Bild: Carli Davidson
Carli Davidson über ihre Bilder und revolutionäre Akte der Liebe.

Carli Davidson, 34, ist eine der renommiertesten Tierfotografinnen der USA. Internationale Bekanntheit erreichte sie mit ihrem Buch "Shake", das schüttelnde Hunde zeigte. Dieses Projekt hat Davidson inzwischen um Welpen und Katzen erweitert. Davidson engagiert sich im Tierschutz, arbeitete als Tiertrainerin. Sie lebt mit ihrem Partner Tim, Hund Sail und Katze Yushi in Portland, Oregon.

Erst hast Du ein Schüttel-Buch über Hunde veröffentlicht, nun eines über Katzen. Kommen beide so schlecht miteinander aus, dass sie nicht in einem Band erscheinen konnten?

Ich wollte Hunde und Katzen in ein Buch packen, als ich die Idee für "Shake" zum ersten Mal vorgestellt habe.

Aber?

Mein Verlag sagte: erst die Hunde, dann die Katzen. Es gibt nun mal Hundefreunde und Katzenfreunde. Beide Gruppen sollten ihr eigenes Forum, ihr eigenes Buch bekommen. Das Hundebuch kam zuerst, weil die Bilder damals schon viral im Netz verbreitet wurden.

Wen hast Du nach Hunderten Fotoshootings lieber: Katzen oder Hunde?

Davidson: Ich habe mit vielen verschiedenen Tieren gearbeitet, auch im Tierschutz: Tiger, Stachelschweine, Hunde, Katzen. Was mir dabei aufgefallen ist: Die Spezies tritt in den Hintergrund und man beginnt das Individuum zu schätzen. Es gibt Hunde und Katzen, nach denen ich verrückt bin. Und es gibt Hunde und Katzen, die ich für ziemlich unangenehme Gesellen halte. Es ist wie bei Menschen. Da kommt es auch bloß darauf an, ob man miteinander klarkommt oder nicht.

Was hat Dich das Projekt über Katzen gelehrt?

Ich habe etwa hundert Katzen fotografiert, davon kommen 61 im Buch vor. Ich fand es sehr cool, mit so vielen Katzen abzuhängen, weil ich dadurch erst begriffen habe, wie vielfältig sie sind - die Rassen, die Persönlichkeiten. Bei Hunden war mir das klar, weil man sie mehr in der Öffentlichkeit sieht, beim Gassigehen oder im Hundepark. Katzen leben vergleichsweise zurückgezogen. Zu Beginn des Projekts hatte ich Angst, dass ich einen Haufen Perserkatzen fotografieren und alle gleich aussehen würde.

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Haben sich die Katzen im Studio anders verhalten als die Hunde?

Ja, sie haben auf meinen Kram gepinkelt. Sie sind unter den warmen Lampen liegen geblieben und haben es sich gemütlich gemacht. Die Hunde waren schwieriger zu bändigen. Sie wollten das Studio erkunden und schnüffeln.

Wie hast Du die Katzen dazu gebracht, sich zu schütteln?

Wir haben ihr Fell ein bisschen verstrubbelt, sie ein bisschen hinter den Ohren gekrault. Wenn das nicht geholfen hat, haben zwei professionelle Tierpflegerinnen ihnen die Krallen geschnitten - dafür waren die Besitzer sehr dankbar - und ihnen dann etwas Reinigungsflüssigkeit in die Ohren getan. Das hat fast immer funktioniert. Wenn nicht, dann nicht. Ich wollte die Katzen zu nichts zwingen.

Wie lange schüttelt sich eine Katze?

Ganz kurz. Meine Kamera macht zehn Bilder pro Sekunde, und ich habe pro Schütteln vielleicht drei bis sechs brauchbare Fotos bekommen.

Auf einigen Aufnahmen sehen die Katzen gar nicht mehr wie Katzen aus.

Ich mag das. Es ist schön, wenn die Tiere zu diesen abstrakten Formen werden, weil es über die Niedlichkeit hinausgeht. Auf diesen Fotos werden die Katzen zu etwas anderem. Das bringt das Hirn dazu, nach einer Erklärung zu suchen: Da ist etwas, das vertraut und gleichzeitig seltsam aussieht.

Macht das den Reiz der Fotos aus?

Für mich schon. Sie bringen mich dazu, darüber nachzudenken, wie wir Schönheit und Wesenszüge sehen. Viele Leute finden die Fotos aber auch einfach lustig, andere sehen sie als Kunstwerke. Mir ist alles recht, solange die Betrachter Freude haben.

Du hat für "Shake" bewusst Hunde und Katzen aus Tierheimen fotografiert - oder solche, die früher kein Zuhause hatten. Warum?

Die Arbeit mit Heimtieren macht "Shake" glaubwürdiger. Das Projekt gibt mir eine Plattform, um den Leuten zu sagen: Holt alte Tiere aus Heimen, statt junge zu kaufen. Anders als bei Tierbabys weiß man, was man bekommt, weil die Persönlichkeiten schon entwickelt sind. Ich zum Beispiel habe einen sieben Jahre alten Hund zu mir geholt, er ist jetzt neun und ein fantastischer Gefährte. Meine Katze ist 13. Als sie zu mir kam, war sie drei oder vier.

Wolltest Du auch eine der Katzen aus dem Buch zu dir holen?

Ich habe mich in einen großen Kater verliebt, der auf der ersten Buchseite zu sehen ist. Er heißt Big Ben. Den hätte ich sofort mit nach Hause genommen. Aber leider mag meine Katze Yushi keine anderen Katzen. Aus Respekt vor ihr habe ich mich gegen Big Ben entschieden.

Dir zufolge ist es ein "revolutionärer Akt der Liebe", ein Tier aus dem Heim bei sich aufzunehmen. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Finde ich nicht. Diese Tiere wurden oft vernachlässigt, misshandelt. Wenn man diese zunächst fremden Wesen zu sich holt, entsteht mehr Liebe für einen selbst und für andere. Ich bin keine rührselige Person, sondern ziemlich pragmatisch. Aber Tiere in mein Haus zu bringen, dauerhaft oder auch zur Pflege, hat mein Heim zu einem besseren und wärmeren Ort gemacht. Daraus können wir auch für unserem Umgang mit Menschen viel lernen.

Dieses Interview ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.