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Menschenfleisch, Flüchtlinge, Container: So krass ist niederländisches Fernsehen

25.01.2016, 11:13 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Oder anders gefragt: Warum ist deutsches Fernsehen so langweilig?

In den Niederlanden leben knapp 17 Millionen Menschen. Trotzdem ist das Fernsehprogramm zwischen Maastricht und Groningen oft viel interessanter, mutiger und relevanter als im viel größeren Deutschland. Die niederländischen Sender stellen ein vielseitigeres Programm auf die Beine als ARD, RTL und ProSieben zusammen. Warum ist das so?

Kurz gesagt: Weil sich die Niederländer mehr trauen müssen und die Produzenten dort von vornherein an der Verwertung beteiligt werden. Und weil sie eine Wunderwaffe haben. Was das niederländische Fernsehen ausmacht:

1. Spannende Ansätze

Die niederländischen TV-Produzenten drehen so lang an Themen, bis sie einen Ansatz gefunden haben, der nicht nur informativ oder unterhaltsam, sondern mindestens beides ist. Spannende Formate, die den Zuschauer dabei auch noch neue Perspektiven oder Informationen vermitteln, sind das Ergebnis.

Zum Beispiel: "Rot op naar je eigen land"

Frei übersetzt heißt der Titel so viel wie "Verzieh dich in dein eigenes Land". Die erste Staffel der Realityshow lief Anfang 2015. Der Inhalt: Sechs Niederländer leben drei Wochen lang als Flüchtlinge. Sie "fliehen" die umgekehrte Route vom Amsterdamer Flughafen bis nach Jordanien. Seit Anfang Januar 2016 läuft die zweite Staffel der Sendung, dieses Mal mit sechs niederländischen Jugendlichen.

So kritisch man Programme wie dieses betrachten mag: Sie haben gesellschaftlichen Einfluss. Bereits vor der ersten Staffel "Rot op naar je eigen Land" gab es Stress: Mitglieder der rechtspopulistischen PVV (Partij voor de Vrijheid, Partei für die Freiheit) beschwerten sich, das Programm sei nur dazu da, PVV-Mitglieder zu beeinflussen und stellten parlamentarische Anfragen, um die Sendung zu stoppen (Evangelische Omroep). Eine der Teilnehmerinnen, die sich selbst als PVV-Anhängerin bezeichnet, sagte nachdem sie die Show vorzeitig verließ, sie fühle sich "arg manipuliert" (De Telegraaf).

Begleitet wird das Programm des Evangelischen Rundfunks von einem interaktiven Projekt, in dem jeder testen kann, ob er selbst (theoretisch) die Flucht schaffen würde. Mit großem, aber begrenztem Budget, meist mit Wahlmöglichkeiten irgendwo zwischen Tod und Verderben.

2. Originäre Programme

Es ist nicht so, als hätten die Deutschen kein Interesse an Unterhaltungsformaten. Nur: Im deutschen Fernsehen wird vor allem kopiert, eingekauft, abgewandelt.

Zum Beispiel: "Am laufenden Band"

Originaltitel der Spielshow aus den siebziger Jahren ist "Een van de acht" ("Einer von acht"). In der niederländischen (und später auch deutschen) Sendung treten mehrere Pärchen in drei Spielrunden gegeneinander an. Der Gewinner sitzt am Ende der Show vor einem Laufband, auf dem Gegenstände an ihm vorbeilaufen. Diese müssen sich gemerkt und anschließend dem Moderator (Rudi Carrell) genannt werden, um ebendiese Preise zu gewinnen.

Während Deutschland vor allem importiert, werden in den Niederlanden, Großbritannien und den USA neue Formate produziert. Die niederländischen Fernsehmacher schenkten uns so zum Beispiel die Formate "Big Brother", "Deal or no Deal", "Nur die Liebe zählt", "Voice of Germany" und "Newtopia".

