Diese Neuerscheinungen interessieren uns.

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(Bild: Christian Werner)
Im Rückblick erkenne ich, dass ich vermutlich hätte hartnäckiger sein und ihr das Glückstraining einfach hätte verordnen sollen.
Aus: "Die Hochhausspringerin"

Der Filmwissenschaftlerin Julia von Locadou ist mit "Die Hochhausspringerin" ein bestechend intensiver Debütroman, irgendwo zwischen "1984" und "Black Mirror" gelungen. 

Eine düstere Welt, in der jeder, der nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden will, perfekt zu funktionieren hat. Die Gesundheit, die Beziehungen und das Verhalten der Bewohner werden von Geburt an staatlich gelenkt und kontrolliert. Die Devise: Sei schön, bring Leistung, sei maximal störungsfrei und nimm die ständigen "Erfolgskontrollen" des Staates hin. 

Wer hier nicht (mehr) mitmachen kann, der wird auf die "Peripherie" beschränkt, wo Schmutz und bittere Armut herrschen. 

Mittels Höchstleistungen bei den Castings der Talent-Scout-Programme können junge Menschen es aus der Peripherie in einen der Distrikte der Stadt schaffen. Eine der Gewinnerinnen des gnadenlosen Systems ist die begabte Sportlerin Riva Kornovsky, die seit 15 Jahren vor einem Millionenpublikum im "Highrise Diving" – dem riskanten Springen aus großen Höhen – auftritt. Als sie eines Tages jedoch ohne Angabe von Gründen ihr Training einstellt und sich dem System der stetigen Selbstoptimierung verweigert, soll die Motivationstrainerin Hitomi Yoshida – die Ich-Erzählerin des Romans – sie wieder auf Spur bringen. 

2

"Weil der Mensch erbärmlich ist" von Jeroen Olyslaegers
Keiner ist sein Leben lang ein Held.
Aus: "Weil der Mensch erbärmlich ist"

Wie verhält sich der Mensch, wenn die Moral außer Kraft gesetzt wird? Um diese – gerade international wieder sehr aktuelle – Frage, kreist der fünfte Roman des preisgekrönten flämischen Autors und Dramatikers Olyslaegers. 

Wilfried Wies blickt als alter Mann launisch, pragmatisch und zuweilen humorvoll auf seine Zeit im – während des zweiten Weltkriegs – besetzten Belgien zurück. Als Hilfspolizist der SS und Mitwirkender bei Deportationen hatte er sich mit den Nazis gutgestellt, doch ebenso war er in widerständischen Kreisen zu finden und hatte auf seine Art gegen das Besatzungsregime gekämpft. 

Ist er Täter, Opfer, Mitläufer oder einfach Überlebender? Olyslaegers lässt uns als Leserinnen und Leser großartig die Ambivalenz seines Protagonisten mitfühlen. Ohne zu moralisieren, regt er uns zum Nachdenken darüber an, wie sich Menschen verhalten "sollten", wenn nicht nur humanitäre Werte, sondern gleichzeitig auch ihre eigenen Leben auf dem Spiel stehen.

(Bild: Jonathan Wilkins)
Vielleicht war die Interaktion mit Menschen lediglich eine andere Form der Netzinfiltration, die nur gelang, wenn man dem anderen ein illusionäres Bild seiner selbst vorspiegelte.
Aus: "Autonom"

Schon die Biographie von Annalee Newitz ist für SciFi-Fans ein Grund, einen Blick in ihren Erstlingsroman zu werfen (der übrigens für den Nebula Award nominiert war): Sie ist Absolventin der amerikanischen Elite-Uni Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat für Magazine wie Popular Science und Wired geschrieben, ist Gründerin der Website io9, war Chefredakteurin von Gizmodo und ist seit 2016 als Tech Culture Editor für Ars Technica tätig. 

