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Retro

Warum ich wieder Briefe schreibe

03.09.2015, 09:50 · Aktualisiert: 14.04.2016, 18:13

E-Mail, Facebook und WhatsApp sind schneller, bequemer und billiger als Papierpost. Das finde ich auch. Trotzdem habe ich wieder angefangen, Briefe zu schreiben - weil's so schön langsam ist.

Als ich neulich mein Kinderzimmer ausgeräumt habe, fand ich eine dicke Mappe mit alten Briefen - und einen Schuhkarton voller Postkarten. Früher hatte ich mindestens drei Brieffreundinnen gleichzeitig. Aus jedem Urlaub verschickte ich Karten, und bekam von meinen Freundinnen welche zurück.

Irgendwann, ich muss so dreizehn oder vierzehn Jahre alt gewesen sein, gab ich das Schreiben auf. Inzwischen hatte ich SchülerVZ, später dann Facebook, schließlich WhatsApp. Das war einfacher, billiger und vor allem cooler.

Vor knapp zwei Jahren, an Weihnachten 2013, dann der Rückfall:

Ein guter Freund hatte mir bei einem Uniprojekt geholfen; ich wollte mich bei ihm bedanken. Eine simple Facebook-Nachricht fand ich zu mickrig, ein cooles Geschenk wollte mir nicht einfallen. Also schrieb ich ihm eine Karte. Nichts Großes, einfach ein Danke auf einem Stück bedrucktem Pappkarton. Offensichtlich freute er sich darüber - jedenfalls schrieb er mir das. Per WhatsApp.

Als er dann im August durch Skandinavien tourte, schickte er mir einen Brief - inklusive selbstgemaltem Stadtplan. Wir schreiben uns seitdem mehr oder weniger regelmäßig - zu Weihnachten, zum Danke-Sagen oder einfach so.

Gerade bin ich dabei, auch mit anderen Leuten wieder „Brieffreundschaften“ aufzubauen, mit einem Kumpel in Kanada zum Beispiel oder mit einem in Chile. Ich finde nämlich, dass Papier einiges kann, was wir durch Facebook und WhatsApp verlernt haben.


1. Warten:

(Bild: Sophia Schirmer)

Ich war schon immer ziemlich ungeduldig. Seit ich WhatsApp habe, bin ich noch viel ungeduldiger. Wenn jemand mal ein paar Stunden lang nicht auf meine Nachrichten antwortet, finde ich das komisch. Was ist da los? Warum antwortet der nicht?

Ein Brief zwingt mich zu Entschleunigung, verschafft mir meine ganz private Detox-Kur. Einmal quer durch Deutschland kutschiert zu werden oder den Atlantik zu überqueren, das dauert eben. Ich habe inzwischen gelernt, dieses Warten zu genießen.

Außerdem macht mir so ein Brief immer bewusst, dass zwischen mir und einigen meiner Freunde eine ganz schöne Distanz liegt - traurig einerseits, aber andererseits auch ziemlich cool.

2. Freuen:

(Bild: Sophia Schirmer)

Klar, über eine liebe WhatsApp-Nachricht freue ich mich auch. Aber wenn ich die Nachricht aus dem Briefkasten ziehe, dann ist die Freude nochmal etwas größer. Da ist es auch ziemlich egal, ob der Brief nun eine Überraschung ist oder ich schon ewig darauf gewartet habe. Das Stück Papier zeigt mir: Da hat sich jemand statt einer vielleicht zehn Minuten Zeit genommen. Fühlt sich gut an.

Umgekehrt fühlt es sich mindestens genauso gut an, wenn ich jemand anderem diese Freude mache. Blogger Matthew Trinetti, der jedem Abonnenten seines Newsletters eine handgeschriebene Postkarte schickt, hat das Gefühl auf den Punkt gebracht: „The act of sitting down and writing a postcard to someone … allows me to experience a sense of human connection, if only for a moment.“

3. Erinnern:

(Bild: Sophia Schirmer)

Wer liest schon alte WhatsApp-Nachrichten? Ich habe es mal ausprobiert: Scrollen, das „Laden“-Icon anstarren, warten - das alles ging mir ziemlich schnell auf die Nerven. Vor allem habe ich irgendwann den Überblick verloren. Wann war jetzt noch mal welche Nachricht?

Bei Briefen ist das anders. Die bleiben, die kann man immer wieder rausziehen, lesen und sich erinnern. So wie meine Oma, die alle Postkarten, die ich ihr als Kind aus Bibione oder Side geschrieben habe, in ihr Kochbuch gelegt hat. Da liegen sie noch heute, zwischen Schweinebraten und Schwarzwälder Kirschtorte.

Klar, WhatsApp nutze ich weiterhin, weil es praktisch und billig ist, weil ich damit jederzeit überallhin Nachrichten verschicken kann. Briefe schreibe ich, weil es mir Spaß macht. Übrigens verschicke ich keine Postkarten aus dem Urlaub mehr. Heute schreibe ich nur, wenn ich wirklich etwas zu sagen habe.