Bild: Itsthevibe
Wenn die "soziale Hängematte" aus Stacheldraht ist.

Stacheldraht, Einkaufswägen, alte Globen – das ist kein Sperrmüll, der auf Berlins Straßen zu finden ist, sondern Kunst von "itsthevibe"

Hinter dem Namen steckt Clément Guyot. Sein Alter will er nicht verraten, nur, dass er etwa 30 Jahre alt ist. Seit 2017 studiert er Bildende Kunst an der Universität der Künste (UDK) in Berlin. Zuvor lebte er in Frankreich, Schottland, den USA und Kanada. 

Clément Guyot macht vor allem Street Art und konzeptionelle Kunst. 

Letzteres ist eine moderne Richtung, bei der nicht so sehr der Gegenstand im Mittelpunkt steht, sondern die Idee oder Aussage, die die Künstlerin oder der Künstler vermitteln will. Ein berühmter Vertreter der Konzeptkunst ist der Chinese Ai Weiwei. Aktuell erinnert er in einer Ausstellung in Mexiko-Stadt an 43 vermutlich ermordete Studenten – mit Porträts von ihnen aus einer Million Legosteinen. (ZDF)

Guyot möchte mit wenig Material und Aufwand aus Dingen, die von vielen für Müll gehalten werden, etwas Positives machen – Menschen zum Lachen bringen oder sie unterhalten. Die Inspiration für seine Kunst kommt von der Straße: Er entdeckt etwa Rohre einer Baustelle oder dreckige Matratzen und macht daraus Domino-Steine

Statt seine Kunst in Galerien zu zeigen, hat Guyot mehr als ein Jahr lang einige seine Werke in einem Leichenwagen auf Berlins Straßen gezeigt.

Auf einer großen Ladefläche, auf der normalerweise ein Sarg lag. Die Vorhänge hatte Guyot zur Seite geschoben, sodass die Glasfront wie ein Schaukasten wirkte. Bilder von dieser Aktion veröffentlichte er auch auf seiner Webseite.

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Wir haben mit ihm über seine Kunst gesprochen.

Einen Leichenwagen als Galerie – das ist ja eher ungewöhnlich. Wie kamst du auf die Idee?

Ich wollte schon immer einen Leichenwagen haben. Eines Tages habe ich ein Modell gefunden, mit großen Scheiben, die oben ein bisschen gewölbt sind. Als ich gemerkt habe, wie gut dieser Wagen als Vitrine funktioniert und welche Aufmerksamkeit er auf der Straße auf sich zieht, habe ich ihn gekauft und daraus eine mobile Galerie gemacht. Es hat genau so funktioniert, wie ich es geplant hatte.

Woran hast du das gemerkt?

An den Reaktionen. Es gab immer zwei Stufen: Als erstes merkten die Menschen, dass es ein Leichenwagen ist, aber nicht von einem Bestatter. Dann kamen sie näher und schauten die Werke in der mobilen Galerie an. Sie lasen das kleine Schild, auf dem steht, was dahintersteckte. Die meisten Leute verstanden es, fanden es lustig oder interessant. Manche waren zwar schockiert, aber ich wurde nie beschimpft. Das Feedback war immer sehr positiv.

Das Kunstwerk "Buy motherfucker, buy!"

(Bild: Itsthevibe )

Dein Werk "Buy motherfucker, buy!" stellt einen Sarg dar – sehr passend zu deinem Leichenwagen. Was war die Idee dahinter?

Als Verbraucher hat jeder die Verantwortung für das, was er kauft. Wenn man zu viel Zucker isst, kann man das indirekt zu einer Diabetes-Erkrankung führen. Wer zu viel Cholesterin zu sich nimmt, kann damit Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern. Produktion, Transport und Lagerung von Produkte können unserer Umwelt schaden. Wenn wir die Umwelt zerstören, vernichten wir damit unsere Lebensgrundlage. Diese Gedanken habe ich zum Anlass genommen, um etwas zum Thema Konsum zu machen. Mit drei Einkaufswägen konnte ich ziemlich einfach die Form eines Sargs nachbauen. Ich arbeite immer mit möglichst geringem Aufwand. Bei diesem Kunstwerk musste ich nur die Einkaufswägen zusammenschweißen. Diese zwei Symbole, den Einkaufswagen für den Konsum und den Sarg für den Tod zu kombinieren – das finde ich eine starke Botschaft.

Deine Kunstwerke sind sehr unterschiedlich. Gibt es etwas, das sie eint oder verbindet?

Man nennt es konzeptionelle Kunst, weil es immer einen Begriff oder eine Kritik in meinen Werken gibt. Jedes Kunstwerk hat eine gewisse Doppeldeutigkeit. Ich forme nicht nur drei Einkaufswägen zu einer ästhetischen Form, sondern zu einem Sarg – das vermittelt etwas.

