Retro

Wie es sich anfühlt, an Weihnachten nach Hause zu fahren

21.12.2015, 09:34 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:24

Ich liebe das Stadtleben, aber im Herzen bin ich immer noch ein Kind vom Dorf.

Eine Stunde, bis der nächste Zug kommt. Und ich sitze hier, erfriere fast und habe kein Netz. Die Bahnhofsbäckerei hat schon lange zu, kein Croissant zum Warten heute, irgendwann rauschen dunkle Güterwaggons vorbei. Dann wieder ganz lange nichts. Noch eine Zigarette, eisige Finger.

Es gibt kaum eine Situation im Leben, in der ich das Glück mehr spüre als in dieser. Die Fahrt von der Großstadt nach Hause; das Umsteigen vom Schnellzug in Bimmelbahnen; von der riesigen Stadt in die sehr kleine und schließlich in mein winziges Dorf.

Seitdem ich ausgezogen bin, fahre ich mal häufiger, mal seltener nach Hause. Aber ganz sicher an Weihnachten.

(Bild: Dirk Ingo Franke / cc by-sa)

Und ja, die Heimreise ist dann immer damit verbunden, an eisigen Bahnhöfen auf den Anschluss zu warten, Taschen und Geschenke in die Gepäckablage überfüllter Züge zu quetschen. Erst an ganz vielen weihnachtlichen Lichtern vorbeizufahren – und dann irgendwann nur noch durch die schwarze Nacht.

Aber die Vorfreude auf das gemütliche Fest in der Einöde, auf Vaters Rindsrouladen, auf Mutters Kuscheldecke, auf einen Garten mit Tau auf dem Rasen, der einfach nur da ist, um ihn mal durchs Fenster anzusehen: Diese Freude darauf und die Sehnsucht danach sind riesig.

Denn ab jetzt kann man wieder spazieren gehen, ohne auf ein Auto zu treffen. Ohne auf überhaupt irgendjemanden zu treffen.

(Bild: bento / Nike Laurenz)

(Und falls doch, dann ist es der Nachbar, der auch gerade spazieren geht. Und den man wirklich kennt, anstatt neben ihm zu wohnen, und ihn nur zu hören, anstatt ihn zu sehen.)

Vom 23. Dezember bis Neujahr schlafe ich in meinem alten Kinderzimmer auf 90x200 Zentimetern behaglicher Enge.

(Bild: bento / Nike Laurenz)

Und diese Enge tut so gut: Sie zwingt mich, mich mal wieder auf mich selbst zu besinnen. Denn außer dem Bett steht in diesem Zimmer kaum etwas. Nur alte Schränke, in denen sich alte Kinderbücher, Schulhefte und Tagebücher voller Pubertätsgedanken stapeln. Gedanken, die mal meine waren. Aus meiner Kindheit. In der Weihnachten auch schon so besonders war.

In dem Regal gegenüber vom Bett hängt kein Fernseher, auf dem bis zum Einschlafen Serien laufen. Die Serien haben jetzt Pause. Und an der Wand hängen Bilderrahmen. Die an Momente wie diesen erinnern:

(Bild: bento / Nike Laurenz)

Achja, an diesem Ort der Vergangenheit lebten auch mal meine Freunde. Wir haben hier Scheunenpartys gefeiert und Shisha geraucht in der Ecke am See, von der keiner über 18 wusste. Nun sind wir Masterstudenten oder Arbeitnehmer und überall dort, wo der jeweils andere gerade nicht ist.

Es sei denn, es ist Weihnachten: Dann denken wir aneinander. Treffen uns. Nicht in der Szenebar im Hipsterviertel – sondern in dem Café am Marktplatz, in dem man sich, umgeben von älteren Menschen, erwachsene Fragen stellt: "Und, wie lief dein letztes halbes Jahr?" Um sich dann jugendliche Antworten zu geben: "Ich bin um die Welt gereist und kenne jetzt so viele neue Leute".

Die Panik, anschließend den letzten Bus nach Hause zu verpassen, fällt aus. Weil es gar keinen Bus gibt.

(Bild: bento / Nike Laurenz)

Dafür fahren wir mit den Kombis unserer Eltern durch die Gegend, wissen, welche Strecke wir fahren müssen, um Ampeln und Blitzern zu entgehen, erinnern uns an den Führerschein mit 17.

Oder wir holen das rostige Fahrrad aus der Garage – zum Beispiel, um am Weihnachtsmorgen mit der Mutter in die Stadt zu radeln, weil noch letzte Besorgungen anstehen: Chips und Süßigkeiten aus dem Supermarkt, in dem Mutter bezahlt; eine Strumpfhose aus dem Bekleidungsgeschäft, das zu keiner weltweiten Kette gehört; ein Weihnachtsbaum von dem Händler, dessen Weihnachtsbaumfeld in der nächsten Bauerschaft liegt und auf dem Weihnachtsbäume wie diese wachsen:

(Bild: bento / Nike Laurenz)

Und was ist mit der eigenen Hood? Was ist mit Berlin Mitte, Hamburg Sternschanze oder München Glockenbachviertel?

Damit ist nicht mehr so viel. Die Hood heißt an Weihnachten nämlich nicht mehr Hood, sondern Nachbarschaft. Und die sieht so aus:

(Bild: bento / Nike Laurenz)

Backsteine, Vorgärten mit Zäunchen, geschnittener Rasen, gepflasterte Einfahrt. Das alles ist furchtbar spießig. Aber als Abwechslung mal ganz nett: Denn es ist das genaue Gegenteil von der anonymen Großstadt, von Flüchtigkeit und Hektik. Es ist auch das Gegenteil vom Zufall: Hier ist alles geplant. Hier schreiben Menschen Einkaufszettel, sie haben volle Kühlschränke und Backbücher. Und schließlich haben sie auch ein wohl überlegtes Weihnachtsessen: Raclette mit Kartoffeln, Speck, frischen Champignons und selbst gemachtem Salat.

Für dieses Essen kommen wir alle an einen Tisch. Und dann: Reden wir über Oma und Opa, über den Frisör, über die komische Verkäuferin – über Leute, die eben schon lange zum Leben, zu unserem Leben, gehören. In unserer Küche und in unserem Haus, fernab von dem kleinen Bahnhof, durch den spätabends nur noch ein paar Güterzüge rollen.

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