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Retro

Böse Pharmafirmen, Zockerbanden, EU-Politiker: Neue Brettspiele für mehr Spannung

28.11.2015, 18:48 · Aktualisiert: 01.03.2017, 16:55

Ist das die neue Bürgerlichkeit der Jungen, ihre Kindheitsnostalgie oder doch eine gute Entertainment-Alternative zu Netflix und Amazon? In Studenten-WGs stapeln sich jedenfalls wieder jede Menge Brettspiele.

Doch das Weltbild, das manche der Spieleklassiker vermitteln, ist mehr als fragwürdig. In "Risiko" probt man den Weltkrieg, in "Monopoly" den kalten Raubtierkapitalismus. Doch es gibt Alternativen, die aktuelle Probleme in der Welt pointiert aufspießen.

In diesen Brettspielen spielt man bösartige Pharmafirmen, Zockerbanken, aber auch grüne Firmen und Filmproduzenten.

Bad Medicine

Worum geht’s?

Medikamente für Krankheiten finden und dann neue Medikamente für die Nebenwirkungen finden und dann wieder Medikamente für die neuen Nebenwirkungen finden.


(Bild: Steffen Daniel Meyer)

Wie läuft das ab?

Am Anfang jeder Runde liegt eine Krankheit aus wie “Kopf zieht sich hin und wieder in den Torso zurück”. Als Pharmakonzern-Repräsentant wählt nun jeder Spieler drei Karten aus, die den Namen des Medikaments ergeben - zum Beispiel “Bu-Bo-Kuty”. Danach legt jeder zwei Karten mit Begriffen aus - zum Beispiel “Tentakel” und “Musik” - und denkt sich eine Erklärung aus, wie damit die Krankheit geheilt werden kann.

Bei der Kopf-in-Torso-Krankheit wächst also ein “Tentakel” mit einem Auge aus dem Rücken, womit der Patient sich umsehen kann, wenn sein Kopf mal wieder im Körper steckt. Während das Tentakel sich umschaut, hört der Kopf im Körper entspannende “Musik”.

Danach bestimmen die Spieler eine Nebenwirkung für jedes Medikament (die man als tüchtiger Pharmakonzern natürlich herunterspielt), wählen die “beste” (=bekloppteste) Arznei, und die Nebenwirkung wird zur neuen Krankheit, die man heilen muss.

Wie nahe ist das an der Realität?

Naja, die Krankheiten sind hoffnungslos überzogen. Aber die Methoden kennt man aus der Pharmaindustrie durchaus.

Was lernt man?

Wie man mit “Bedeutung des Lebens” und “Autofahren” Durchfall heilt.

(Bild: Steffen Daniel Meyer)

Mit wem sollte man es spielen?

Kreative, humorvolle Leute, die auch noch in der dritten Runde einen guten Einfall haben.

Mit wem sollte man es nicht spielen?

Leichtgläubige Hausärzte.

Wo kann ich mehr erfahren?

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The Producer

Worum geht’s?

Als Filmproduzent in den Vierzigerjahren Hollywood-Klassiker drehen und Oscars gewinnen.

Wie läuft das ab?

Man kauft Original-Drehbücher wie “Citizen Kane” und besetzt sie mit Schauspielern wie dem Dick-&-Doof-Gespann “Stan Laurel und Oliver Hardy”. Je besser die Besetzung, desto höher die Chance auf einen Oskar und damit auf Punkte.

Nebenher baut man neue Studios und Schnitträume, erwirbt Ausrüstung für Westernfilme, macht Radio-Werbung oder holt sich Geld bei der Mafia - wenn man Pech hat, will die dann die total untalentierte Freundin des Dons als weibliche Hauptrollen im nächsten Blockbuster sehen. Komplex, aber durchdacht. Die Anleitung ist über 40 Seiten lang.

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Wie nahe ist das an der Realität?

Zu jeder Person gibt es ein Original-Schwarz-Weiß-Foto, zu jedem Film das Original-Plakat, und bei den Aktionskarten werden Film-Fans hellhörig: Mit der Karte “Du bist ein Nazi! Du bist ein Nazi” kann man eine/n SchauspielerIn beschuldigen, mit den Faschismus zu sympathisieren. Das bringt Abzug in der Beliebtheitsskala - und ist eine Anspielung auf entsprechende Anschudigungen gegenüber Hollywood-Star Eroll Flynn.

Was lernt man?

Dass neben “Citizen Kane” viele weitere tolle Filme in den Vierzigerjahren produziert wurden.

Mit wem sollte man es spielen?

Mit den Mitgliedern seines Filmclubs, die stundenlang von der “Hellzapoppin”-Tanzleistung schwärmen können.

Mit wem sollte man es nicht spielen?

Mit Leuten, die Michael Bay für den besten Regisseur aller Zeiten halten.

