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Quer durch das amerikanische Heartland: Eine Reise mit dem Zug ist der bessere Roadtrip

03.02.2016, 16:03 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Nackte Hintern, viel Zeit und Bob

Zwei Jahre Masterstudium in den USA sind vorbei, endlich scheinfrei. Meine Freundin Betty und ich sitzen im Coffeeshop vor den Laptops und planen die Freiheit. Einmal quer durchs Land, vom Osten ganz rüber an die Westküste – bevor unsere Visa ablaufen.

Also ein Auto mieten, Sachen in den Kofferraum werfen und dann ganz gemütlich losfahren? Eigentlich nicht. Wir wollen nicht stundenlang am Steuer sitzen, auf leere Straßen schauen und in Dauerschleife "I would walk 500 miles" singen. Roadtrip kann jeder.

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Was bleibt? Eine Reise auf Schienen, quer durch die Staaten – von Chicago nach San Francisco. Unsere amerikanischen Freunde sind skeptisch: Why don’t you just fly?

1.Tag, Heartland = Flyover Land?

(Bild: Google Maps)

"Flyover Land" nennen die Amerikaner stiefmütterlich fast alle Bundesstaaten, die nicht direkt an der Küste liegen. Iowa, Nebraska, Missouri, Kansas und so weiter, flach, weit und jede Menge Getreide. Angeblich gibt es da so wenig zu sehen, dass man lieber drüber fliegt. Alles Quatsch.

Wir wollen dem Heartland seine Geheimnisse entreißen.

Der Zug ist das Ziel

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Für die nächsten Tage wohnen wir im California Zephyr. Ohne Pausen dauert der ganze Trip von Chicago nach San Francisco etwa 53 Stunden.

Wir sichern uns einen der begehrten Plätze im voll verglasten Panoramawagen. Mit uns fahren: viele Rentnergruppen, rechts von mir ein junges, schüchtern lächelndes amisches Mädchen, links ein braun gebrannter Mann mit tiefen Falten, er sieht aus wie ein Truckdriver.

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Alles Typen von Menschen, die mir in den vergangenen zwei Jahren in diesem Land selten begegnet sind. Ich denke zurück an die Großstädte an der Ostküste, in denen alle permanent zu rennen scheinen, mit Laptop unterm Arm und Smartphone am Ohr. Ganz anders im Zug: kein Internet, kein Telefon. Wir müssen nirgendwo ankommen. Aus dem Fenster gucken reicht.

2. Tag, Boulder – meeting Odin

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Denver erreichen wir nach 20 Stunden im Zug. Hallo Colorado! Wir brechen auf ins benachbarte Boulder, eine Kleinstadt, in der die Locals gerne (legal) ein wenig Gras konsumieren, tagsüber klettern gehen und abends auf der Straße tanzen.

In der Küche unserer Unterkunft schreddert Gastgeber Odin gerade Mungo-Bohnen für seine veganen Pancakes. Odin ist Ende 20, Künstler und hat vor Kurzem sein Studium abgebrochen, um an seinem "Degree in Life" zu arbeiten. Das heißt: Yoga statt Vorlesung, selbst gezüchtetes Gemüse statt Mensa. Das nötige Taschengeld verdient er als AirBnB-Gastgeber. Schlüssel bräuchten wir für das Haus nicht – Boulder ist sicher, die Community vertraut sich, die Haustüren sind immer offen.

3. Tag, Rocky Mountains: Im Schritttempo auf 2800 Meter

Unsere Fahrt zwischen Denver und Grand Junction, Colorado, führt direkt durch die Rocky Mountains. Im Schritttempo windet sich der Zug in die Berge bis die Ebene hinter uns verschwunden ist, nur wenige Zentimeter trennen uns und die Felswände. Hier, wo es kaum Straßen gibt, klettert der Zug langsam auf 2800 Meter. Statt grünen Feldern sehen wir nun schneebedeckte Berge.

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Als wir langsam den Abstieg beginnen, schlängelt sich der Zephyr am Colorado River entlang, alle zwanzig Minuten wechselt die Landschaft. Wir bestaunen bewachsene Kliffe, kleine Bergdörfer, rote Canyons und verpassen den Blick auf einen Braunbären.

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Mooning the Train

Dann beginnt der Full-Moon-Abschnitt des Flusses. Kinder sollen bitte ab jetzt nur noch auf der rechten Seite aus dem Zug schauen, plärrt eine Stimme durch den Zug. Keine Ahnung, was das bedeuten soll.

Wir nähern uns einem Schlauchboot, das ist vollgepackt mit Campingausrüstung, Bier und Jungs. Als sie den Zug bemerken, springen sie auf und ziehen ihre Hosen runter. Fünf nackte, kreideweiße Ärsche wackeln uns entgegen. "Mooning the Train" heißt diese Tradition. In den folgenden Stunden sehen wir mehr nackte Hintern als in den vergangenen zwei Jahren. Wir holen uns ein Bier und genießen die Aussicht.

Flickr-Nutzer Steve hat die Szenerie am Fluss glücklicherweise eingefangen. (Bild: Flickr, Loco Steve, CC-BY 2.0)

Und dann kam Bob

Bob sieht mit seinen weißen Haaren und dem Vollbart aus wie ein freundlicher Weihnachtsmann. Im Zug sitzt er neben uns. Bald wissen wir, dass er eigentlich National Park Ranger ist. Und ehemaliger Professor für Vogelkunde. Mit einer Geduld, die nur ein Lehrer haben kann, erzählt Bob über die Bedeutung der historischen Bahnroute und die Herausforderungen beim Bau der Strecke, zeigt auf Pflanzen und Tiere. Wir verstehen uns blendend. Schließlich bietet Bob an, uns am nächsten Tag den Nationalpark zu zeigen.

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4. Tag, Grand Junction – nur wir und die Vögel

Punkt 8 Uhr am nächsten Morgen stehen Bob und seine Frau vor unserer Unterkunft, in der Hand eine Schale gepflückter Erdbeeren aus ihrem Garten. Wir sind in seinem Heimatort Grand Junction ausgestiegen.

Bob ist Mitte 70, den Gesang der Vögel bestimmt er trotzdem per Vogelgesangs-App. Ich wusste nicht einmal, dass es so etwas gibt. Bob kennt die Vögel hier genau, lässt die App abwechselnd das Paarungs- und Das-hier-ist-mein-Revier-Gezwitscher abspielen. Und tatsächlich: Die Vögel singen zurück. Den ganzen Tag. Ob wir Bob auch auf einem Roadtrip kennengelernt hätten?

Das Ende des Regenbogens

Am Abend besteigen wir wieder unseren Zug, 18 Stunden trennen uns von unserem nächsten Stop im Golden State California. Man sieht dem Zephyr an, dass er schon länger unterwegs ist. Das Klopapier ist alle, Chipstüten liegen auf den Sitzen, der Boden klebt. Draußen regnet es in Strömen und in wenigen Minuten wird aus dem staubigen Boden vor dem Fenster ein Meer aus rotem Matsch.

In den nächsten Stunden durchqueren wir Utah und Nevada. Zusammen sind die beiden Staaten deutlich größer als Deutschland, trotzdem ist der Zephyr quasi der einzige Personenzug, der hier fährt.

Dann, ganz plötzlich, reißt der Himmel auf, mitten im Nirgendwo finden wir das Ende des Regenbogens.

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5. Tag, Truckee – trampen mit Eric

Nach der zweiten Nacht im Zug erreichen wir Truckee, einen kleinen Ort im Osten Kaliforniens. Wir wollen nach Lake Tahoe, dort wartet ein Bett auf uns. Der einzige Weg wenn man nicht knapp zwei Stunden mit einem Linienbus fahren will: trampen. Eine Fortbewegungsart von der uns eine besorgte Frau im Zug strengstens abgeraten hat:

"Do not ever get into a stranger’s car, it’s way too dangerous. There are so many kidnappings in the US. Are you crazy? People here own guns!"

(Bild: favoriteplaces)

Den Daumen strecken wir trotzdem raus. Schon nach drei Minuten hält ein großer weißer Pickup. Eric ist Fensterputzer und nimmt uns mit. Allerdings nur, wenn wir hinten sitzen und die Rucksäcke auf die Ladefläche werfen, auf dem Beifahrersitz sitzen seine beiden Dackel.

Fast bis nach San Francisco

Am Nachmittag sitzen wir am Strand und blicken auf den See, als Bettys Handy klingelt: Es ist Amtrak, die Zuggesellschaft. Unser Zephyr für den nächsten Tag ist jetzt schon mit sieben Stunden Verspätung unterwegs. Ersatzzüge gibt es nicht. Das Problem: Wir sind mit Freunden in San Francisco verabredet. Damit unser Treffen nicht platzt, gibt es nur einen Möglichkeit: Wir müssen umbuchen. Unsere Abenteuer-Zugfahrt endet ausgerechnet in einem Bus.

Gelohnt hat es sich trotzdem.

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