Retro

Neun Bücher, die du früher gefeiert hast und heute kacke findest

22.04.2017, 12:37 · Aktualisiert: 08.05.2017, 15:24

Weißt du noch: dieses eine Buch, das du gelesen hast, als du so um die 20 warst? Und das dich komplett umgehauen hat, sodass du es gleich nochmal – und nochmal und nochmal – lesen musstest, bis du es halb auswendig kanntest? Und von dem du all deinen Freunden vorgeschwärmt hast, bis die es endlich auch gelesen hatten? (Und wehe sie mochten es nicht!!! Mit solchen Banausen konntest du eigentlich gar nicht mehr befreundet sein!!!!)

(Bild: Giphy)

Wenn du dieses Buch ein paar Jahre später wieder in die Hand nehmen solltest, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du enttäuscht werden wirst. Denn jetzt findest du es bestenfalls okay und du fragst dich auf einmal, wie du das damals nur so hart feiern konntest. In Extremfällen schämst du dich sogar ein bisschen für deine damalige Begeisterung.

Natürlich ist das (in den meisten Fällen) Quatsch: Das Buch ist nicht schlecht – es passt nur einfach nicht mehr zu deiner Lebensphase. Oder du hast es so oft gelesen, dass du einfach satt davon bist. Oder, oder. Die Gründe für deine neue Abneigung sind vielseitig – die Bücher, für die du sie fühlst, sind aber für fast alle Menschen dieselben. Diese hier nämlich:

Alles von Hermann Hesse

Wer sich nachts in der Nähe von Universitäten aufhält, muss damit rechnen, von Gangs rabiater Erstsemester überfallen, an einen Stuhl gefesselt und mit Taschenbuchausgaben des Glasperlenspiels grün und blau geprügelt zu werden. Kein anderer Autor wird so grundsätzlich von dieser Altersgruppe gefeiert und von allen anderen Altersgruppen verachtet wie Hermann Karl Hesse. Sage ich mal so.

(Bild: Giphy)

Ob diese Abneigung dann berechtigt ist oder nicht, weiß ich nicht, weil ich seit meinem 22. Lebensjahr kein Hesse-Werk mehr aufgeschlagen habe. Und das, obwohl die Bücher – Steppenwolf, Siddhartha, Demian, Narziß und Goldmund – natürlich in Reih und Glied in meinem Bücherregal stehen. Vielleicht sollte ich mal wieder. Aber ehrlich gesagt will ich nicht. Ich will einfach nicht.

Alles von Bukowski

Ich schätze, dass es zwischen Hesse-Fanatikern und Bukowski-Fans keine allzu große Schnittmenge gibt. Die Verehrer dieses fluchenden, sich prügelnden und vom Bierschiss schwärmenden Proletarier-Poeten sind aber mindestens so zahlreich und fast genauso auf diese junge Altersgruppe beschränkt. Das liegt wohl daran, dass der Lifestyle, den Bukowski und sein Alter Ego Henry Chinaski vorleben, von vielen jungen Leuten cool gefunden wird. Auch die – zumindest scheinbare – Authentizität und Direktheit der Sprache hat durchaus ihren Reiz.

(Bild: Giphy)

Aber wer mit 30 noch Das weingetränkte Notizbuch oder die Aufzeichnungen eines Dirty Old Man liest, muss sich auf abschätzige Blicke gefasst machen. Denn so sehr die Fans auch behaupten mögen, Bukowskis Texte seien künstlerisch genauso wertvoll wie die von Goethe oder Joyce – leider nein. Er wiederholt sich arg, ist teils unangenehm sexistisch und so viele kluge Sachen hat er uns (wie er ja selber eingesteht) nun auch wieder nicht mitzuteilen. Das heißt aber nicht, dass man ihn mit 20 nicht lesen sollte. Unbedingt sogar. Und vor allem Faktotum – sein Bester, wie ich finde.

Affiliate-Links. Was ist das?

Wir haben in diesem Text Affiliate-Links gesetzt. Das heißt: Wenn jemand auf einen Link im Artikel klickt, und das Produkt in dem Online-Shop tatsächlich kauft, bekommen wir in manchen Fällen eine Provision. Das hat keinen Einfluss auf unsere Berichterstattung.

On the Road

"Wusstest du, dass Kerouac On the Road an einem Stück geschrieben hat – nackt und komplett high auf Ketamin?" Ja, ja, haben wir gehört. Stimmt aber erstens nicht so ganz und zweitens wird das Buch dadurch ja nicht besser.

Klar, mit zwanzig habe ich mich auch in das Buch verliebt: wegen des Gefühls der Freiheit, wegen der Drogen, wegen des Jazz und so weiter. Aber wenn ich das Buch jetzt aufschlage, wirkt der darin beschriebene Roadtrip eher so, wie sich jede lange Autofahrt anfühlt: lang eben.

