Bild: Barbara Daniels
Verkehrte Welt?

Ein übergroßes Huhn isst menschliche Arme aus einem großen Pappbecher, Dutzende nackte Frauen mit Milchpumpen an den Brüsten müssen stillstehen: Die Künstlerin Barbara Daniels zeigt in ihren Zeichnungen reale Situationen mit vertauschten Rollen – der Mensch wird plötzlich zum Tier. 

Daniels zeigt Szenen, die jeden Tag auf Schlachthöfen, in Zoohandlungen oder im Park passieren. In ihren Werken aus Zeichentusche und Fineliner stellt sie die Situationen so realitätsgetreu wie möglich dar. Der einzige Unterschied: Menschen nehmen die Rollen von Tieren ein – und andersherum. So entstehen Bilder, die eine überfahrene Frau zeigen, während zwei Waschbären erschrocken aus der Heckscheibe ihres Autos blicken. 

Daniels ist einerseits eine Heldin derer, die seit Jahren gegen die Tierquälerei auf die Straße gehen. "Das ist eine wundervoll verstörende Kunst", kommentiert ein Facebook-Nutzer. Andere kritisieren sie: "Das ist doch krank. Wer auch immer sowas denkt und zeichnet, muss gestört sein", ist unter einem anderen Bild zu lesen. Oder: "Dumme Veganerin." 

Dabei lebt die 36-jährige Künstlerin, die ihre Bilder unter anderem auf Berliner Straßenmärkten verkauft, weder vegan, noch sieht sie sich als Aktivistin: Ihre "Dominion over Man"-Serie begann ganz ohne Konzept oder Hintergedanken mit einer Skizze auf einer Serviette, von der großen Resonanz ist sie selbst überrascht. Dass die Meinungen über ihre Zeichnungen so geteilt sind, zeigt auch: Nicht für jeden funktioniert der simple Rollentausch. 

Wir haben mit Barbara Daniels für unsere #nofilter-Reihe gesprochen. 

#nofilter

Werbeplakate, Fitness-Accounts, die Instagram-Storys von Khloé Kardashian: Ist hier eigentlich noch irgendwas echt? Unsere Fotoserie #nofilter zeigt Menschen, ohne großes Marketing und mit realistischen Problemen. Hier gibt es Bilder und Illustrationen, die wichtige Fragen stellen.

bento: Wie bist du auf die Idee gekommen, Menschen und Tiere in getauschten Rollen zu zeichnen?

Barbara: Die Idee kam mir im Urlaub in Straßburg vor etwa sieben Jahren. Ich saß in einem Café und habe Chicken-Wings gegessen, als ich mir überlegt habe: Wie würde diese Situation eigentlich mit vertauschten Rollen aussehen? Also habe ich schnell eine Serviette genommen und eine Skizze von einem Huhn gemacht, das menschliche Arme isst. Mir war klar, dass diese Idee eine gute Serie werden könnte, deshalb habe ich mich dann auch darauf fokussiert, als ich wieder in Berlin war. 

© Barbara Daniels

bento: Siehst du dich denn selbst als Aktivistin für die Rechte von Tieren?

Barbara: Ehrlich gesagt habe ich mich nie für die Rechte von Tieren eingesetzt. Viele Menschen denken, wegen meiner Kunst sei ich Aktivistin – dabei bin ich einfach nur eine Künstlerin, die sich mit einer spannenden Idee befasst. Trotzdem habe ich durch meine ausführlichen Recherchen viel über Tierhaltung gelernt. Deshalb bin ich auch seit knapp zwei Jahren Vegetarierin – aber trotzdem würde ich mich nicht als Aktivistin bezeichnen. 

bento: Welche Reaktionen hast du auf deine Zeichnungen bekommen?

Barbara: Auf den Berliner Märkten, auf denen ich ausstelle und meine Bilder verkaufe, ist das Feedback sehr positiv. Den meisten Menschen gefallen meine Arbeiten und sie bedanken sich bei mir, dass ich das Thema Tierschutz aufgreife. Immer wieder sagen mir Menschen, dass meine Kunst sie zum Umdenken angeregt hat, manche leben deswegen sogar vegetarisch. 

Dass meine Kunst Menschen zum Nachdenken bringt, freut mich total. Aber auf Social Media bekomme ich auch Kritik. Ich wurde schon ziemlich übel beschimpft: Manche Leute meinten auch, ich sei krank im Kopf. Außerdem denken viele meiner Kritikerinnen und Kritiker, dass meine Kunst eine Art PETA-Kampagne sei – das stimmt allerdings nicht. Ich bin eine freie Künstlerin und arbeite mit keinen Organisationen zusammen.

© Barbara Daniels

bento: Welche Botschaft möchtest du mit deinen Zeichnungen verbreiten?

Barbara: Ich dachte nie, dass meine Kunst so eine Botschaft haben könnte. Ich versuche nicht, den Menschen zu sagen, was richtig oder falsch ist. Ich selbst habe ja auch bei Weitem nicht die Antwort auf alles parat. Trotzdem versuche ich, möglichst genau zu recherchieren, um die Situationen, die ich in meinen Zeichnungen darstelle, so exakt und realitätsnah wie möglich wiederzugeben. Und dadurch zeige ich dann Dinge, die manche Menschen einfach nicht wahrhaben möchten. 

Neue Werke veröffentlich Barbara Daniels übrigens auf ihrer Website, ihrer Facebook-Seite und ihrem Instagram-Account

bento: Wie lange dauert es, bis du mit einer Zeichnung fertig bist?

Barbara: Der Prozess nimmt sehr viel Zeit in Anspruch: Neue Ideen für Zeichnungen habe ich zum Glück überall, egal ob beim Zeitunglesen oder im Urlaub, beim Spazieren oder im Supermarkt. Dann recherchiere ich aber auch erst mal und plane jede meiner schwarz-weißen Zeichnungen ganz genau, bevor ich beginne. Jedes Werk skizziere ich zuerst mit Zeichentusche auf Aquarellpapier, bevor ich die Details mit Fineliner einfüge. Insgesamt dauert das alles dann so drei bis vier Wochen. 

© Barbara Daniels

bento: Planst du, die Serie fortzusetzen?

Ich bekomme so viel Feedback, dass ich damit unbedingt weitermachen möchte. Ich habe auch noch so viele Ideen, die ich innerhalb dieser Serie umsetzen will, dass ich noch gar keine Zeit hatte, über andere Projekte nachzudenken. 

Wusstest du schon, dass auch wir einen Instagram-Account haben? Zeichnen können wir leider nicht, haben aber jede Menge interessante Netzfundstücke. Folgen kannst du uns hier.


Queer

Die schwule Szene ist zu oberflächlich. Das muss aufhören!

Ich dachte immer, die schwule Szene wäre ein bunter, toller Ort, an dem jeder so sein kann, wie er möchte. Egal ob feminin oder maskulin, dick oder dünn, extravagant oder unscheinbar: Die Szene war in meiner Vorstellung für alle da. 

Doch nicht nur meine persönliche Erfahrung, sondern auch Studien haben gezeigt, dass diese bunte Szene ziemlich einsam, grau und verzweifelt ist: Ein Magazin fand in einer Umfrage heraus, dass sich 84 Prozent der queeren Männer dem Druck ausgesetzt fühlen, einen guten Körper zu haben (Attitude Magazine). In einer weiteren Studie sagte ein Drittel aller befragten schwulen Männer, dass sie wegen ihres Körpergewichts von anderen queeren Männern diskriminiert wurden (Psychology of Sexual Orientation and Gender Diversity).