Bild: Anti-Selfie Club
Der Anti-Selfie-Club.

Mitten auf dem Gesicht prangt auf diesen Fotos eine schwarze Fläche. Diese Selfies sind anders: Es sind Anti-Selfies. Die Abgebildeten haben sich selbst ihrer Identität beraubt, um Mitglied in einem speziellen Club zu werden.

Mehr als tausend Mitglieder zählt die neue Avantgarde bereits. Teil von ihr zu werden, ist einfach: Die Website des Clubs ansteuern, ein Selfie mit der Webcam aufnehmen und das eigene Gesicht löschen. Der Anti-Selfie-Club sabotiert mit seinen schwarzen Quadraten, Kreisen und Kreuzen das Konzept Selfie: statt Individualität gibt es immer nur schwarze Leere.


(Bild: Anti-Selfie Club)
Habe ich das schon mal gesehen?

Gut möglich. Streng geometrische Formen in schwarz hat der russische Avantgardist Kasimir Malewitsch schon vor hundert Jahren gemalt, seitdem tauchen solche farbigen Flächen immer wieder in der Kunst auf. Erst Anfang des Jahres malte sich Delhia, die Sängerin der Band Pentatones, einen schwarzen Kreis mittig ins Geischt (Noisey).

Schwarzes Quadrat auf weißem Grund (1915), Sängerin der Band Pentatones bei PR-Aktion (2015)
Ein schwarzes Quadrat ist Kunst?

Oh ja. Genauer: ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund. Kasimir Malewitsch irritierte mit diesem radikal-reduzierten Bild vor hundert Jahren Künstler-Kollegen und Besucher einer Ausstellung: einfach nichts, kein Gegenstand, nur Leere.

Damals hielten das einige für einen Jahrmarkt-Trick. Aber Malewitsch hatte sich ausführlich Gedanken gemacht, begründete mit dem schwarzen Quadrat den Suprematismus, seine eigene Stilrichtung der Moderne. Statt Figuren und Formen mehr oder weniger realistisch abzubilden, geht es in der suprematistischen Kunst allein um die Empfindung:

Meine Philosophie lautet: Vernichtung der Städte und Dörfer alle 50 Jahre, Vertreibung der Natur aus der Kunst, Vernichtung von Liebe und Aufrichtigkeit in der Kunst, um nichts in der Welt aber Abtötung des lebendigen Quells im Menschen.

Netter Nebeneffekt: Seine Werke ließen sich nur schwer direkt mit denen anderer Künstler vergleichen, er hatte etwas völlig anderes, neues geschaffen.

(Bild: Anti-Selfie Club)
Wer steckt hinter dem Club?

Das Studio Moniker in Amsterdam, das sich digitale Kunst und visuelle Kommunikation ausdenkt. Der Auftrag dazu kam von der Fondation Beyeler, einem Schweizer Kunstmuseum. Die Ausstellung “Auf der Suche nach ‘0,10 – Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei’” sollte online erweitert werden.

Die gesuchte Ausstellung versammelte vor hundert Jahren 14 Künstler der russischen Avantgarde in Sankt Petersburg. Das schwarze Quadrat von Malewitsch wurde hier erstmals gezeigt, die Ausstellung prägt die moderne Kunst bis heute.

Malewitsch-Bild in einer Ausstellung(Bild: dpa)
Warum Anti-Selfie?

Eigentlich gelten Selfies aktuell als wirksames Instrument der Selbstermächtigung für Randgruppen und Minderheiten. Mit Selfies können sie sich stolz der Welt zeigen, die sie all zu oft ausblendet oder nur als Stereotype wahrnimmt. Selfies verändern die Welt. Kann man da noch ernsthaft gegen Selfies sein?

Elena DelCarlo von der Fondation Beyeler erklärt den Anti-Selfie-Club: Vor hundert Jahren schob Malewitsch sein schwarzes Quadrat vor ein Heiligenbild. Jetzt verhüllen beim Anti-Selfie die geometrischen Formen von Malewitsch den individuellen Ausdruck und die Identität des einzelnen Users - womöglich ein Heiligtum unserer Zeit - und sabotieren seine Selbstdarstellung.

Also: Der großen Selfie-Schwemme im Netz setzt der Club einen ironischen Kommentar entgegen, erinnert nebenbei an Kasimir Malewitsch und seinen Suprematismus und lässt die Betrachter über Rolle und Funktion von Selfies nachdenken. Wenn es danach dann noch bewusster aufgenommene Selfies gibt (oder auch mal eins weniger): umso besser.

Hamburg Cube (2007), eine weitere Hommage an Malewitsch(Bild: dpa)

“Auf der Suche nach ‘0,10 – Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei’” läuft noch bis 10. Januar 2016 im Museum der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel in der Schweiz. Mitmachen im Club? Hier geht's zur Website.

Alles über Selfies und noch mehr Kunst auf bento.