. "Immer, wenn er an einer Hilfsorganisation vorbeikommt, die Geld sammelt, endet es damit, dass er spendet. Er weiß sonst nicht, wie er aus der Situation herauskommen soll", sagt sie und lacht. Ihr Bruder sei es auch gewesen, der sie zu der Geschichte inspiriert habe. "Ich wollte einen Comic schreiben, der seine Welt zeigt."

Der Comic

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Jede Seite des so entstandenen Comics knallt einem farbenfroh entgegen. Leute, die sonst wenig Comics lesen, wundern sich vielleicht. So wenig ähnelt "Trubel mit Ted" klassischen Comics wie Asterix, Superman und allem, was der US-Comicverlag Marvel so herausbringt. 

Comics über Feminismus oder psychische Störungen

Tatsächlich hat sich in der Comicszene in den letzten Jahren viel getan. Es gibt Comics zu vielen Themen: Feminismus, Mental Health, sogar Literaturklassiker wurden als Comic neu aufbereitet. "Das ist ein Trick, den man bei vielen neuen Medien beobachten kann", sagt Lara Keilbart vom Feministischen Comic Netzwerk. "Früher hieß es, durch Comics würden die Menschen verdummen. Deshalb begann man in der Szene, Literatur zu malen, die zur Hochkultur zählt, damit der Ruf der Comics sich bessert." So erweiterte sich das Spektrum des im Comic Darstellbaren. Comics in Knallfarben wie "Trubel mit Ted" seien derzeit eine prominente Strömung in der Szene.

"Ziemlich neon, ziemlich flächige Malerei und das Aufbrechen traditioneller Panel-Strukturen", beschreibt Keilbart den Stil. Die rechteckigen und gleichgroßen Panels, in denen klassische Comics oft erzählt werden, sind in "Trubel mit Ted" stellenweise breiten Zeilen gewichen, in denen die Geschichte verläuft. An einer Stelle stiehlt sich Ted aus einer unangenehmen Situation, indem er sich durch eine kleine Treppe aus dem Bild ins darunterliegende Panel schleicht. Der Comic ist experimentell und ungeordnet. Außerdem wirkt er schnell, durch die skizzenhafte Optik und die Tatsache, dass Ted nie zu Fuß geht. Er rast durch den Comic.

So kann man Teds ständige Reizüberflutung nachfühlen und ihn darin ein wenig begleiten. "Das wäre in einem Roman zum Beispiel nicht möglich gewesen", meint Émilie Gleason und ergänzt: "Außerdem bin ich echt schlecht mit Worten." Eine bescheidene Selbsteinschätzung, wenn man bedenkt, dass "Trubel mit Ted" seit seiner Veröffentlichung im Jahre 2018 in Frankreich und der Schweiz in öffentlich-rechtlichen Radiosendern besprochen wurde und auf dem größten Comicfestival Europas, dem Internationalen Comicfestival von Angoulême, sogar mit dem Preis für das beste Debüt ausgezeichnet wurde.

Eine Männerdomäne

Émilie Gleason verließ das Festival mit einem Pokal in Katzenform und dem leisen Gefühl, diesen auch aus Quotengründen bekommen zu haben. "Ich hatte beim Festival das Gefühl, der Liebling der Veranstalter zu sein, einfach, weil ich jung und weiblich bin. Das fehlt in der Comicszene", sagt sie geradeheraus. "Aber das ist toll, dass ich gerade in so einer Zeit loslege."

Ein Selbstportrait der Autorin und Zeichnerin

Lara Keilbart beobachtet ebenfalls, dass sich in puncto Feminismus etwas tut. Die schwedische Autorin Liv Strömquist sei ein Beispiel, die mit feministischen Comicbänden wie "Der Ursprung der Welt" gerade sehr erfolgreich ist. "Sowas gab es in den Achtzigern auch schon, aber erst heute findet es auch Beachtung." Dennoch sei noch viel zu tun. Das Feministische Comic Netzwerk arbeitet gerade an einer Statistik, die Comicschreibende nach Geschlechtern vergleicht. "Wir sind noch nicht fertig", sagt Keilbart, "aber das Verhältnis wird sich wahrscheinlich ungefähr bei 70 Prozent Männern zu 30 Prozent Frauen einpendeln, wenn nicht sogar bei 80 zu 20." Auch finde sich im klassischen Comic immer noch häufig das Klischee "starker Held und leichtbekleidete, schwache Frau" wieder.

Bunter Einblick in die Welt eines Autisten

Von all dem ist "Trubel mit Ted" weit entfernt. Ted ist viel zu sehr damit beschäftigt, sein eigenes Leben auf die Reihe zu bekommen, um wie ein hypermaskuliner Superheld zu wirken. Schon ein Familienbesuch verlangt ihm mehr ab als anderen. Als Ted bei seinem Job in der Bibliothek in den Zwangsurlaub geschickt wird und zu seiner Familie fährt, gibt es neben Verständnis auch viel Streit, Wut und Tränen. "Ich habe den Comic zu einer Zeit geschrieben, in der es mit meinem Bruder sehr schwierig war", erzählt Émilie Gleason und wird ernst.

Sie selbst sei mit der Behinderung ihres Bruders nicht immer gut umgegangen. "Die kleine Schwester von Ted ist viel sympathischer, als ich es früher war", sagt sie. "Tatsächlich war das Schreiben für mich eine Art Katharsis. Ich habe begonnen, mich mehr mit ihm und seiner Welt auseinanderzusetzen. Unser Verhältnis ist heute viel besser."

Hat ihr Bruder den Comic selbst gelesen? "Ja, aber erst vor zwei Monaten, obwohl er bereits vor zwei Jahren erschienen ist. So richtig interessiert war er nicht. Aber ich glaube, dass mein Stil für einen Menschen mit Asperger auch nicht so leicht zu entschlüsseln ist." 

Allen anderen zeigt der Comic, dass Alltagsheldentum viel spannender und berührender sein kann als der immergleiche Supermann-Plot. Und dass es sich lohnt, wieder mehr Comics zu lesen. Denn Comics beschreiben nicht, sie zeigen Dinge und eröffnen der Literatur so Möglichkeiten, die der Roman alleine nicht abdecken könnte.

Es ist schön, dass es einen Comic wie "Trubel mit Ted" gibt. Nur schade, dass seine Autorin glaubt, sie habe den Erfolg ihrem Geschlecht zu verdanken.


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