Bild: Silvio Severino
Ein Fotograf macht Collagen und stellt eine Frage: Wann hast du das letzte Mal gezweifelt?

Neulich hat jemand Kunst gemacht, aus Menstruationsblut. Ein paar Tage später ist der österreichische Kanzler zurück getreten, kurz bevor ein junger Soldat Obama verklagte, Vorwurf: Die USA hätten ihn betrogen. Neulich hat sich jemand für 90 Minuten in einen Wassertank gelegt, zur Entspannung, danach hat Taylor Swift ihr altes Ich über den Haufen geschmissen und sich ein neues zugelegt, sie hat jetzt keinen girly Style mehr, dafür sieht sie mehr nach Grunge aus.

Was bedeuten all diese Fetzen aus der Welt der Nachrichten, aus den persönlichen Erlebnissen von Menschen, aus Hollywood? Was ist wichtig, wo dazwischen stehen wir? Keine Ahnung.

Wir haben den Überblick verloren, sagt Silvio Severino, Fotograf aus Brasilien, der aktuell in Brüssel lebt. "Die Menschen wissen überhaupt nicht mehr, wie sie klarkommen sollen, was sie zuerst aufnehmen sollen", sagt er. "Dadurch wird aus allem, was existiert, etwas Banales." Ein großer, glitzriger, mülliger, zigfach verhedderter Knoten.

Alles auf einmal. Silvio Severinos Collagen zeigen, wie das enden könnte – die Fotostrecke:
1/12

Wie es aussieht, vollgestopft und überflutet zu sein, das stellt Severino in Collagen dar. In Frauen- oder Männerköpfe montiert er das Vielzuviel – zu viele Eindrücke, zu viele Erlebnisse, zu viel, was mich nichts angeht und von dessen ich trotzdem ein Teil bin.

In Severinos Fotos sind Menschen zu erkennen, doch mit traditionellen Porträts haben diese Bilder nichts zu tun. Hier haben die Abgebildeten kein Gehirn und kein Gesicht mehr, wie wichtig ist noch Denken und die eigene Wahrnehmung?, es ragen wahllos angeordnete manikürte Finger, Kameraobjektive und Designmöbel aus ihren Köpfen.

"In meinen Bildern liegt ganz viel Traurigkeit", sagt Severino. Die Traurigkeit, die der Betrachter womöglich empfindet, wenn ihm klar wird, vor wie vielen noch nicht zu Ende gedachten Gedanken und noch nicht entschiedenen Entscheidungen er sich befinden mag.

Es geht immer um das verwirrte, verpixelte Ich – noch mehr Arbeiten von Silvio Severino:
1/12

Wir waren alle schonmal auf einem Konzert, im Schwimmbad, wir hatten wahrscheinlich schonmal Sex, haben zu viel Geld ausgegeben oder zu wenig, haben geschrien, gewonnen, versagt, uns über einen Politiker aufgeregt, stundenlang vorm Smartphone gehangen, ohne anschließend zu wissen, was uns Instagram-Snapchat-Facebook nun gerade an Mehrwert gebracht hat.

Aber: Was davon prägte – was bleibt?

Dass wir offenbar nicht frei genug sind, um das zu beantworten, davon handeln Severinos Collagen. Diese müsse man übrigens gar nicht verstehen, sagt der Fotograf. "Man muss sie fühlen."

Vielleicht, indem man sich selbst endlich Fragen stellt: Nicht nur die "Tagesschau" gucken, sondern danach auch überlegen, was ihr Inhalt für das eigene Leben bedeutet. Nicht nur zur Arbeit gehen und danach abschalten, sondern zur Arbeit gehen und danach für sich selbst herausfinden, wie befriedigend der Tag war. Nicht nur knutschen und dann einpennen, sondern auch mal knutschen und sich anschließend fragen: Kribbelt das?

Es könnte sein, dass sich bei diesem Nachdenken herausstellt, dass es Sinn macht, zu zweifeln. Und letztendlich könnte das wiederum dabei helfen, eine eigene Haltung zu finden, ja, eine Entscheidung zu treffen. Darüber, was wichtiger ist: was draußen passiert – oder drinnen.

Mehr Fotos, mehr Wahrnehmung


Gerechtigkeit

Wie soll man mit der AfD bloß umgehen?

Über die Alternative für Deutschland wird geschimpft und gerichtet; manche Politiker versuchen einfach, sie zu ignorieren – und die etablierten Parteien zeigen sich bislang wenig bereit, sich ernsthaft mit ihr auseinanderzusetzen. Dabei liegt die AfD in Umfragen zurzeit auf Platz 3. Wie also soll man mit dieser neuen politischen Kraft bloß umgehen?