Verantwortlich dafür ist unter anderem die Größe Deutschlands, erklärt Lothar Mikos, Professor für Fernsehwissenschaft an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Da Deutschland mit über 80 Millionen Einwohnern sowie Österreich und der deutschsprachigen Schweiz den größten Fernsehmarkt Europas bildet, seien Produzenten und Sender zum Teil selbstzufrieden. "In kleineren Ländern kann man qualitativ hochwertiges Programm nur machen, wenn man das auch ins Ausland verkauft." Es geht in den Niederlanden bei der Produktion von Sendungen also automatisch auch um internationale Vermarktung. "Das Fernsehen hat sich in den letzten Jahren zu einem globalen Markt entwickelt, das hat Deutschland leider ein bisschen verschlafen", sagt Mikos.

3. John de Mol

Die Niederländer haben eine Geheimwaffe: Sie ist 60 Jahre alt und der Bruder der Moderatorin und Schauspielerin Linda de Mol. John de Mol produziert seit Jahrzehnten ein erfolgreiches TV-Format nach dem anderen. Die Formate werden in den Niederlanden auf den Markt gebracht und, wenn sie gut laufen, international verkauft.

Zum Beispiel: "Dating im Dunkeln"

Originaltitel der Sendung ist "Daten in het Donker". Sechs Singles – drei Männer und drei Frauen – treffen sich in einer Villa, um sich kennenzulernen. Im Dunkeln. Ansonsten unterscheidet sich das Format nicht stark von anderen Kuppelsendungen – gibt aber nebenbei wenigstens Ansätze für Antworten auf die Frage, welche Rolle das Aussehen bei zwischenmenschlicher Anziehungskraft spielt.

Eigentlich kein besonders experimentelles Format. Mit anderen Ideen wagte John de Mol weißlich mehr – wie er selbst auch bemerkt: "Wenn ich auf meine Welthits zurückschaue, erinnere ich mich immer an eines, nämlich an die Frage vieler Programmdirektoren: Meinst du das ernst?" (Zeit). Mit Welthits meint De Mol "Big Brother" und "The Voice", zwei Formate, die er auf der ganzen Welt verkaufen konnte.

De Mols Produktionsfirma Endemol ist der zweitgrößte TV-Produzent der Welt. Der Jahresumsatz der gesamten Endemol Gruppe, die in 31 Ländern produziert, lag 2013 bei mehr als 1,2 Milliarden Euro (Timmy Ehegötz: Internationaler Lizenzhandel mit Fernsehformaten).

In Deutschland haben wir keinen John de Mol. Neues kam hier vor allem von einer Seite: Die Firma "Brainpool" produzierte zum Beispiel "Schlag den Raab", was mit dem Titel "Beat Your Host" in die USA und diverse andere Länder verkauft wurde (bpb). Aber: Ob Brainpool weiterhin Erfolg haben wird, nachdem Stefan Raab nun weg ist, ist fraglich. Außerdem erfolgreich sind derzeit Sendungen von und mit Jan Böhmermann, Joko und Klaas oder Palina Rojinski. Jedoch seien diese "nicht international verkäuflich, weil die Formate sehr stark personalisiert, sehr auf die jeweiligen Moderatoren" ausgerichtet seien, sagt Mikos.

Auch an den Boom von Qualitätsserien, den es in den USA seit der Jahrtausendwende gibt, könne Deutschland nicht anschließen. "Das hat 15 Jahre gedauert bis man in Deutschland darauf gekommen ist, das hier auch zu versuchen", sagt Mikos. Die Ergebnisse, “Weinberg”, “Morgen hör ich auf” oder “Die Stadt und die Macht”, laufen entweder auf fast gänzlich unbekannten Spartensendern oder werden als dermaßen revolutionär angepriesen, dass sie die Erwartungen nicht erfüllen können.

4. Produzentenbeteiligung

Seit 2000 gibt es die "Format Recognition and Protection Association" (FRAPA) – ein internationaler Verband für Urheber von Fernsehformaten. Sozusagen das Patentamt für TV-Sendungen. Seit 2005 analysiert die FRAPA regelmäßig den weltweiten Markt und veröffentlicht die Ergebnisse im FRAPA-Report. Die letzte Analyse aus dem Jahr 2009 zeigte: Großbritannien exportierte in den Jahren 2006-2008 die meisten Formate, gefolgt von den USA, den Niederlanden und Argentinien. Deutschland importiert hingegen weit mehr, als es exportiert. (Abstract des FRAPA-Reports 2009, PDF)