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European Union - The Board Game

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Worum geht’s?

Die europäische Einigung vorantreiben oder blockieren.

Wie läuft das ab?

Als eine von sieben Fraktionen im EU-Parlament versucht man, die Politik der EU zu bestimmen. Die rote Fraktion versucht, das soziale Sicherheitsnetz in Europa zu stärken, als türkise Fraktion profitiert man von wirtschaftsfreundlichen Gesetzen wie der Liberalisierung des Binnenmarktes. Durch Absprachen, Drohungen und Feilschen versucht jeder Spieler, das Beste für seine Fraktion herauszuholen - auch wenn das nicht das Beste für Europa ist.

Wie nahe ist das an der Realität?

Die EU-skeptischen Türkisen werden angeführt von einem Churchill-haften Zigarrenraucher mit Bulldogge. Die Spielfigur der Sozialisten erinnert an eine Kreuzung aus Alexis Tsipras und Che Guevera.

Das Gesetzgebungsverfahren ist natürlich nicht so komplex wie in der Realität, orientiert sich aber daran: Die Kommission macht einen Vorschlag, worüber EU-Parlament und EU-Rat abstimmen. Bei großen Integrationsschritten ist ein Konsens nötig. Die Balance zwischen Spielbarkeit und Realismus gelingt.

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Was lernt man?

Dass man als Anti-Europäer wenige Freunde hat und als Pro-Europäer ständig den Anti-Europäern Zugeständnisse machen muss.

Mit wem sollte man es spielen?

Mit Europhilen und mit Leuten, die immer noch glauben, dass in der EU alles von Bürokraten erlassen und über nichts diskutiert wird.

Mit wem sollte man es nicht spielen?

Marine Le Pen, Beatrix von Storch oder Heinz-Christian Strache.

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Green Deal


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Worum geht’s?

Im Jahr 2050 ein nachhaltiges Unternehmen aufbauen.

Wie läut das ab?

Als internationaler Konzern der Zukunft muss man nicht nur auf sein Geld achten, sondern auch auf die gestiegenen Wünsche von Regierungen und Konsumenten. Deswegen erforscht man AIDS-Impfstoffe, baut Schulen in Afrika oder führt einen Veggie-Day in der Kantine ein. Jede grüne Tat bringt Punkte, kostet aber Kohle. Alternativ kann man in PR investieren und den Leuten weißmachen, man sei total nachhaltig - während man Dumping-Löhne zahlt oder sein schönes Kapital in Steueroasen deponiert.

Wie nahe ist das an der Realität?

Es sind zwar noch ein paar Jährchen bis 2050, aber Erfindungen wie führerlose PKWs, Mindestlöhne für Praktikanten und papierlose Büros sind schon heute im Kommen. Durch das ständige Abwägen zwischen fairem und profitablem Handel bekommt man plötzlich Mitgefühl mit den armen transnationalen Konzernen.

Was lernt man?

Gutes Wirtschaften ist nicht billig. Gute PR auch nicht.

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Mit wem sollte man es spielen?

BWL-Studenten, grünen Romantikern, linken Anti-Kapitalisten und Amazon-Chef Jeff Bezos. Auf einmal.

Mit wem sollte man es nicht spielen?

Josef Ackermann, Anshu Jain und Chefs von Apple-Zulieferern. Sie würden die Regeln nicht verstehen.

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€uro Crisis

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Worum geht’s?

Als Zockerbank in der Euro-Krise möglichst viel Staatseigentum privatisieren.

Wie läuft das ab?

Man holt sich bei der Europäischen Zentralbank ein paar Milliardenpakete, kauft an der Börse Staatsanleihen, schmeißt eine Bunga-Bunga-Party für Politiker, lässt diese “notwendige Reformen” durchdrücken, schlägt Aufstände der Bevölkerung nieder, verhindert Schuldenschnitte und privatisiert das französische Bildungssystem sowie den Eiffelturm. Am Ende gewinnt der mit dem meisten Kapital, der zumeist auch der skrupelloseste war. Wie Monopoly, nur viel aktueller.

Wie nahe ist das an der Realität?

Die Aktionen sind überspitzt, aber ergeben Sinn. Mit der Brüssel-Karte kann man zum Beispiel eine nicht genehme Regierung gegen eine andere austauschen (Silvio Berlusconi und Mario Monti lassen grüßen).

(Bild: Steffen Daniel Meyer)

Mit wem sollte man es spielen?

Yanis Varoufakis und Wolfgang Schäuble. Ein unvergesslicher Abend.

Mit wem sollte man es nicht spielen?

Anhängern von Griechenlands kommunistischer Partei KKE und Bild-Zeitungs-Lesern. Beide würden ohne Grexit-Regel eh nicht mitspielen.

Wo kann ich mehr erfahren?

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