Bild: bento

Trip

Zwischen Kotze und Koks: Wie es sich anfühlt, mitten auf St. Pauli zu wohnen

28.10.2017, 17:41 · Aktualisiert: 01.11.2017, 15:13

Es ist Samstagnacht, ich liege im Bett.

Vor meiner Haustür wird die wohl größte Party der Stadt gefeiert. Ich höre, wie Glasflaschen zerschlagen, Musik dröhnt durch das Fenster. Die "99-Cent-Bar" und das "Harpers One" wechseln zwischen Rammstein, Paul Kalkbrenner und Helene Fischer.

Für mich ist das ein normaler Abend auf St. Pauli. Seit eineinhalb Jahren wohne ich mitten auf dem Kiez in Hamburg.

Die Reeperbahn ist gleich um die Ecke, genau wie die Herbertstraße, eine der berühmtesten Prostitutionsmeilen Deutschlands.

Wenn ich erzähle, dass ich hier lebe, gucken mich die Leute oft erstaunt und ungläubig an und wollen alles über meine Nachbarschaft erfahren. Ich sag's euch!

1. Das Leben hier ist Volume 100.

Hunderte Menschen drängen sich abends durch meine Straße. Betrunkene Touristen aus England oder Bayern, Teilnehmer von Junggesellenabschieden, Obdachlose, gerade Volljährige, die zum ersten Mal in ihrem Leben richtig feiern.

Die Gerhardstraße – hier leb ich!

Die Gerhardstraße – hier leb ich! (Bild: bento / Dilan Gropengiesser)

Wer auf dem Kiez wohnt, darf nicht nach Ruhe streben. Man kann sich der Beschallung unmöglich entziehen. Denn wenn Justin Bieber gerade mal nicht durch die Straße trällert, dann brüllen sich zwei Leute vor einer Kneipe so laut an, dass ich in meiner Wohnung jedes Wort verstehe.

Doch dass keiner was gegen die Lautstärke tun kann, hat auch was Gutes: Wenn du selbst mal einen drauf machen willst, verbietet dir das niemand.

Wenn ich erzähle, dass ich hier lebe, gucken mich die Leute oft erstaunt

Ohne die Nachbarn um Erlaubnis bitten zu müssen, feiern wir Partys mit riesiger Anlage – bis sieben Uhr morgens. Als es das eine Mal doch klingelte, und wir kurz erschraken, war es nur der Nachbar von unten: Er wollte wissen, wie das Set des DJs heißt, der gerade das ganze Haus beschallt.

2. Das Leben hier ist zum Kotzen.

Wenn ich das Haus verlasse, stehe ich meistens inmitten von Touris. Sie alle wollen die Bar von Olivia Jones sehen, die in unmittelbarer Nähe liegt. Trete ich aus der Tür, mustern mich die Menschen sehr interessiert. Denn offensichtlich passe ich mit Jeansjacke und dickem Schal so gar nicht ins Bild.

Direkt nebenan: die Herbertstraße.

Direkt nebenan: die Herbertstraße. (Bild: bento / Dilan Gropengiesser)

Wenn gerade keine Touristen da sind, empfängt mich ein Mann in Ledertanga, der mit Seilen an eine Tafel gekettet ist. Oder ich kollidiere beinahe mit einer Prostituierten, die gerade einen Geschäftsmann zum Weinen bringt.

Aber vor allem trete ich wirklich sehr oft fast in Kotze. Jeden Morgen aufs Neue. Gelbe Kotze, rote Kotze – mit und ohne Nudeln. Und ich frage mich wieder und wieder: Warum kommen die alle in genau meinen Hauseingang, um sich zu übergeben?

Gelbe Kotze, rote Kotze – mit und ohne Nudeln

Einmal saß ich abends am offenen Fenster und bekam die Antwort. Wer von dem vielen Alkohol kotzen muss, sucht Sichtschutz. Und den findet er eben direkt vor meiner Tür. Da liegt das Restessen dann – immer schön zum Reintreten.

3. Das Leben hier ist aggressiv.

Es war die Nacht nach dem G20-Gipfel. Ich hatte den ganzen Tag gearbeitet, legte mich direkt müde ins Bett, als ich nach Hause kam.

