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Ein Kinofilm will uns einreden, dass Impfen gefährlich ist - so ein Quatsch

07.04.2017, 12:15 · Aktualisiert: 08.04.2017, 21:18

Wie denken Menschen, die sich den Film jetzt anschauen?

Eigentlich sollte "Vaxxed" letztes Jahr beim Tribeca Film Festival in New York gezeigt werden. Nach massiver öffentlicher Kritik wurde die Vorführung jedoch abgesagt. Auch viele Kinos in Deutschland wollen den Film nicht zeigen. Soll die Wahrheit über das Impfen etwa unterdrückt werden?

So sieht das zumindest der Regisseur des Films, Andrew Wakefield. Tatsächlich aber manipuliert er die Zuschauer und lässt wichtige Informationen aus, um seine Theorien zu rechtfertigen.

Worum geht es in "Vaxxed"?

Der Dokumentarfilm behandelt vor allem zwei Themen. Zum einen die These, dass es einen Zusammenhang zwischen Dreifach-Impfung gegen Mumps, Masern und Röteln und der Entstehung von Autismus bei Kindern gibt.

Zum anderen behaupten die Macher des Films, dass die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) eine Studie, die das beweisen soll, manipuliert und die Öffentlichkeit belogen hat. Dabei berufen sie sich vor allem auf einen Whistleblower aus der Behörde. Das alles klingt nach einem großen Skandal.

Wissenschaft, Gesundheitsbehörden und die meisten Ärzte sind sich allerdings einig sind: Es gibt keine Verbindung zwischen Impfungen und Autismus! Hier gibt es dazu eine klare Stellungnahme des CDC.

Warum wollen Menschen den Film sehen?

Berenike, 26

(Bild: bento / Felix Huesmann)

"Ich finde den Film erstmal interessant", sagt Berenike, die sich den Film bei einer der Deutschland-Premieren in Essen anguckt. "Mit dem Thema Impfen habe ich mich bislang nicht konkret auseinander gesetzt, ich habe aber immer wieder darüber gehört", erzählt die 26-Jährige.

Ich stehe dem Impfen kritisch gegenüber.
Berenike

Und sie schiebt hinterher: "Ich stehe dem Impfen kritisch gegenüber. Ich denke, der Körper sollte sich mit den Krankheiten selbst auseinander setzen. Ich glaube teilweise braucht man Impfungen, aber nicht grundsätzlich."

Die Behauptung, dass die Mumps-Masern-Röteln-Impfung Autismus auslösen kann, kennt Berenike bislang nur aus dem Trailer des Films. "Ich halte das aber durchaus für möglich", sagt sie. Dass die Impfung trotzdem so weit verbreitet ist und auch von den Gesundheitsbehörden empfohlen wird, führt sie wie viele Verschwörungstheoretiker auf den Einfluss der Pharma-Lobby zurück.

Stefan, 30

(Bild: bento / Felix Huesmann)

Stefan hingegen beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Impfen. "Intensiv so seit sieben Jahren", sagt der 30-Jährige. Er ist gerade auf dem Weg, Heilpraktiker zu werden. Dass die MMR- Impfung Autismus auslösen kann, glaubt auch er. "Ich würde die Aussage definitiv unterstützen", erklärt er. "Ich kann mir das gut vorstellen. Ob es da jetzt perfekte Beweise gibt, weiß ich nicht, ich kenne da keine Studienlage."

Ob es da jetzt perfekte Beweise gibt, weiß ich nicht.
Stefan

Eine von vielen Impfkritikern vorgebrachte These ist, dass der Stoff Thiomersal in Impfstoffen unter anderem zu Autismus führen kann. Thiomersal ist eine Quecksilberverbindung, die als Konservierungsmittel eingesetzt wird. Der Zusammenhang zwischen dem Stoff und Autismus gilt allerdings als wissenschaftlich widerlegt, die Studien dazu mussten zurückgenommen werden.

Außerdem wird Thiomersal in den allermeisten Impfungen heute gar nicht mehr eingesetzt. Dem wissenschaftlichen "Mainstream" glaubt Stefan trotzdem nicht: "Der behauptet auch, dass Zahnfüllungen aus Amalgam nicht schädlich sind und Fliegen gesund ist."

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So manipulativ geht der Film vor:

Der Film besteht hauptsächlich aus drei Elementen: Heimlich aufgezeichneten Telefonate mit dem Whistleblower aus der amerikanischen Gesundheitsbehörde, Interviews mit vermeintlichen Experten und tragischen Einzelschicksalen.

Die Filmemacher stellen gleich mehrere Eltern und ihre autistischen Kinder vor. Sie alle behaupten, ihre Kinder wären völlig gesund gewesen - bis zur MMR-Impfung. Wirkliche Beweise dafür liefert der Film allerdings nicht.

Auf traurige Bilder und emotionale Musik folgen in einen falschen Zusammenhang gestellte Zahlen und Statistiken, die kaum ein Zuschauer einordnen und verstehen kann. Was bei den meisten hängenbleibt, ist vor allem ein Gefühl: Boah ist das krass!

Durch den Kinosaal geht daraufhin ein erschrecktes Raunen.