In dem Zukunftsszenario, das Newitz in "Autonom" entwirft, haben große Pharmaunternehmen quasi die Macht übernommen. Die notwendigsten Medikamente – zum Beispiel antivirale Wirkstoffe und Gentherapien – sind für einen Großteil der Bevölkerung unbezahlbar geworden und der Schwarzmarkt an rekonstruierten Produktversionen boomt. 

Als Art moderne Robin Hood-Figur verteilt die Anti-Patent-"Terroristin" Judith Chen, genannt Jack, kostengünstig raubkopierte Medikamente. Nachdem herauskommt, dass eine bestimmte Pille zur Leistungssteigerung tödliche Auswirkungen hat, versucht Jack den Gründen und einem Gegenmittel auf die Spur zu kommen. Ach ja – dabei wird sie natürlich von einem Regierungsagenten und dessen humanoiden Bot-Begleiter gejagt. 

Spannenderweise nutzt die Autorin die Story, um verschiedene Arten von sexuellen Beziehungen, auch zwischen Maschinen und Menschen sowie Geschlechtszuordnungen auszuloten und unser Verhältnis zu persönlicher Freiheit zu analysieren – hier erwartet dich also noch einiges mehr, als nur ein spannender Plot!

4

"Ida" von Katharina Adler
Wenn jede Nacht wie eine viel zu lang währende Reise ist, bei der man zwar weiß, woher man kam, aber sich fürchtet, wohin es geht.
Aus: "Ida"

Autorin Katharina Adler ist: Literaturgeschichte-Absolventin. Suhrkamp-Stipendiatin. Dramatikerin. Drehbuchautorin. Und: Die Urenkelin einer der berühmtesten Patientinnen Sigmund Freuds. 

Basierend auf der Geschichte ihrer Urgroßmutter Ida Bauer, in Freuds Thesen über Hysterie nur "Fall Dora" genannt, wurde diesen Sommer ihr erster Roman veröffentlicht. Hier verdichten sich geschichtliche Hintergründe, Recherchen und Fiktionales zu dem umfassenden Bild einer Frau, die Anfang des 19. Jahrhunderts lebte. Während sich Ida Bauers Ruf bisher hauptsächlich unter dem ihr von Freud verpassten Pseudonym verselbstständigte – Feministinnen stilisierten sie beispielsweise schon früh zur Kämpferin gegen das Patriarchat – ist Katharina Adler interessiert daran, irgendwo in der verschlungenen Familiengeschichte die "wahre" Ida Bauer zu entdecken. 

Ein sehr intimer und lesenswerter Roman, der sich gezielt nicht auf die Beziehung zu Freud, sondern vielmehr direkt auf seine faszinierende Kurzzeit-Patientin und deren Lebensweg konzentriert.

5

"Sagte sie." von Lina Muzur
(Bild: Christian Werner)
C.s Zunge steckte nun tief in meinem Hals, und ich wollte sie da wieder herausbekommen, aber ich dachte auch, dass es dafür nun endgültig zu spät sei.
Aus: "Sagte sie."

Unter anderem als Reaktion auf die MeToo-Debatte, hat Literaturlektorin und Zeit Online-Kolumnistin Lina Muzur einen Sammelband mit siebzehn Erzählungen zu den Themen Sex und Macht herausgegeben. 

Interessant ist dabei besonders, dass hier ausschliesslich weibliche Standpunkte, dabei aber auch von Frauen begangene Grenzüberschreitungen thematisiert werden. Schon nach der ersten Geschichte merkt man, dass es hier nicht um eindeutige Täter-Opfer-Situationen geht: 

Die Protagonistin aus der Geschichte von Antonia Baum ist ihrem Chef, der im Taxi immer zudringlicher wird, nicht von Grund auf abgeneigt. Doch es fehlen ihr die Worte, die Selbstsicherheit, die Gelegenheiten, die steigende Eskalation seiner Annäherungen und schließlich körperlichen Übergriffe abzuwehren. In einem inneren Dialog mit einem imaginären Publikum erklärt sie sich, geht mit sich selbst ins Gericht und gibt gleichzeitig ihrer Wut und Scham ob der Situation ein Ventil. 

