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Warum "To the bone" ein falsches Bild von Magersucht zeigt

11.08.2017, 11:04 · Aktualisiert: 13.08.2017, 17:44

Seit kurzem läuft "To the bone" auf Netflix, ein Film, in dem es um magersüchtige junge Menschen gehen soll. Als ehemalige Magersüchtige (sofern man ehemalig magersüchtig sein kann) muss ich sagen:

Was dort vermittelt wird, verherrlicht Anorexie! Der Film verbreitet ein völlig falsches Bild von Magersucht.

Was daran so falsch ist? Hier sind fünf Beispiele:

1.

Du kannst auch mit krassem Untergewicht krass gut aussehen!

Hauptdarstellerin Lily Collins verkörpert in ihrer Rolle alles, was sich ein junges Mädchen zu sein wünscht. Sie ist mit einem Gesicht gesegnet, das auch die offensichtlich extrem strenge Fastenkur vor Drehbeginn nicht zu entstellen vermag. Selbst in Szenen, in denen sie als anorektische Ellen am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte ist, besticht ihr Äußeres durch elfenhafte Schönheit.

Das kommt nicht nur bei jungen Zuschauerinnen als Vorbildfunktion gut an: Kaum ist die zynische, unnahbar wirkende Antiheldin zur Tür der Essgestörten-WG hereinspaziert, verfällt Luke, der einzige männliche Patient der Gruppe, ihr mit Haut und Haar.

Ellen

Ellen (Bild: Netflix)

So war es bei mir:

Ich selbst sah mit Collins' Kampfgewicht aus wie eine skelettierte Eule. Die unnatürlich groß wirkenden Augen stachen ebenso markant aus meinem blassen Gesicht hervor wie die Wangenknochen. Zu allem Überfluss war ich auch noch am ganzem Körper bedeckt von dem typischen feinen Flaum, der sich bei vielen Magersüchtigen irgendwann bildet – ein Schutzmechanismus, um den ausgezehrten Körper vor Kälte zu schützen.

"Schön" habe ich das nie gefunden, ich konnte mich einfach nicht gegen den inneren Zwang zu hungern wehren. Auch andere Magersüchtige fasten keinem angeblichen Schönheitsideal entgegen. Mir persönlich ist das zwar erspart geblieben, aber die meisten Anorexie-Patienten haben eine sogenannte Körperschemastörung, die dafür sorgt, dass Betroffene sich auch bei lebensbedrohlichem Untergewicht im Spiegel noch als zu dick wahrnehmen.

Die krasse Gewichtsreduktion im Zuge der Magersucht ist außerdem ein Stellvertretersymptom für tieferliegende Probleme, die genauso vielfältige Ursachen haben können wie bei anderen psychischen Erkrankungen auch.

Unsere Autorin im Sommer 2016:

(Bild: Privat)

2.

Magersüchtige treiben "ein bisschen" zu viel Sport.

Ellen absolviert vor dem Schlafengehen im Bett ein paar Sit-ups, die wohl das zwanghafte Sportprogramm vieler Magersüchtiger abbilden sollen.

So war es bei mir:

Über die filmische Darstellung kann ich nur lachen. Ich bin nicht stolz darauf, aber in den Hochzeiten meiner Anorexie absolvierte ich täglich einen Halbmarathon auf dem Laufband und bestieg das Foltergerät sogar wieder erneut, wenn ich vor Entkräftung bewusstlos rücklings von dem Ding heruntergekippt bin.

Was Sport betrifft, kommt den meisten Magersüchtigen der freie Wille abhanden. Mein Verhalten war obsessiv. Ich bin gerannt bis zu einem dreifachen Ermüdungsbruch in der Hüfte, den mein erschrockener Orthopäde diagnostizierte, nachdem ich mit entsprechenden Schmerzen bei ihm aufgetaucht war.

Ein Blick in den Film – so sieht "To the bone" aus:

1/12
3.

Die Therapie ist super einfach.

Die WG-Mitglieder sind alle "dicke" Kumpels und dürfen im Rahmen des Therapiekonzepts essen, oder eben nicht essen, was sie möchten. Ein bisschen geht es zu wie in Peter Pans Nimmerland: keine Schule, keinen Brokkoli zum Abendbrot und keine nervigen Erwachsenen (der behandelnde Psychiater schaut lediglich nach dem Abendessen kurz vorbei).