Eine Frau, die als Wissenschaftlerin vorgestellt wird, behauptet aufgrund von mathematischen Überlegungen sogar, dass bis 2032 jedes zweite Kind in den USA autistisch sein wird. Durch den Kinosaal geht daraufhin ein erschrecktes Raunen.

Der Regisseur Andrew Wakefield betont immer wieder: "Ich bin kein Impfgegner, ich will nur einen Betrugs-Skandal aufdecken." Sein Publikum deutet den Film aber zu einem großen Teil anders.

Warum Masern-Impfungen so wichtig sind

Viele betrachten es als ihre alleinige Verantwortung, ob sie ihre Kinder impfen lassen oder nicht. Die Entscheidung betrifft aber auch andere. Nur wenn sehr viele Menschen geimpft sind, kann sich das Masern-Virus nicht ausbreiten. 

Kommt es hingegen zu einer Masern-Epidemie, erkranken nicht nur Menschen, die sich bewusst gegen eine Impfung entschieden haben, sondern auch Säuglinge, die noch zu jung für die Impfung sind. Für sie ist die Infektion besonders gefährlich.

Das wird auch in der anschließenden Diskussion klar. Der Regisseur Andrew Wakefield ist selbst nach Essen gereist, um seinen Film mit Rainer Kundt, dem Leiter des Essener Gesundheitsamtes und Alfred Längler vom anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke zu diskutieren.

Jedes Mal, wenn Rainer Kundt die von den Behörden empfohlene Impfpraxis verteidigen will, wird er von einer rabiaten Impfgegnerin im Publikum unterbrochen. Auch viele andere im Publikum lassen keinen Zweifel daran: Sie lassen ihre Kinder nicht mehr gegen Mumps, Masern und Röteln impfen.

Uwe, 28

(Bild: bento / Felix Huesmann)

Doch nicht alle, die den Film gesehen haben, denken so. "Ich finde den Film sehr ambivalent", sagt Uwe. Der 28-Jährige ist Teil der "Rhein-Ruhr-Skeptiker", einer Gruppe, die sich wissenschaftlich mit Verschwörungstheorien, Esoterik und sogenannten Parawissenschaften auseinandersetzt.

Einen Teil der Aussagen findet er durchaus gerechtfertigt. Wenn die US-Gesundheitsbehörde tatsächlich eine Studie verfälscht haben sollte, müsse das natürlich aufgeklärt werden. Den Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus hält Uwe jedoch für ausreichend widerlegt. "Das Ganze wird im Film mit Falschinformationen garniert. Der Anstieg der Autismus-Zahlen hat zum Beispiel ganz andere Gründe", erklärt er.

So sind Ärzte heute beispielsweise stärker für das Thema sensibilisiert und diagnostizieren deshalb häufiger Autismus als noch vor einigen Jahren (Stern.de).

Worüber der Regisseur nicht reden will:

Am Anfang der Diskussion betont der Regisseur Andrew Wakefield, dass er nicht nach Essen gekommen ist, um über seine Person zu sprechen. "Das ist kein Film über mich", sagt er. Dabei ist Wakefields Geschichte durchaus wichtig.

Wakefield hat den angeblichen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus selbst "wissenschaftlich" hergestellt - in einer Studie, die er zusammen mit anderen Ärzten 1998 in einer renommierten Fachzeitschrift in Großbritannien veröffentlicht hat.

Die Studie basierte zwar nur auf 12 Fällen, hatte aber krasse Auswirkungen. Wakefield erhielt eine gigantische Öffentlichkeit und die These vom Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus verbreitete sich rasant. Immer mehr Eltern ließen ihre Kinder anschließend nicht mehr impfen.

Wakefield wurde in Großbritannien sogar seine Zulassung als Arzt entzogen.

In den Jahren nach der Veröffentlichung häufte sich jedoch die Kritik an der Studie, bis sie nicht mehr haltbar war. So wurde zum Beispiel bekannt, dass Wakefield 55.000 Pfund von Anwälten erhalten hatte, die Eltern autistischer Kinder vertreten.

Die Anwälte wollten einen Zusammenhang zwischen Impfstoffen und Autismus belegen, um die Pharmakonzerne verklagen zu können. Die Fachzeitschrift zog die Veröffentlichung anschließend zurück.

2010 wurde Wakefield in Großbritannien sogar seine Zulassung als Arzt entzogen. Er hat dort bis heute Berufsverbot. Andere wissenschaftliche Studien konnten den Zusammenhang zwischen MMR-Impfungen und der Entwicklung von Autismus bis heute nicht bestätigen.


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Umweltschützer bekommen Morddrohungen – weil sie Avocadobauern in Chile kritisiert haben

07.04.2017, 12:07 · Aktualisiert: 07.04.2017, 12:08

Was ist passiert?

Umweltschützer haben Morddrohungen erhalten, nachdem sie den Avocadoanbau in Chile kritisiert haben. "Im ersten Anruf bei mir hieß es: 'Wir werden dir einen Holzanzug anziehen', womit sie auf einen Sarg anspielten‚ im zweiten 'Wir werden dich umbringen'", sagte Rodrigo Mun­da­ca, Sprecher der Organisation Modatima, der "taz".