Ein Buch für jeden und jede, die die Debatten und Fallstricke rund um Konsens besser verstehen wollen.

(Bild: Michael Mann )
In den Wochen und Monaten nach ihrem Tod träumte er von ihrer Stimme. Es gab nichts, was noch gültig war.
Aus: "Strafe"

Wer die Bücher von Ferdinand von Schirach bisher schon gern gelesen hat, wird auch sein neuestes Werk mit Freude verschlingen. 

Der Schriftsteller hat unter anderem bereits zwei, auf seine Karriere als Strafverteidiger basierende, Kurzgeschichtenbände veröffentlicht: Sowohl im 2009 erschienenen "Verbrechen" als auch in "Schuld" beschreibt er auf einzigartig menschliche und mitfühlende Weise Kriminalfälle, die von Fällen aus seiner Kanzlei inspiriert wurden. 

Die Trilogie ist mit "Strafe" nun – das müssen wir lesen!

7

"Bevor wir verschwinden" von David Fuchs
(Bild: Foto Aichner)
Nichts ist okay. Ich sitze am Bett meines Exfreundes im Krankenhaus und habe seine Armarterie punktiert.
Aus: "Bevor wir verschwinden"

Autor David Fuchs ist eigentlich Mediziner, genauer gesagt: Oberarzt in der Onkologie. Als Absolvent der Leondinger Akademie für Literatur gilt seine zweite Leidenschaft dem Schreiben. Vor zwei Jahren gewann der Österreicher den Wettbewerb "Wortlaut" mit seiner Kurzgeschichte über die Gefühle zweier Jungs, die sich näherkommen. 

Aus der Story von damals ist jetzt ein ganzer Roman rund um das Wiedersehen der beiden geworden. Sie hatten sich jahrelang aus den Augen verloren und treffen nun als todkranker Patient und Praktikant im Krankenhaus wieder aufeinander. 

Einerseits besticht der Roman durch den Wechsel zwischen Achtziger-Jahre-Jugenderinnerungen und der komplizierten gegenwärtigen Situation zwischen Ben und seinem Ex. Aber vor allem auch die authentische Schilderung des Krankenhausalltags und der Einblick hinter die Kulissen des Medizinsystems. die der Autor natürlich sehr glaubhaft in Worte zu fassen weiß, macht einen großen Reiz des Textes aus.

8

"Hier ist noch alles möglich" von Gianna Molinari
(Bild: Christoph Oeschger)
Ich sehne mich nach Unsicherheit, nach mehr Echtheit vielleicht, nach Wirklichkeit. Ich möchte unterscheiden können, was wichtig ist und was nicht.
Aus: "Hier ist noch alles möglich"

Der Debütroman von Molinari nimmt uns von Anfang an in eine kuriose Welt mit: Eine junge, namenlose Nachtwächterin dreht auf dem Gelände  einer, kurz vor der Schließung stehenden, Fabrik ihre Runden. 

Dabei beschäftigt sie sich immer intensiver mit dem Gerücht, dass ein Wolf in das abgeschlossene Areal eingedrungen ist. Ob dies tatsächlich der Fall ist, ist unklar. Klar ist nur, dass sich mit jeder Nachtschicht und mit jeder Kontrolle der Zäune die Suche nach dem wilden Tier allmählich immer mehr in eine Suche nach dem eigenen Selbst und dessen Grenzen entwickelt. 

Der Roman ist mit Zeichnungen und Fotos aus den Aufzeichnungen seiner Protagonistin durchsetzt und bietet ein ganz außergewöhnliches Leseerlebnis. Unsere Empfehlung: Lasst euch darauf ein…

9

"Nichts, was uns passiert" von Bettina Wilpert 
(Bild: linonono)
Sie ging jedes Detail des Abends, an das sie sich erinnerte, wieder und wieder durch. Hätte sie Weißwein statt Gin Tonic trinken sollen?
Aus: "Nichts, was uns passiert"

Für ihr erstes Buch hat sich Bettina Wilpert für ein hochaktuelles Thema entschieden: sexuelle Gewalt und die Frage, wie sie sich diese definieren lässt. 