Die dargestellten Therapiegespräche des Films sind genauso wenig aufschlussreich wie der Ausflug zu einem Regensimulator (ja, ernsthaft), wo die Essgestörten dann eben buchstäblich im Regen stehen und Tänzer Luke ein paar coole Moves aufs Parkett legt.

Ellen (r.) mit einer WG-Mitbewohnerin

Ellen (r.) mit einer WG-Mitbewohnerin (Bild: Netflix)

So war es bei mir:


  • Ich persönlich ließ mir vor Scham und Hilflosigkeit von niemandem in die Karten gucken und auch Gespräche, die ich mit anderen Betroffenen geführt habe, gestalteten sich euphemistisch ausgedrückt eher holprig. Ewiger Hunger, beschämtes Schweigen, sozialer Rückzug – das ist für die allermeisten Magersüchtigen die lebensbestimmende Triade. Wir hungern ja gerade deshalb, weil wir uns anders schlecht Ausdruck verleihen können.
  • Und nicht nur die Scham steht Magersüchtigen bei offenen Gesprächen häufig im Weg, sondern auch fehlende Einsicht. Bei mir hat es zwei Jahre gedauert, bis ich mir eingestehen konnte, magersüchtig zu sein. Als ich es dann endlich fertigbrachte, meinen Freunden davon zu berichten, denen ich stets versichert hatte, alles sei bei mir in bester Ordnung, schaute ich natürlich in betroffene und sorgenvolle Gesichter.
  • Und wieder schämte ich mich, diesmal dafür, anderen Menschen Kummer zu bereiten. Also erneuter Rückzug und nur noch das Nötigste erzählen. Nach ein paar halbherzigen und kläglich gescheiterten Ausstiegsversuchen aus der Anorexie, kapierte ich, dass ich Hilfe brauchte. Ich habe eine Einzeltherapie gemacht. Das bedeutet: Seelen-Striptease.
Unsere Autorin im Sommer 2016

Unsere Autorin im Sommer 2016

Es kann ganz schön unbequem sein, sich mal so richtig mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Die verqueren und festgefahrenen Strukturen dann wieder im eigenen Hirn halbwegs zu ordnen und zu lösen, war und ist ein anstrengender Prozess. Als ich irgendwann bereit war zu versuchen, wieder normal zu essen, bekam ich Fressanfälle, weil mein Körper nun glauben musste, die Hungersnot sei vorüber und schnellstmöglich Reserven anlegen wollte – für den Fall, dass ich auf die blöde Idee kommen könnte, ihm erneut jedwede Energiezufuhr vorzuenthalten.

Ich verlor völlig die Kontrolle, aber genau diese hat für Magersüchtige einen immens hohen Stellenwert. Also schlitterte ich in eine ausgewachsene Depression und wurde krankgeschrieben.

Zu dem Kontrollverlust gesellte sich nun das Gefühl, eine Versagerin zu sein. Es dauerte Monate, bis ich psychisch und physisch halbwegs wiederhergestellt war und erneut arbeiten konnte.

4.

Zwangsernährung? Nebensache!

Ebenso unrealistisch ist das Verhalten von Patientin Pearl, die zwangsernährt werden soll. In einer Gruppensitzung berichtet sie von ihrer Angst davor. Noch unglaubwürdiger: Dass sie die Kalorienanzahl der Nährstofflösung nicht kennt: 1500. Die schockierte Pearl steht nun am Rande eines Nervenzusammenbruchs, was sicher jeder Essgestörte nachempfinden kann – nicht aber, dass sie bereits wenige Szenen später wieder fröhlich mit den anderen beisammensitzt und eine Party plant.

Ansonsten ist das zwanghafte Kalorienzählen wohl die realistischste Darstellung im Film. Ellens Stiefschwester attestiert ihr treffenderweise "Kalorien-Asperger", weil diese ihr Abendessen aus dem Stand heraus exakt nach seinem Nährwertgehalt durchkalkulieren kann.