(Bild: Giphy)

Faserland

Ich ahne schon, man wird mich hassen, aber ich sage es umso deutlicher: Faserland ist ein Jugendroman – und als solcher ein bestenfalls akzeptabler. Er mag seine Zeit ja perfekt abgebildet haben (zumindest für eine gewisse gesellschaftliche Gruppe) und es mag ja sein, dass er einer stilistischen Revolution gleichkam (zumindest in Deutschland, wo literarische Trends grundsätzlich 20 Jahre später aufschlagen als zum Beispiel in den USA). Aber ihn heute zu lesen, tut einfach nur weh.

Außerdem ist dieser Text fast allein daran Schuld, dass seitdem jedes Jahr mindestens eine Million Bücher auf den Markt geschmissen werden, in denen

  • junge Leute
  • ohne Ziel im Leben
  • eine (Party-)Anekdote nach der anderen erleben
  • und am Ende überraschenderweise doch nicht glücklich werden.

Der Fänger im Roggen

...tendiert auch hart in diese Richtung. Mit 20 feiert man das, aber wenn dir das heute einer schenken würde:

(Bild: Giphy)

Der Alchimist

Man kann es sich gar nicht mehr vorstellen, aber es gab eine Zeit, da wurde Paulo Coelho hauptsächlich von jungen Menschen gelesen. Und nicht, wie heute, nur von Frauen in den besten Jahren. Ich weiß noch genau, wie eine Freundin mir den Alchimist mitbrachte und meinte, ich müsse das unbedingt lesen. Und wie total hin und weg ich war (wegen des Buchs oder wegen der Freundin kann ich im Nachhinein nicht mehr feststellen).

In Wirklichkeit ist der Alchimist nichts als eine schnöde (ja, "schnöde"!) Aneinanderreihung von etwa hundert Binsenweisheiten, für die sich Hesse zu schade war – zusammengewoben in eine Geschichte, wie sie Selbstfindungs-Coaches in zwielichtigen Yoga-Retreats improvisieren. Mit anderen Worten: Das perfekte Geschenk für deine drittliebste Tante. Hier kaufen. Oder, wenn sie das schon hat: Schiffbruch mit Tiger. Da freut sie sich sicher auch.

(Bild: Giphy)

Das Kapital

Ich habe absolut gar nichts gegen Das Kapital. Ich habe sehr wohl was gegen Klugscheißer, die Das Kapital lesen, überall herumerzählen, dass sie Das Kapital gelesen haben, und dann ihre Eltern – auf deren Tasche sie leben – damit nerven, warum sie noch arbeiten, anstatt den sozialistischen Umsturz voranzutreiben. (So einer war ich nämlich mal. Und du doch auch! Tu doch nicht so!)

Menschen aber, die nach ihrem 30. Lebensjahr noch das Kapital lesen, sind Historiker.

Alles, was dein Lieblingsmusiker geschrieben hat

Ich war zum Beispiel der festen Überzeugung, die Gedichte des Doors-Frontmanns Jim Morrison seien das Beste, was es an amerikanischer Lyrik so gibt. Ich habe neuerdings nachgeguckt. Es stellte sich heraus, dass dem nicht so ist. Unerwartet!!!!

(Bild: Giphy)

Die einzige Ausnahme, von der ich weiß: Leonard Cohen. Dessen Buch der Sehnsüchte und Das Lieblingsspiel sind immer noch super.

Feuchtgebiete

Ah, Feuchtgebiete! Was war das für ein Skandal damals! Junge Frau führt sich Avocadokerne ein (und das bevor Avocados in waren!), schneidet sich beim Rasieren in den Arsch und irgendwas mit Scheidung und Schokodipp. Und das dann noch von Charlotte Roche – das ist die von Viva 2! Kennst du noch Viva 2?

Musste man gelesen haben!

(Bild: Giphy)

Heute liest das – so hoffe ich doch – kein Mensch mehr. Der Schockeffekt ist verpufft und die Geschichte selbst war schon immer so dürr und krumm, dass kein respektabler Mensch über 25 Jahren das freiwillig aufschlagen würde. Du ganz sicher nicht. Du behältst das nur, weil man Bücher allgemein nicht wegschmeißt und deine drittliebste Tante den Schinken schon in der signierten Erstausgabe besitzt. Um beim Anblick nostalgisch zu werden, dafür reicht das Ding außerdem noch allemal.

Aber zum Lesen hast du inzwischen ganz andere Bücher in deinem Regal. Und wenn nicht – hier hätten wir noch ein paar Inspirationen:

Han Cheng Yeh
Giphy
Giphy
Giphy
Flickr / Tramlines Festival
Flickr / Fabio Téllez
Giphy
Flickr / Bryan Ledgard
Getty / Keith Bedford
1/12

Gerechtigkeit

Warum deine Profs heute demonstrieren gehen

22.04.2017, 11:55 · Aktualisiert: 22.04.2017, 12:25

Worum geht es?

Das Vertrauen in die Wissenschaft scheint zu sinken – vor allem bei zahlreichen Staatsoberhäuptern. Dagegen wollen sich Wissenschaftler jetzt wehren und gehen am Samstag beim "March for Science" auf die Straße. In mehr als 600 Städten weltweit finden Protestaktionen für die Freiheit von Wissenschaft und Forschung statt (Deutsche Welle).