Goethe gefällt das

Das Bild sollte für die Frau Mama sein. Der 21-jährige August Macke malte einen Tisch, darauf eine Pflanze, Früchte und eine Keramikkanne mit leicht verschwommen Konturen. Dahinter ein Plakat mit Musikanten, ihre Gesichter, wie üblich für den jungen Expressionisten, nur dunkle Ovale.

Ein Stilleben. Mit diesen leblosen Bildern, erklärte die Mutter dem Sohn nach Fertigstellung, können sie aber nun gar nichts anfangen.

Also stellte sich Macke nochmal an die Leinwand und hauchte der Szenerie Leben ein. Leben in Form einer vergnügten, braun-schwarz-weißen Katze mit gekringeltem Schwanz, die ihren Körper an der Tischkante entlangreibt. "Der Geist des Hauses - Stilleben mit Katze", nannte Macke sein Werk, das heute dem Münchner Lenbachhaus gehört.

Wie sie sich an der Tischkante entlangschlängelt! Welche Mutter würde das nicht erfreuen?

Rund hundert Jahre vor der Erfindung von Facebook und YouTube erscheint der Kniff, mit dem Macke sein zu dröge geratenes Bild rettete, geradezu visionär: Eine Katze macht jedes Bild fröhlicher.

Doch so unschuldig Cat Content daherkommt, so leidenschaftlich wird er gehasst: Vornehmlich grummligen, alten Kulturpessimisten gelten die herzigen Videos purzelnder, springender und schlagender Katzen als Beweisstück A, dass die dumme Jugend ja nur noch für dummes Zeug konsumiert.

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"Katzenvideo" ist ihnen kein Wort, es ist ein verächtlich hinzuspuckender Ausdruck, der für alles steht, was verkehrt läuft bei diesen Smartphone-verliebten Lebensstümpern. Mit Tierfilmchen verdödeln sie ihre Zeit statt - äh - statt eben das zu tun, was man in der eigenen, wohlgelungenen Jugend so mit sich anzufangen wusste. Goethe lesen oder so.

Ach ja, Goethe. Der Bannerträger deutscher Bildungsbürgerlichkeit, der von seiner "italienischen Reise" 1788 den Schwank "Die Katze betet Gottvater an" mitbrachte.

Der Erzähler beobachtet darin das Tier, wie es sich an einer Jupiterstatue aufrichtet. Seine verdatterte Hauswirtin hält die Streckübung für die Gebetspose einer zum Glauben Bekehrten. Der Erzähler dagegen erkennt sofort ihr wahres, ungleich profaneres Motiv: Die Katze schleckt dem Römergott nur das aus der Küche hinüberdünstende Fett aus dem Bart.

Fotostrecke: Berühmte Katzenbilder
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Eine schlichte Geschichte. Goethes Anekdote hätte auch der Plot eines Vines oder YouTube-Schnipsels sein können.

Keineswegs der einzige Abweg einer Autorenlegende ins feline Fach - im Gegenteil: Mit dem Cat Content, den die Größen des klassischen deutschen Literaturkanons produzierten, könnte man locker ein germanistisches Proseminar bestreiten. Da ist Robert Gernhardt, der von der Katze "liegen lernen" wollte, da sind Fontane und Hofmann von Fallersleben. Heinrich Heine schrieb über die lebenslustige "Mimi", Rilke über den lebensmüden "Panther". E.T.A Hoffmann nannte seinen Kater "Murr", bei den Gebrüdern Grimm trägt er Stiefel. Und dann ist da noch Wilhelm Busch:

Ein weißes Kätzchen voller Schliche
Ging heimlich, weil es gerne schleckt,
Des Abends in die Nachbarküche,
Wo man es leider bald entdeckt.
WEIL ES GERNE SCHLECKT! <3

Die Hausbesitzer scheuchen das diebische Kätzchen durch die Küche und schließlich durch den Kamin hinaus. Sodann setzt Busch zur Moral seiner mit einem altklugen "Ja ja" überschriebenen Miniatur an:

Ja, siehst du wohl, mein liebes Herze?
Wer schlecken will, was ihm gefällt,
Der kommt nicht ohne Schmutz und Schwärze
Hinaus aus dieser bösen Welt.

Auf ähnliche Weise changieren die meisten Katzen-Texte der großen Autoren zwischen alberner Leichtigkeit und ironisiert-bedeutungsvoller Parabel auf das menschliche Dasein - und unterscheiden sich von mancher Liste des Katzenfachportals BuzzFeed allenfalls in der Form.

(Bild: Giphy )

Nirgendwo ist die Verwandschaft so sichtbar wie bei den "100 Most Important Cat Pictures Of All Time" - einem der lustigsten Artikel, den ich seit Urzeiten gelesen habe.

The Contemplative! The Displeased Customer!!!

Das Spiel mit dem Kontrast zwischen Banalität und zurechtgebogenen, zurechtgelogenen Klassikerzitaten, mit der Liebe des Internetnutzers zum Allzweck-Sinnspruch und sogar mit der eigenen Form ("Why does it matter? Honestly...") – große Kunst.

Egal, was die katzenverachtenden Grummel-Geister also sagen: Guter Cat Content war schon immer Hochkultur. In ihrer Liebenswürdigkeit, Verschlagenheit oder Faulheit scheinen uns Katzen so ähnlich, dass sie kluge Menschen in allen Zeitaltern faszinierten - und amüsierten.

Wenn wir schon nicht "ohne Schmutz und Schwärze hinaus aus dieser bösen Welt" (wieder Wilhelm Busch) kommen, sollten wir dabei zumindest was zu lachen haben.


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