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Fleabag ist zynisch, unsympathisch und direkt – und trotzdem lieben wir sie

07.02.2017, 16:33

"Ich bin moralisch bankrott"

Läuft nicht so für Fleabag. Der Sex mit dem Freund ist mittelmäßig, lieber masturbiert sie zu Reden von Barack Obama oder sucht sich Seitensprünge. Ihr kleines Café in London macht Miese, weil ihre wenigen Kunden W-Lan wollen und keine teuren Kuchen. Und der Tod ihrer allerbesten Freundin macht alles noch viel schlimmer. Aber: Sie hat ein Meerschweinchen.

Die riesengroße Zynikerin, Anti-Heldin der Serie "Fleabag" auf Amazon Prime, verliert ihre einzige Vertraute und muss sich alleine durchschlagen. Verzweifelt sucht sie nach Ablenkung. Der Konflikt mit ihrer Patentante, der neuen Frau ihres verwitweten Vaters ist so eine Ablenkung. Und zufällige Bekanntschaften im Bus. Nur ihre Beziehung zum Meerschweinchen scheint einigermaßen unkompliziert.

Dass Fleabag immer sofort alles ungefiltert raushaut, was ihr in den Kopf kommt, macht sie nicht gerade sympathischer. Noch dazu spricht sie mit uns. Selbst beim Analsex kommentiert sie direkt in die Kamera.

Hier ist der Trailer:

Das ist fies. Auch President Underwood in "House of Cards" oder Elliot in "Mr. Robot" sprechen uns als Zuschauer direkt an. Fleabag aber belässt es nicht dabei, ein paar Szenen zu kommentieren. Einerseits ist sie der ehrliche Freund, der uns ins Vertrauen zieht, und sagt, was man eigentlich nicht sagt. Andererseits will sie uns ständig einreden, dass alles mit ihr in Ordnung ist.

Nichts ist in Ordnung mit Fleabag. Gar nichts.

Sie sei eine "gierige, perverse, selbstsüchtige, abgestumpfte, zynische, verkommene, moralisch bankrotte Frau", stellt sie in der ersten Folge ganz selbstkritisch fest. Mit einem Hang zum Narzissmus, könnte man noch hinzufügen, aber eben nur einem Hang: Denn das ist ihre große Verzweiflung, sie will sich ändern, aber weiß nicht wie. Stattdessen bricht dauernd alles über ihr zusammen.

In der Slideshow kannst du dir ansehen, wie "Fleabag" aussieht:

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Was ist ihr Problem, fragt man sich als Zuschauer oft. Und: Wie kann man nur so sein?

Die Antwort steckt irgendwo zwischen Fleabags vielen neurotischen Anfällen, den schrecklichen Abendessen bei ihrer Familie, den Flashbacks und ihrer generellen Orientierungslosigkeit. Denn: Fleabag trauert um ihre Freundin, sucht verzweifelt nach Anschluss, nach einer ehrlichen Verbindung.

Warum will man sich das trotzdem anschauen?

Die 31-jährige Phoebe Waller-Bridge spielt nicht nur die neurotische und verzweifelte Fleabag, sie hat sich alles ausgedacht. Erst war "Fleabag" ein Bühnenprogramm, dann wurde daraus eine insgesamt sechsteilige Mini-Serie für die BBC, die schließlich von Amazon Prime gekauft wurde.

Das heißt: Erst war der Stoff da, kompromisslos, echt, als Ein-Frau-Bühnenshow, dann die Verfilmung. Das trägt sicherlich dazu bei, dass "Fleabag" als Serie so anders und einzigartig wirkt. Sie hat Fleabag mit dem unerschütterlichen Verlangen ausgestattet, zu sagen, was man nicht sagt, und zu tun, was man nicht tut. Zumindest nicht öffentlich.

Wie Louis C.K. sucht auch Phoebe Waller-Bridge nach den unangenehmen Momenten und den Tabus, die in anderen Serien ausgeblendet werden – und stürzt sich darauf. Ein Beispiel: Als Fleabag und ihre anstrengende Karriere-Schwester bei einem Frauenforum gebeten werden, die Hand zu heben, wenn sie fünf Lebensjahre freiwillig eintauschen würden für den perfekten Körper, melden sich beide. "Wir sind beschissene Feministinnen", kann Fleabag nur noch feststellen.

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Die ständigen Grenzüberschreitungen, das hohe Tempo und Phoebe Waller-Bridge machen "Fleabag" zu einem Vergnügen. Dabei ist "Fleabag" nicht die britische Version der Erfolgsserie "Girls", in der sich Lena Dunham und Freundinnen das Leben schwer machen.

"Fleabag" gehört in eine Reihe mit "Broad City", "Better Things" und "You're the Worst", einer neuen Generation von Comedy-Serien, die noch direkter, schonungsloser und echter sind. Eine zweite Staffel ist in Planung, Gott sei Dank.

(Außerdem: Fleabag hat ein Meerschweinchen!)


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