Ein Grund dafür, dass Deutschland weniger experimentiert und exportiert als andere Länder, liegt im System. In Deutschland verkaufen Produzenten ihre Formate an Sender und lassen sich dafür bezahlen. In anderen Ländern müssen Produzenten selbst Geld in ihre Projekte investieren und werden dafür später am Gewinn beteiligt. Außerdem behalten sie die Rechte an den Formaten. "Warum sollte sich ein deutscher Produzent noch dafür interessieren, was mit dem Format passiert, wenn er davon keinen Vorteil hat?" fragt Mikos. In England sei das früher auch so gewesen – nachdem das System vor zehn Jahren geändert wurde, boomt der britische Fernsehmarkt.

5. Schock

Die Niederländer wissen zu schocken.

Zum einen mit Sendungen wie "De grote Donorshow" ("Die große Spendenshow"), die internationales Aufsehen erregte: Eine Spielshow, in der mehrere Kandidaten um eine Spenderniere kämpften. Das Spektakel entpuppte sich im Nachhinein als Fake, der eigentlich Zweck der Aufzeichnung bestand darin, Aufmerksamkeit für Organspende zu erregen – und erreichte dieses Ziel.

Wobei die Fernsehmacher manchmal auch über das Ziel hinausschießen – so wie Dennis und Valerio, die beiden Moderatoren der Sendung "Proefkonijnen" ("Versuchskaninchen"). Die niederländischen Joko und Klaas brachen das Kannibalismus-Tabu und aßen sich in ihrer Sendung gegenseitig. Dafür ließen sie sich ein kleines Stückchen Fleisch entfernen:

Wenn sie sich nicht gerade kannibalisieren, bauen sie Hovercrafts, zeigen, wie man umzieht, ohne die Treppe zu nehmen – und wollen wissen, wie schmerzhaft Wehen sind. Aber anders als Joko und Klaas erzählen sie nicht nur Witze, betrinken sich und interviewen Stars, sondern trauen sich auch etwas. Mal mehr, mal weniger geschmackvoll.

6. Schadenfreude

Ein weiterer Unterschied der Deutschen gegenüber anderen Fernsehnationen: Sie erfreuen sich nicht so sehr am Ärger anderer. Mit Schadenfreude könne "man in Deutschland nichts anfangen", sagt Mikos. Das deutsche Fernsehpublikum sei in weiten Teilen humorfrei und könne nicht so gut mit internationalen Formaten. "Eine Ausnahme ist vielleicht das Dschungelcamp, das sehr erfolgreich in Deutschland läuft."

Dabei war das mal anders: In den achtziger Jahren gab es diverse "Skandalformate" im deutschen Fernsehen. In der ARD lief "4 gegen Willi" mit Mike Krüger, wo einmal das Auto eines Kandidaten zertrümmert wurde. In Jürgen von der Lippes "Donnerlippchen" ging es um nichts anderes als Schadenfreude gegenüber den Kandidaten. In den Neunzigern wurden bei "Showlympia" Kandidaten unter Strom gesetzt, bei der "Glücksspirale" sollten die Teilnehmer ihre Phobien überwinden. Sowohl "Showlympia" als auch "Glücksspirale" wurden von Endemol produziert. (bpb)

Kann sich das deutsche Fernsehen ändern?

Die Sicherheitstour, die das deutsche Fernsehen fährt, wird sich so schnell nicht zur rasanten Achterbahnfahrt entwickeln.

"Ein Land, das immer noch stolz ist auf irgendwelche Dichter, die zweihundert Jahre tot sind, hat es im Prinzip nicht anders verdient", sagt Mikos. Die Deutschen seien unterhaltungsfeindlich. Weil sie die "böse Entertainment-Industrie aus den USA" verteufelten, "obwohl die meisten Formate ja gar nicht aus den USA kommen" – und weil sie der Meinung seien, "man müsse als Bildungsbürger seinen Opern- oder Theaterbesuch vor sich hertragen".

Trost bietet vor allem ein Gedanke: "Für eine jüngere Generation von Zuschauern ist das aber ohnehin alles egal, die gucken sich auf Netflix an, was sie wollen", sagt Mikos.