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Trip

Diese beiden haben einen Partybus gebaut und fahren dorthin, wo es keine Kneipen gibt

11.07.2017, 16:10 · Aktualisiert: 11.07.2017, 20:35

Das Dorf: gähnende Leere, Felder, so weit das Auge reicht – und schmatzende Kühe. Was könnte diese Idylle stören? Laute Gitarrenmusik, Bier vom Fass und tanzende Menschen!

Genau das bietet der Kneipenbus, mit dem Michel Töpfer, 29, und Sebastian Zierbock, 28, demnächst auf Tour gehen.

Die beiden kommen aus Emseloh und Eisleben in Sachsen-Anhalt. Mit dem Bus, sagen sie, wollen sie Mitteldeutschlands ländliche Regionen lebendiger machen.

In den vergangenen sechs Monaten schmissen sie deshalb ihren Job in der IT-Branche und kauften der Deutschen Bahn einen Linienbus ab. Sie rissen Sitze und Haltestangen raus, setzten Möbel ein, kalkulierten Kosten und überlegten sich einen Speiseplan.

Unscheinbar sieht er von außen aus: der Kneipenbus.

Unscheinbar sieht er von außen aus: der Kneipenbus. (Bild: Selastril)

Länger als gedacht: Der Kneipenbus von hinten.

Länger als gedacht: Der Kneipenbus von hinten. (Bild: Selastril)

Nun eröffnen sie den Bus "Sonderfahrt" am 22. Juli. Wir haben sie gefragt, wie sie das anstellen wollen — und wie ihre rollende Party funktioniert.

Was soll das — ein Kneipenbus?

Michel: Ich habe vorher als Grafikdesigner und Sebastian als Informatiker gearbeitet. Aber das ewige Vorm-Bildschirm-Sitzen, das konnten wir nicht mehr. Wir brauchten wieder Menschen, irgendwas, wo wir richtig was machen können. Wo wir uns bewegen und wo die Leute um uns herum glücklich sind.

Sebastian: Und auf den Dörfern bei uns ist nichts los, das wollten wir ändern.

Vorm Bildschirm sitzen, das konnten wir nicht mehr.
Michel

Michel: Ein Bekannter von uns hat uns dann auf die Idee gebracht, eine fahrende Kneipe zu eröffnen. Er verkaufte seinen Linienbus und wir dachten uns: Warum bauen wir da nicht einfach unsere Kneipe rein? Der Bus war uns dann aber zu klein und wir schauten noch mal im Internet.

Sebastian: Am Ende fiel unsere Wahl auf einen größeren Linienbus. Nun haben wir 40 Quadratmeter Platz und können bald bis zu 1.000 Leute am Abend bekochen.

Vom Linienbus zum Partybus – so lief der Umbau:

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Wie geht es jetzt weiter?

Sebastian: Wir klappern jetzt die Dörfer ab und schenken Bier aus. Wir bringen Gastronomie dorthin, wo nichts ist. Wir wollen so oft wie möglich Livemusik anbieten und kleine Konzerte oder gar Festivals veranstalten.

Hier soll mal leckeres Bier gezapft werden.

Hier soll mal leckeres Bier gezapft werden. (Bild: Selastril)

Konzerte, Festivals, Gastro — habt ihr euch nicht zu viel vorgenommen?

Michel: Das haben uns schon viele Leute gefragt, aber komischerweise funktioniert bisher alles einwandfrei.

Sebastian: Wir machen alles selbst und das ist auch gut so: Hätten wir etwa den Bus nicht selbst umgebaut, hätten wir sicher das Fünffache bezahlt.

Michel: Aber so wissen wir, wo und wie die Schrauben sitzen. Und vier Stunden Schlaf am Tagen reichen ja auch!

Der Blick in den Gastraum.

Der Blick in den Gastraum. (Bild: Selastril)

Woher wusstet ihr, wie man einen Bus umbaut?

Michel: Ich wohne in einem 500 Jahre alten Haus und da fallen öfter mal Reparaturarbeiten an. So habe ich viel gelernt.

Sebastian: Ich habe alles beim Umbau des Busses gelernt.

Michel: In der Gastronomie sind wir erfahrener, denn wir haben früher mal für mehrere Jahre verschiedene Kneipen geleitet. Nach einem Ausflug ins Grafikdesign und in die Softwareentwicklung kommen wir zurück zu unseren Wurzeln.

Gibt es bei euch was zu essen?

Wir wollen alles selbst machen
Michel

Michel: Wir wollen die klassische Streetfoodküche abdecken, aber mit gutem Zeug.

Sebastian: Wir wollen auf die Wertschöpfungskette der Produkte achten, sodass wir einen vernünftigen ökologischen Fußabdruck hinterlassen.

Sebastian beim Schnippeln in der Küche.

Sebastian beim Schnippeln in der Küche. (Bild: Selastril)

Wollt ihr auch vegetarische Gerichte anbieten?

Sebastian: Ja, in anderen Kneipen auf den Dörfern ist das einzige vegetarische Gericht meistens ein Salat. Wir wollen mindestens ein vegetarisches, wenn nicht gar veganes Gericht anbieten.

Seid ihr in den vergangenen Monaten auch auf Probleme gestoßen?

Michel: Vor den Behörden hatten wir am meisten Angst, sie haben uns aber erstaunlicherweise echt geholfen. Es ist schwierig zu wissen, was man alles beachten muss: Gaststättengenehmigung, Schankgenehmigung, Hygienerichtlinien.

Sebastian: Aber die Behörden haben sich wahrscheinlich auch gedacht: In der Region hier ist nicht viel los, und wenn dann Leute sagen, dass sie was starten wollen, dann wollen wir sie auch unterstützen.

Michel: Das größere Problem hatten wir mit dem Platz: Wir haben ja nur einen schmalen langen Raum und müssen darin viel unterbringen. Wir haben das Fahrzeug dann in drei Räume aufgeteilt: Küche, Barbereich und Gastraum. In jedem Raum versuchen wir, in die Höhe zu arbeiten und jede kleine Ecke zu nutzen.

An dieser Bar wird das Bier bestellt.

An dieser Bar wird das Bier bestellt. (Bild: Selastril)

Wie habt ihr das finanziert?

Michel: Um ehrlich zu sein: Wir wollten nicht zu einer Bank gehen. Wir haben unsere Ersparnisse in einen Topf geschmissen, und Freunde und Bekannte haben uns was dazugegeben.

Sebastian: Insgesamt mussten wir 20.000 Euro investieren: Die Hälfte ging für den Bus drauf, die andere für das Einbaumaterial, also Möbel und so.

Was würdet ihr Leuten raten, die auch so etwas machen wollen?

Sebastian: Nicht zu viel darüber nachdenken, sondern einfach machen. Alles bedenken, aber nicht zerdenken. Ein bisschen Mut zum Risiko hilft immer.


Du willst den Partybus mal aus der Nähe betrachten? Noch vergeben die Michel und Sebastian keine Termine, schon bald soll das über eine Webseite möglich sein. Den ersten großen Auftritt hat der Bus dann beim Mountain Joke Lake-Festival, ein ganzes Wochenende lang kann er dann betrunken und befeiert werden.


Gerechtigkeit

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