Unten fingen mal wieder welche an, sich zu streiten. Die Schreie wurden so laut, dass es selbst für St. Pauli ungewöhnlich war. Ich kletterte aus dem Bett und setzte mich auf die Fensterbank.

Draußen, in der Dunkelheit, standen etwa 30 Männer mit Glatze und Baseball-Schlägern. Ihnen gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, stand eine Gruppe des Schwarzen Blocks.

Über Minuten hinweg schlugen sie gegenseitig aufeinander ein. Ich sah mir das kurz an, dann rief ich die Polizei, drei Minuten später kam sie vorbei und löste die Schlägerei auf.

Doch diese entfesselte Wut, mitten in meiner Nachbarschaft, ließ mich in dieser Nacht kaum einschlafen. St. Pauli heißt auch, manchmal wach zu liegen und über die Krawalle nachzudenken, die man gerade live miterlebt hat.

Übrigens: Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass sich unten auf der Straße die Türsteher St. Paulis formiert hatten, um in Selbstjustiz den Schwarzen Block zu vertreiben. Denn der war schlecht fürs Geschäft.

Und das hier sind übrigens die letzten Meter meines Nachhauseweges:

Video-Player wird geladen...

4. Das Leben hier ist liebevoll.

Dass ich die Liebesspiele vieler Nachbarn von gegenüber ständig beobachten kann, ist wohl ihrem fehlenden Sinn für Privatsphäre zuzuschreiben.

Doch ich kann nicht sagen, dass mich das stört. Immer wieder schaue ich hin – lässt sich das überhaupt vermeiden?

Die Leute treiben es auch auf den Fensterbänken.

Einmal ging es in gleich drei Wohnungen gleichzeitig ab: Im dritten Stock saß ein Mann frontal zum Fenster auf der Couch und verhalf sich selbst zu orgastischen Höhenflügen. In der Wohnung darüber rannte ein älteres Ehepaar nackt durch die Bude. Und weiter unten beglückte eine junge Frau einen jungen Mann mit einem Oralspiel.

Warum das alles in diesem Haus passiert, ist mir schleierhaft, denn hier ist ausnahmsweise mal kein Bordell.

5. Ich mag das Leben hier.

Wenn ich alle diese Geschichten von meinem Leben neben der Reeperbahn erzähle, fragen mich manche Leute: Warum ziehst du nicht weg?

Ich führe eine Beziehung zu St. Pauli – und wie in einer Beziehung erlebe ich in diesem Viertel Höhen und Tiefen.

Leben in Pauli: Höhen und Tiefen.

Leben in Pauli: Höhen und Tiefen. (Bild: Getty Images)

Pauli ist oft grau und hässlich. Ich sehe, wie Menschen sich für Sex verkaufen. Ich sehe leere Gesichter und Menschen ohne Perspektive. Ich sehe, wie Drogen Monster aus uns machen können.

Und trotzdem liebe ich es hier.

Denn St. Pauli ist ehrlich. Das hat auch mir geholfen, authentischer zu werden – und entspannter. Ich erfahre hier, wie Lebenswege verlaufen können, und jetzt wird es kitschig, aber genau das hilft mir, mich darauf zu besinnen, was mir in meinem eigenen Leben wichtig ist.

Dennoch weiß ich, dass ich hier nicht alt werden möchte. Eines Tages werde ich Pauli verlassen. Bis dahin prägt mich die Zeit zwischen aufregenden Partys und elendigen Kiez-Geschichten – was ich hier erlebe, wird mich für immer begleiten.


Today

Zeitumstellung: Schlaf ich jetzt eine Stunde länger oder eine Stunde kürzer?

28.10.2017, 17:14 · Aktualisiert: 01.11.2017, 15:12

Zweimal im Jahr das gleiche Problem: Wie war das jetzt noch gleich mit der Zeitumstellung? Ist die Nacht eine Stunde kürzer oder länger?

Mit diesen Eselsbrücken merkst du dir das jetzt ein für alle Mal. Versprochen!