Die Fotografin Julia Fullerton-Batten hat sie gebeten, sich zu öffnen

Wie problematisch es ist, einen Beruf zu verurteilen, den man selbst nie gemacht hat, lernte Julia Fullerton-Batten schnell. "Ich weiß kaum was über die Sexindustrie", sagt die Fotografin aus Großbritannien. "Nur, dass sie mit sehr vielen Vorurteilen behaftet ist. Viele denken zum Beispiel, dass Menschen, die in diesem Berufsfeld arbeiten, das grundsätzlich nicht freiwillig machen."

Burlesque-Tänzerinnen, Escort-Frauen, Stripperinnen – Julia findet sie faszinierend, will die Szene, in der sie arbeiten, näher kennenlernen und mit Vorurteilen aufräumen.

In ihrem Fotoprojekt "The Act" lichtet sie Frauen ab, die ihr Geld mit dem Verkauf von Sex oder Liebe verdienen. Mit 15 Frauen sprach Julia, besuchte sie, hörte sich ihre Geschichten an.

Dabei gab es nur eine Voraussetzung: "Die Frauen sollten frei sein", sagt Julia. Alle, die sie fotografiert habe, hätten ihr versichert, dass sie glücklich seien und einverstanden mit dem, was sie tun. "Nur bei Frauen, die sich auf der Straße prostituieren, war ich mir unsicher, die sind deswegen auch nicht dabei."

Die Frauen auf den Fotos sind ganz unterschiedlich – unterschiedlich alt, unterschiedlicher Herkunft. "Die meisten waren Single", sagt Julia.

In Szene, stark ausgeleuchtet, im Weitwinkel – Julias Fotos zum Klicken:
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Die Fotos zeigen die Frauen fast immer in starker Pose: Sie sind einzeln auf den Bildern, meistens hat Julia sie direkt in ihrem Arbeitsumfeld fotografiert – zum Beispiel an der Stange.

Lola Marie, die Escort-Frau, schaut lächelnd aus dem Fenster, sie steht aufrecht und trägt kaum mehr als eine schneeweiße Unterhose. Cathy, die Lapdancerin, hat einen verführerischen Blick, lehnt selbstbewusst an der Wand.

Alles locker, alles schön? Wie diese Jobs vielleicht auch sein können – einsam, unecht, gefährlich – das zeigen die Bilder nicht. In dieser Welt ist alles sehr sauber, es schimmert und glitzert. Keine Spur von Zweifeln, Angst oder Kritik.

Die lässt sich höchstens in den Kurzgeschichten finden, die Julia über die Fotografierten geschrieben hat.

Was die Frauen erlebt haben und wie sie zu ihrem Job gekommen sind, hat Julia aufgeschrieben. Nur Schnipsel – kaum Einzelheiten. So lässt sich lediglich ein Einblick in das Leben der Fotografierten bekommen, die Details gehören ihnen.
Shadait, Escort-Frau
Shadait, Escort-Frau(Bild: Julia Fullerton-Batten)

"Shadait hatte ihren Job verloren. Um zu verhindern, dass sie obdachlos wird, begann sie, als Escort-Frau zu arbeiten. Sie sieht sich selbst nicht als Prostituierte: 'Die arbeiten für weitaus weniger Geld als ich', sagt sie.

Sie finde es zudem anspruchsvoller, ein ganzes Date mit jemanden zu verbringen, Gespräche zu führen – anstatt einfach nur Sex für Geld zu haben. 'Ich koste 240 Euro die Stunde und 1200 Euro die Nacht. Und ich wähle selbst aus, mit wem ich ausgehe. Und ich sage, was ich nicht will: Analverkehr zum Beispiel.' Shadait sagt, sie habe sich nie unsicher gefühlt – vielleicht, weil sie so wählerisch sei.

Shadait wuchs in London auf – bei Adoptiveltern. Ihre echten lernte sie nie kennen. Mit 18 wurde sie schwanger und bekam ein Kind, um das sie sich allein kümmerte. Der Vater verließ sie, brach den Kontakt ab."

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Sasha Flexy, Stangentänzerin
Sasha Flexy, Stangentänzerin(Bild: Julia Fullerton-Batten)

"Sasha Flexy und ihre Cousine waren Teenager, als sie bei ihre Großmutter im Wohnzimmer saßen und sich durch das Fernsehprogramm klickten. In Sashas Hirn eingebrannt hat sich dabei eine Sendung, in der eine junge Frau einen Stangentanz vorführte. 'Ich werde eines Tages so sein wie sie', flüsterte Sasha ihrer Cousine.

Die Stange ging Sasha seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Als sie volljährig war, besorgte sie sich eine eigene. Sie übte für sich allein, brachte sich selbst bei, wie sie sich besonders elegant um die Stange winden könnte. 'Wenn ein Turner und eine Tänzerin ein Kind bekämen, es wäre eine Stange', sagt Sasha.

Sasha trainiert hart, stärkt Tag für Tag ihre Muskeln. 'Ich liebe, was ich tue', sagt sie. 'Ich bin wirklich eine Superfrau.'"

Eliza, Burlesque-Tänzerin
Eliza, Burlesque-Tänzerin(Bild: Julia Fullerton-Batten)

"'Burlesque erfordert ganz viel Kreativität. Man muss an alles denken: den Tanz, den Humor, die Mimik, das Kostüm, die Geschichte', sagt sie. 'Burlesque ist wirklich mehr, als sich einfach nur langsam auszuziehen.'

Eliza sagt über sich selbst, dass sie nicht als Teil der Sexindustrie begriffen werden möchte. Sie sei eine Schauspielerin. Es habe sie selbst überrascht, aber als sie nach ihrem Fotografie-Studium beschloss, Burlesque-Tänzerin zu werden, hätten sie all ihre Freunde und die Familie unterstützt. Was sie an ihrem Job am meisten liebe: Dass sie eine Stimmung kreiere, eine Atmosphäre. Und, dass es den Zuschauern dieser Szene schwerfalle, die Augen davon zu lassen."


Gerechtigkeit

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Bill Gates und andere Superreiche investieren mindestens eine Milliarde Dollar in saubere Energie. Der Microsoft-Gründe hat dazu den Anlagefonds "Breakthrough Energy Ventures" ins Leben gerufen, über ihn soll das Geld in geeignete Unternehmen investiert werden. Mit dabei sind Amazon-Chef Jeff Bezos, der Alibaba-Gründer Jack Ma, der britische Investor Richard Branson und auch SAP-Gründer Hasso Plattner (Quartz).