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03.07.2018, 15:27

Es war mal wieder einer dieser Tage, an denen ich mir vorgenommen hatte, auszumisten. Mit Putzmontur und großen Müllsäcken machte ich mich ans Werk. Schritt für Schritt füllten sie sich mit alten Klamotten, Unterlagen aus Schulzeiten und ungeliebten Fehlkäufen, die seit Jahren in kleinen Kisten verstaut blieben.

Als ich mich langsam in die hinteren Ecken meiner Schubladen vorarbeitete, entdeckte ich eine weitere Kiste. Ihr Inhalt: Postkarten. Sehr viele Postkarten.

Sofort war mein Putzstress verflogen und räumte den Platz für ein wohliges Gefühl.

Es war ein bisschen – als wäre ich auf ein altes Fotoalbum gestoßen. Ich vergaß das Chaos um mich herum, setzte mich auf den Boden und sah sie mir an. Mit den Jahren hatte sich ein riesiger Stapel aus kleinen und großen, mit Glanz veredelten oder selbst gebastelten Gruß– und Postkarten aufgetürmt.

Auf ihren Vorderseiten: ganz klassisch entweder Fotodrucke von Urlaubsparadiesen oder Kunstwerken aus aller Welt. Oder lustige Sprüche. Mal mehr, mal weniger schön.

Aber ganz egal, wie sie aussehen: Jede einzelne Postkarte bedeutet mir etwas.

Egal ob die perfekte Schnörkelschrift der besten Freundin oder die Sauklaue eines Freundes – jede Karte ist mit der einzigartigen Handschrift von Freunden oder Verwandten versehen. Allein das macht sie schon viel persönlicher als eine Mail oder Whatsapp-Nachricht.

In meiner Lieblingskarte schreibt meine Freundin Rachel aus Portland:

Ich freue mich auf unsere Freundschaf, viele Kozerte, wanderen und süße Cafes!

Schwer zu entziffernde Krakelschrift, zahlreiche Fehler – total süß!

Aber nicht nur das. Wer selbst einmal Postkarten verschickt hat, der weiß: Dahinter steckt Aufwand – und vor allem Überwindung.

Viele kennen es: Man ist im Urlaub, kauft sich wunderschöne Karten für die Liebsten zu Hause und kommt einfach nicht zum Schreiben. Der häufigste Grund: Faulheit. Im schlimmsten Fall landen sie deshalb nicht im vorgesehenen Briefkasten. Umso mehr erkenne ich den Wert jeder einzelne Karte, die ihren Weg zu mir gefunden hat.

Denn ich weiß: Jemand hat höchstwahrscheinlich ihren oder seinen inneren Schweinehund für mich überwunden.

Meine Freundin Hazal schickte mir sogar mitten im Umzugsstress eine Postkarte aus ihrer neuen Heimat Wien. Sie hat sich trotzdem die Zeit genommen, die Karte zu schreiben – wer freut sich nicht über so eine Art von Wertschätzung?

In dem Stapel liegen natürlich auch viele Karten, die nur ein einfaches "Grüße aus..." beinhalten. Klar, diese Art von Postkarten sind auch handgeschrieben und immerhin abgeschickt – aber trotzdem viel zu unpersönlich.

Alle anderen, also diejenigen, die bis in die letzte Ecke mit zunehmend kleiner werdenden Schrift voll geschrieben sind, in denen lustige Geschichten erzählt oder Vorfreuden aufs Wiedersehen ausgedrückt werden, die zusätzlich mit Malereien verziert wurden, sind wertvoll. Lösen warme Gefühle aus. Schaffen besondere Erinnerungen – und das auch nach Jahren. Eben wie alte Fotoalben.

Umso trauriger ist es, dass immer weniger Leute in meinem Umkreis Postkarten verschicken. Ich selbst eingeschlossen.

Nachdem ich mir fast zwei Stunden alte Postkarten durchgelesen hatte, viel lachen musste und auch ein bisschen nostalgisch wurde, war mir aber klar: Beim nächsten Urlaub werde ich meinen inneren Schweinehund überwinden.


Queer

"In der Schule war ich die 'Schwuchtel' – im Forum hörte man mir zu"

03.07.2018, 13:30 · Aktualisiert: 03.07.2018, 16:31

Queere Menschen erzählen, wie das Internet ihnen geholfen hat

Im Juni und Juli feiern Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender, kurz LGBT, wieder in etlichen deutschen Städten den Christopher Street Day (CSD). Die New Yorker legten schon einmal vor mit der Pride-Parade, die am vergangenen Wochenende farbenprächtig durch die US-Stadt zog.

So laut, bunt und froh die Paraden sind – noch immer leiden queere Menschen vielerorts unter Diskriminierung. Oft finden sie im Internet einen Ort, an dem sie sich aussprechen und Teil einer Gemeinschaft werden können.

Im Alltag gestaltet sich das sonst oft schwierig: Wer in einer Kleinstadt lebt, hat oft keine Anlaufstellen oder traut sich nicht, sich zu offenbaren. Hier kommen vier queere Menschen zu Wort, deren Leben stark vom Internet beeinflusst wurde.