Protagonistin Anna wartet zwei Monate, bevor sie Jonas wegen Vergewaltigung anzeigt. Dieser behauptet, der Sex war einvernehmlich. Im Roman thematisiert Wilpert die Reaktionen in Freundes- und Bekanntenkreisen sowie den Umgang der Polizei mit der Situation. Der neben dem juristischen auch sehr persönliche Einfluss, den sexuelle Gewalt auf die Lebenswelt von Opfer und Täter hat, wird dadurch stark sichtbar gemacht. 

Sowohl Jonas´ als auch Annas Glaubwürdigkeit werden von ihrem Umfeld angezweifelt – es steht Aussage gegen Aussage. Obwohl oder gerade weil die Erzählerstimme eigentlich nur nüchtern "Protokoll aufnimmt" und sowohl seine als auch ihre Sicht der Dinge auch in Form der Erinnerungen dritter Personen zur Sprache bringt, nimmt einen das Thema beim Lesen total gefangen.

(Bild: Phil Soheili)
Inwieweit sind wir in der Lage, hinter den Spiegel zu treten und uns ein Leben, ja, ein Bewusstsein vorzustellen, das die Zahl der blinden Flecken in unserem eigenen etwas reduziert?
Aus: "Asymmetrie"

Der autobiographisch inspirierte Roman von Lisa Halliday wurde bereits 2017 als Gewinner des Whiting Awards in den Himmel gelobt und ist nun endlich auch auf Deutsch erschienen

Die im Titel genannte "Asymmetrie" zeigt sich in den vielfältigen Kontrasten und der Vermischung zwischen Fiktion und Realität, die in dem in drei Teile gegliedertem Text gezeigt werden. Im ersten Teil – "Verrücktheit" – beginnt die 25-jährige Lektoratsassistentin Alice eine Affäre mit dem mehr als doppelt so altem, jüdischem Schriftsteller Ezra Blazer. Spürbar ziehen sich die Machtverhältnisse zwischen dem gefeiertem Literatur-Superstar und der noch unbekannten, angehenden Schriftstellerin durch deren Beziehung zueinander. 

In "Wahnsinn", dem zweiten Teil der Trilogie, geht es um Amar. Der muslimische Amerikaner wird im Jahr 2008 aufgrund seiner irakischen Herkunft bei einer Reise in Heathrow festgehalten und einer langwierigen Untersuchung unterzogen. Aus dem ersten Teil lässt sich schließen, dass es sich bei der Autorin der Ich-Erzählung um Lektorin Alice handeln könnte. 

Im dritten und letzten Teil kommt dann wieder Ezra Blazer zu Wort – als Studio-Gast der Radioshow "Desert Island Discs", eine real existierende Sendung auf BBC4. Er erzählt über seine Beziehungen mit Frauen, die Mischung von Wahrheit und Fiktion in der Schriftstellerei sowie den Umgang mit Kritik – was wiederum alles Bezug auf die ersten zwei Teile der Erzählung nimmt. Ein intelligent aufgebauter Roman, der seine Rezeption vorwegnimmt und selbst analysiert – eine faszinierende Lektüre.

Viel Spaß beim Lesen!
(Bild: Giphy )

Future

Flucht vor NC: Manuel hat sein Medizinstudium als Bester beendet – in Kolumbien
"Die Abi-Note sagt nichts über meine Eignung als Arzt."

Manuel Appel hätte in Deutschland fast vier Jahre auf den Medizin-Studienplatz warten müssen. Also ging er stattdessen zum Studieren ins Ausland – und wurde Jahrgangsbester. Hier erzählt er von seiner Flucht vor dem Numerus clausus.