Bild: Carolin Hirt
Die Fotografin Carolin Hirt öffnet ihr Tagebuch

Sieh dich mal um. Was ist da? Stühle, Smartphones, Mauern, Wolken.

Dieses Umfeld fängt Carolin Hirt ein, wenn sie fotografiert. Das, was sie sieht, wenn sie lebt: Hirt, 24, macht Bilder von Unvollkommenheit, Wahrheit und Realität. "Ohne drapierte Posen und gestellte Momente", sagt sie. "Ohne Perfektionismus und gesellschaftlichen Druck."

In ihrer Fotoreihe dokumentiert Hirt Freunde und Partys, Festivals, das Zuhause, den Weg nach Hause. Mit der gelben Analog-Kamera, die sie vor Jahren bei ihrer Mutter im Keller fand. Damals zog sie los, fotografierte vor allem in Berlin, die Stadt, in der sie lebt und in einer Agentur arbeitet.

Auf den Bildern rauchen und trinken junge Menschen, sie schwimmen, rollen sich in Bettlaken ein, kuscheln sich aneinander. Fragt man Hirt, welche Gefühle sie abbildet, fallen diese Worte: Freude, Liebe, Trauer, Fernweh. Zu sehen ist das, was Hirt findet, wenn sie sich umsieht, fern jeder Inszenierung hält sie das fest – zumindest wirken die Bilder so.

In der Fotostrecke: Finden, Verlieren, Loslassen
1/12

Was ihre Bilder beweisen: Jemand war hier, war jung, frei und intim. Aber nicht immer glücklich. Eine Lebensphase eben, mit der man den Gedanken verbindet, nicht zu wissen, "wo man in einem Monat oder Jahr stehen wird", sagt sie. "Das schafft eine gewisse Leichtigkeit, die schnell unerträglich werden kann und dafür sorgt, dass Melancholie mitschwingt."

Leichtigkeit? Ja, aber nicht nur.(Bild: Carolin Hirt)

Melancholie. Die Szenen aus den Fotos sehen aus, als stammten sie aus einer anderen Zeit: blasse Farben und Unschärfen. Zwischendurch Staubpartikel, die beim Fotografieren wohl auf der Linse lagen. Trotzdem: Alle Momente sind gerade erlebt.

Mut? Okay, mal sehen.(Bild: Carolin Hirt)

Die Szenen auf den Bildern drängen sich dem Betrachter auf. Oh, ein Hintern. Oh, eine nackte, behaarte Männerbrust. Hier wird gesoffen, geschlafen, Leute finden und verlieren sich.

Das ist es dann auch, das schmerzt: Ja, so sieht diese Phase aus, in der man nicht so richtig weiß, wohin mit sich. In der man schonmal vergisst, sich zu rasieren, sich ein Piercing stechen lässt und es dann bereut. Eine Phase, in der das Umfeld vor den eigenen Augen verschwimmen kann, in der sich die eigene Meinung jeden Tag ändert, das nervt dann andere. Klingt pubertär, ist aber post-pubertär.

Das ist nicht schön-perfekt und ansehnlich. Und es passt auch nicht "in die Ideale, die uns von der Gesellschaft auferlegt werden", sagt Hirt.

Für immer? Vielleicht.(Bild: Carolin Hirt)

Die Bilder aus ihrer Fotoserie seien ursprünglich nur für sie selbst gewesen. Dann aber habe sie begonnen, sie zu ordnen, ein visuelles Tagebuch zu erschaffen, offen für jeden.

Und so muss sich der, der etwas über sein Umfeld erfahren will, nicht mehr unbedingt umsehen. Es reicht vielleicht schon, sich mit Hirts Fotos auseinanderzusetzen – und dann von anderen auf sich selbst zu schließen.

106 Seiten Tagebuch

Die Bilder sind erschienen in dem Foto-Band "The unbearable perfection of life" von Carolin Hirt, hier kaufen (10 Euro).

Folge Carolin Hirt auf Instagram.


Trip

Wie man mit der Bahn durch Norwegen reist

Elena reist mit dem Interrail-Ticket nach Norwegen. Sie erkundet Oslo, Trondheim und den kalten Norden. Auf dem Weg nach Bergen sieht sie wunderschöne Fjordlandschaften.

An diesen Stationen musst du in Norwegen unbedingt halten: