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Wie Israelis auf Reisen eskalieren, um ihren Wehrdienst zu verarbeiten

23.11.2016, 10:56 · Aktualisiert: 24.11.2016, 10:12

Tal hat gelernt, überall zu schlafen, im Sitzen, für Sekunden, im Stehen, sogar als er seinen Trupp am helllichten Tag querfeldein führen musste, ist er plötzlich aufgewacht und konnte sich nicht erinnern, wie er die letzten zwei Kilometer marschiert war. "Es gibt zig Fotos von mir, die mich in jeder erdenklichen Pose beim Schlafen zeigen", sagt er. Kurzgeschorene Haare, Uniform der israelischen Armee, auf manchen Bildern lehnt eine M16 zwischen seinen Beinen.

Tal ist 24 Jahre alt und steht jetzt an einem einsamen Strand auf Santa Cruz, die zweitgrößte der Galapagosinseln. Seine Haut ist braungebrannt, seine Haare lockig, er trägt Flipflops und ein ärmelloses Shirt, um den Hals eine Spiegelreflexkamera. Eigentlich sieht er aus wie jeder andere Reisende. Und doch es gibt einen Unterschied.

Viele Backpacker, egal welcher Nationalität, feiern in der Ferne hart, nehmen Alkohol, Drogen und Pilze, sie genießen die Freiheit – und benehmen sich manchmal daneben. Wer angeblich noch mal härter feiert: junge Israelis.

In einigen Unterkünften haben sie Hausverbot ("Haaretz"). In der argentinischen Kleinstadt Bariloche, wo Israelis zehn Prozent der lukrativen Touristenbesuche ausmachen, kam es 2014 sogar zu einem hetzerischen Boykott-Aufruf: "Juden raus aus Patagonien", ("Guardian") war hier auf Zwei-Peso-Scheinen gestempelt.

Das wohl bekannteste Negativ-Beispiel: Im März 2014 werden mehr als 60 junge, größtenteils israelische Backpacker verhaftet, weil sie eine Orgien-Party in Sacsahuamán, einer Inka-Festung in Peru, gefeiert haben. Gefunden wurden nach Behördenangaben Alkohol, Kokain und Marihuana ("Peruvian Times"). Tal sagt: "Ich kenne Fälle, da mussten die Eltern quer über den Ozean fliegen und ihre Kinder wieder einsammeln."

Bereits 2007 rief die israelische Botschaft in Indien – einem der beliebtesten Ziele israelischer Backpacker – die Touristen auf, ihr Land in der bestmöglichen Weise zu repräsentieren ("Ynetnews"). Die israelische Tageszeitung Haaretz veröffentlichte mehrere Appelle von Landsleuten: "Wenn ihr euren Trip plant denkt bitte daran, dass ihr zurück nach Israel geht, aber wir sind diejenigen, die hierbleiben und mit den Nachwirkungen eures Besuchs umgehen müssen", schreibt die in Chile lebende Michelle Hites. ("Haaretz")

Gilt das wirklich so pauschal? Eskalieren Israelis härter als andere Reisende? Oder beruht dieser Vorwurf nicht – wie so oft – auf Antisemitismus?

Offizielle Zahlen oder Statistiken gibt es natürlich nicht. Tal aber ist sich sicher, dass da was dran ist. Er glaubt auch zu wissen, warum: Viele verarbeiten so, was sie vor der Reise erlebt haben.

Vor ihren Reisen haben diese jungen Menschen ihre Wehrpflicht absolviert, die Frauen meist zwei und die Männer drei Jahre. 50.000 Israelinnen und Israelis beenden den Dienst jedes Jahr. Das erste Mal in ihrem Leben ohne Schule, Eltern, Gehorsam, Regeln, Waffen. Und ohne Krieg. Keine 22-Stunden-Schichten mehr, Märsche, die ihnen die Knie zerstören, Explosionen, deren Knall man nie wieder vergisst, Kameraden, die sich die Pulsadern aufschlitzen, Mütter, die am Telefon weinen.

Die Reise nach der Armeezeit ist fester Bestandteil der israelischen Kultur:

In großen Gruppen reisen jährlich Tausende Israelis mit dem Rucksack durch Südamerika. Mochileros, spanisch für Backpacker, wie man sie hier nennt. Begonnen hat es in den Siebzigerjahren, nach dem Yom Kippur Krieg. Seitdem hatte jede Generation ihren eigenen Krieg, ihre eigene Reise. Backpacking wurde immer populärer, seit die Globalisierung reisen einfacher macht und die israelische Wirtschaft boomt.

Diese vier Jahre haben mir auch einen Teil meiner Jugend genommen.
Tal

Tal ist nach der Armee nach Island aufgebrochen, Italien, weiter durch Europa, dann Südamerika. Später wird er noch in die USA fliegen und ein paar Monate in London leben. Drei Jahre war Tal Soldat, später noch rund ein Jahr Offizier. "In diesen vier Jahren bin ich schnell erwachsen geworden, reifer. Aber diese vier Jahre haben mir auch einen Teil meiner Jugend genommen", erzählt er. "Du musst auf Leute aufpassen, wie sie pissen, schlafen, essen, alles. Davon kommst du nicht als Kind wieder."

Tal und Roey

Tal und Roey

Auf manchen Abschnitten seiner Reise ist Tal allein unterwegs, andere bereist er mit seinem besten Freund Roey. Der hat in Israel an der Grenze gearbeitet. "Sein Job war der schlimmste der Armee", meint Tal.

"Den ganzen Tag – in der Nacht, am Morgen, am Nachmittag, bei 37 Grad, bei null Grad – stehst du am Checkpoint und triffst Menschen. Von beiden Seiten, arabisch und israelisch. In dieser Welt sind die Leute nicht besonders freundlich. Wenn sie dich beschimpfen, schreist du nicht zurück, sondern bleibst höflich. Es ist verdammt nochmal nicht einfach, da drei Jahre lang menschlich zu bleiben."
Roey, damals noch bei der Armee

Roey, damals noch bei der Armee

Er vergleicht es mit einem spitzen Bleistift, mit dem zu lange geschrieben wurde. Irgendwann stumpft man ab, oft leiden Soldaten nach dem Krieg auch an psychischen Problemen, natürlich nicht nur in Israel. So kehren in den USA laut Schätzungen zwischen zehn und 25 Prozent der amerikanischen Soldaten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung aus dem Irak oder Afghanistan zurück. (SPIEGEL ONLINE)

Roey ist in Europa von Belgien nach Holland und weiter nach Deutschland gereist. "Dort gibt es quasi keine Grenzen, keine Zäune. Nur ein Schild, das die Länder voneinander trennt", erinnert er sich. "Und ich dachte 'Oh mein Gott, das ist wunderschön, das will ich auch.'"

Was sie denken, wenn sie auf europäische, amerikanische oder australische Leute ihres Alters treffen? "Klar, wir glauben, dass wir reifer sind, weiter entwickelt als all die, die nicht zum Militär mussten. Aber wir sind froh um die Erfahrungen, die wir gemacht haben." Und sie fühlen sich verpflichtet, für ihr Land da zu sein.

Seine Geschichten von der Armee helfen, zu verstehen. Und Tal erzählt viel. Lediglich wenn das Gespräch auf seinen Bruder kommt, der im Krieg in Panzern gedient hat, sagt er nur eins: "Krieg ist eine furchtbare Sache". Dann bleibt er still.

"Klar, wenn ich die Wahrheit sagen soll, in einer anderen, einer besseren Welt, hätte ich mir gewünscht, nicht so schnell erwachsen zu werden."

Die Siedlerin: Warum eine deutsche Jüdin im Westjordanland lebt. Wir haben sie getroffen:

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