Ellen (r.) mit ihrer Stiefschwester und Mutter

Ellen (r.) mit ihrer Stiefschwester und Mutter (Bild: Netflix)

So war es bei mir:

Als ich noch "aktive" Magersüchtige war, habe ich mir stundenlang den Kopf darüber zerbrochen, ob ich es mir erlauben kann, einen verfluchten Cornichon zu essen. Immerhin (Achtung: Ironie!) schlagen die Gürkchen mit 37 kcal pro 100 Gramm zu Buche. Wenn ich die Dinger dann schließlich grammgenau auf meiner Küchenwaage abgewogen und gegessen hatte, lief ich eine Viertelstunde die Treppe rauf und runter, um die Kalorien wieder loszuwerden. Ich hatte teilweise schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich Cola Light trank (immerhin 0,2 kcal auf 100 ml).

Wären mir unfreiwillig täglich 1500 davon einverleibt worden, hätte man mir wohl Morphium daruntermischen müssen, damit ich nicht alles um mich herum kurz und klein schlage.

Warum ich so unbändige Angst davor hatte, auch nur ein einziges Gramm zuzunehmen?

Ganz ehrlich: Keine Ahnung. Aber allein der Gedanke daran ließ mein Herz rasen. Mit dieser irrationalen Furcht kann man halt besser leben als mit der Angst vor Essen.

5.

Man kann von Luft und Liebe leben!

Im Fokus von "To the bone" aber steht ohnehin nicht Magersucht, sondern das zarte Pflänzchen der Liebe, das zwischen Ellen und Luke aufkeimt. Der Zuschauer wird Zeuge, wie Ellen bei einem Restaurantbesuch mit ihrem Verehrer das bestellte Gericht zwar Bissen für Bissen zerkaut, vor dem Hinunterschlucken jedoch in eine Serviette spuckt, ohne dass sich die beiden Figuren davon in ihrer Turtelei stören lassen.

Luke und Ellen

Luke und Ellen (Bild: Netflix)

So war es bei mir:

Dass Ellen ausgerechnet in ihrer schlimmsten Krankheitsphase eine neue Liebe findet. Nun ja, dazu gehört wohl eine gehörige Portion Glück. Für meine eigene Beziehung war die Magersucht der Gnadenstoß und nichts hätte mir ferner gelegen, als mich auf die Suche nach einem neuen Partner zu begeben.

Wer mit Grippe im Bett liegt, hat ja auch keine Lust auf einen nächtlichen Streifzug durch die Clubs, oder? Und ich hatte eben "Grippe im Kopf" und war viel zu sehr mit mir selbst und meiner Genesung beschäftigt, um irgendein Interesse an amourösen Bekanntschaften zu entwickeln. Zumal mir auch klar war, dass jemand, der mich in meinem körperlichen Zustand attraktiv gefunden hätte, wohl selbst ein Problem haben musste.

Fazit:

"To the bone" ist eine Magersuchtgeschichte, die de facto nichts über Magersucht erzählt außer, dass Essen vermieden wird. Der Film gipfelt in einer hochnotpeinlichen Szene, in der die aus der WG zu ihrer Mutter geflohene Ellen in deren Schoß liegend mit einem Babyfläschchen gefüttert wird.

Unerwähnt bleiben nahezu sämtliche (leider) alltägliche Aspekte und Begleiterscheinungen der Anorexie: schmerzhafter Hunger, Sporteinheiten bis zum Kreislaufkollaps, Fressanfälle in Folge der Mangelernährung und deren verzweifelte Kompensationsversuche sowie die Körperschemastörung.

Ich selbst habe in den vergangenen zwölf Monaten rund zehn Kilo zugelegt und fahre gut damit:

Ein aktuelles Bild von Larissa

Ein aktuelles Bild von Larissa

Mein Zustand ist "stabil", aber ob ich geheilt bin, weiß ich (noch) nicht. Ich glaube, mit der Magersucht ist es genauso wie mit anderen Süchten auch. Ein Alkoholiker, der erfolgreich therapiert wurde, ist ja auch nach wie vor Alkoholiker – nur eben ein "trockener". Und ich werde vielleicht mein Leben lang eine Magersüchtige sein, aber eben eine "satte".

Das ist okay. Damit kann ich (über-)leben.

Wer wirklich eine Essstörung hat, sollte seine Zeit nicht mit diesem Film verschwenden, sondern sich Hilfe suchen.

Helfen bei einer Essstörung

Als Betroffener findet man hier bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung einen Überblick über deutschlandweite Beratungsangebote. Dort gibt es auch ein Beratungstelefon: 0221 - 89 20 31.

Auch als Freund oder Angehöriger findet man weitere Informationen bei der BZgA - und kann sich ebenfalls unter der Nummer melden.


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