Auf deiner Webseite steht, dass du immer noch glaubst, dass Kunst die Welt verändern kann. Was konkret willst du verändern?

Ich glaube, dass Kunst am meisten und am wenigsten Sinn in der Welt ergibt. Deshalb ist das Potential riesig. Ein gutes Kunstwerk oder ein guter Satz kann wirklich etwas bewegen, zum Beispiel ein Graffiti. Ein gutes Beispiel dafür ist “i dont believe in global warming” von Banksy.

Was für Reaktionen nimmst du im Netz auf deine Kunst wahr?

Meine Kunst ist nicht von mir unterschrieben, mein Name steht nicht auf den Werken. Aber auf Instagram sehe ich immer wieder Fotos davon. Nutzerinnen und Nutzer laden Bilder hoch und kommentieren sie, es gefällt ihnen. Meine Arbeiten wurden auch auf Blogs analysiert und meine Konzepte wurden verstanden, ohne mein Zutun. Ich musste nichts erklären – es ist sehr schön, das zu sehen. 

Die "soziale Hängematte" in einem kleinen Garten.

(Bild: Itsthevibe )

Der Leichenwagen ist nur eine Art deiner Kunst. Du machst auch ganz andere Sachen, zum Beispiel die "Soziale Hängematte". Was hat es damit auf sich?

Ich las neulich diesen Begriff, 'soziale Hängematte'. Er meint, dass Menschen einfach so Geld vom Staat bekommen und nichts dafür tun. Dabei mag jeder Hängematten. Man legt sich gerne rein. Es ist mit etwas Positivem verbunden – mit Sommer, mit Nickerchen, mit Urlaub. Aber wer wenig Geld hat und auf die Unterstützung vom Staat angewiesen ist, hat es ziemlich ungemütlich. Es ist anstrengend, man hat eigentlich keine Lust, in dieser Hängematte zu bleiben. Wenn man auf Hilfe vom Staat angewiesen ist, zum Beispiel bei Hartz IV, ist der Begriff der sozialen Hängematte für mich viel zu positiv. Um das darzustellen, habe ich die Matte aus Stacheldraht gemacht. 

Können sich die Berlinerinnen und Berliner auf noch mehr Kunst im Leichenwagen gefasst machen?

Mein neuestes Projekt beschäftigt sich mit rosa Baustellen-Rohren, die überall in Berlin stehen und das Grundwasser pumpen. Ich versuche, damit ein Kunstwerk zu machen. Die Idee ist auch hier, den Nutzen eines Gegenstand zu verändern. Ich will zeigen, dass alle Objekte immer das Potenzial haben, Hindernisse und Hilfe in einem zu sein. Ein anschauliches Beispiel für diese Idee ist ein älteres Werk von mir. Die Gitter, die bei Demos und Fußballspielen zur Absperrung eingesetzt werden, habe ich in eine Leiter umgeformt. 


Gerechtigkeit

Wenn ehrliches Teamwork zu sexistischen Anfeindungen führt
Zum Glück halten die Forscherinnen und Forscher aber zusammen.

Ein wissenschaftlicher Durchbruch. Eine Frau, die dabei mitgeholfen hat. Und ein Foto, das ihre Freude darüber zeigt. 

Eigentlich gibt es nichts, worüber man sich aufregen könnte, wenn man den Post von Dr. Katie Bouman und dem ersten Foto eines schwarzen Loches sieht. 

Und trotzdem wird die Forscherin nun genau deswegen angefeindet.

Aber von vorn.

Vergangenen Mittwoch präsentierten Astronomen einen historischen Durchbruch: Mit einem weltweiten Netzwerk von Radioteleskopen war es ihnen erstmals gelungen, den Schatten eines schwarzen Lochs zu fotografieren. Das Foto gilt als bahnbrechend, Nobelpreis in Sichtweite. (SPIEGEL ONLINE)

Fast ebenso häufig wie das Bild eben dieses Loches wurde in diesen Tagen aber das Bild von Katie Bouman geteilt. Bouman, 29, ist Computerwissenschaftlerin und Teil des Teams, das die Aufnahme des schwarzen Lochs erstellte. Ihr Spezialgebiet sind digitale Bildsysteme, und sie hat dabei mitgeholfen, einen Algorithmus zu entwickeln, mit dessen Hilfe das Loch-Foto aus verschiedenen Daten von Teleskopen zusammengesetzt werden konnte. (SPIEGEL ONLINE)

Den Moment, in dem sie das finale Foto vor sich sah, hält dieses Bild fest, das Katie Bouman auf ihrem Facebook-Account postete: