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Trip

​Wie Kolumbien an "Narcos"-Touristen verdient

04.01.2017, 16:52 · Aktualisiert: 05.01.2017, 18:49

Geschmacklose Geldmacherei oder wichtige Aufklärung über Escobar? Unsere Autorin hat sich vor Ort umgesehen.

Woran denkt ihr, wenn ich sage, ich bin in Medellín? An eine Metropole? An Sonne? An Kolumbiens modernste Infrastruktur? Oder doch eher an Pablo Escobar?

Auch ich hatte als erstes sein Antlitz vor Augen, als ich meinen Trip in Kolumbiens zweitgrößte Stadt plante. Serien wie "Narcos" haben daran ihren Anteil. Dabei ist Escobar seit 1993 tot – und vielen Kolumbianer würden ihn gern einfach ruhen lassen. Denn der berüchtigte Drogenbaron terrorisierte mit seinem Medellín-Kartell das Land mehr als zwei Jahrzehnte lang, er ging gegen jeden vor, der sich ihm und seinen Drogengeschäften in den Weg stellte.

Andere verdienen ordentlich heute an seiner Vergangenheit. Spezielle Exkursionen bringen Touristen an Orte, an denen Escobar lebte, feierte, mordete – und ermordet wurde. "Narcoturismo" nennt sich das, und die Branche bietet allerlei Absurdes: eine fünftägige Tour im Wert von 750 Dollar (Pablo Escobar Tour); ein Besuch bei Escobars Bruder; Paintball-Sessions in Escobars ehemaliger Villa (Tripadvisor). Immerhin: Die Firma Paisa Road verspricht eine "unparteiische" Escobar-Tour.

Was Einwohner Medellíns davon halten?

"Das ist eine große Scheiße. Am Schluss bieten die wohl noch Koks an", sagt ein Bekannter. Anders die Tante meines Couchsurfing-Gastgebers: "Die informativen Stadttouren finde ich gut. Escobar gehört nun mal zu unserer Geschichte."

Um mir selbst ein Bild zu machen, melde ich mich bei Paisa Road an. Treffpunkt ist ein Hostel, wir steigen in einen Van. Zwei Neuseeländer sitzen neben mir, sie sind "Narcos"-Fans und wollen mehr über den "echten" Escobar erfahren. In ein paar Tagen wollen sie die Paintball-Tour machen. Die restlichen Teilnehmer kommen aus den USA und der Schweiz.

Die Tour in Fotos zum Klicken:

Rena Föhr
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Imago
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dpa
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Guide Paula schnappt sich das Mikrofon. In klarem, schnellen Englisch erzählt sie, wie sie mit Escobars Gewalt aufwuchs. In ständiger Angst vor Anschlägen und Schießereien. In einer Zeit, in der Fünfjährige zynische Witze rissen: "Was bekommt Escobars Tochter zum Geburtstag? Eine Barbie-Autobombe."

Wir machen halt am Monaco-Gebäude. Dort wohnte Escobar, das verfeindete Cali-Kartell deponierte eine Autobombe davor – der blutige Krieg zwischen den beiden Kartellen nahm seinen Lauf. Wir bekommen etwas lädierte Infoblätter und ein paar Minuten für Fotos.

Ich bitte Paula um ein Bild, doch sie wehrt ab: "Keine Fotos von mir. Meine Kollegin hat gekündigt, nachdem ihr auf der Straße eine Waffe gezeigt wurde." Der Grund für die Drohung? "Viele denken, die Tour ist eine Huldigung an Pablo Escobar."

Nächster Halt: Die Andachtsstätte, bei der die Jungfrau Rosa Mística angebetet wird – früher auch von Escobar und Verbündeten. Manche nennen sie deshalb auch Escobars Jungfrau. In Medellín heißt sie deshalb auch Jungfrau der Kartelle. Die Anliegen der Narcos? Sie baten nicht um Vergebung, sondern um mehr Treffsicherheit beim Schießen. Sarkastisch verweist Paula auf die Verbindung von religiösen Symbolen und Gewalt.

Mittagspause. "Hier gibt es tollen Bio-Kaffee!", ruft Paula mehrmals und zeigt auf ein Restaurant, bevor sie sich mit ihrem Smartphone an einen eigenen Tisch verzieht.

Über weitere Stationen, inklusive dem Haus, auf dessen Dach Escobar 1993 erschossen wurde, gelangen wir schließlich zum Friedhof, von dem aus man auf die Stadt hinabblickt. Armensiedlungen winden sich die Hügel hinauf. Alle Gräber sind schlicht und flach, kaum sichtbar. Bis auf das von Pablo Escobar, das zweitmeist besuchte Grab Südamerikas nach dem von Eva Perón, Argentiniens ehemaliger First Lady.

(Bild: dpa)

Dort fegt gerade Gärtner Federico Kieselsteinchen. Der herzliche Alte scheint stolz auf das makellose Grab. Kommen viele Touristen hierher, Federico? "Klar, die wollen alle Fotos machen!" Wie finden Sie das? "Gut!" Aber viele Kolumbianer hassen Escobar. Sie nicht? "Gar nicht! Mir hat er doch nichts getan!"

Auf dem Rückweg ist die Stimmung ziemlich gedrückt. Matthew aus Neuseeland meint: "Die Tour hat mir die Augen geöffnet. Escobar ist wirklich grausam – schlimmer, als ich dachte."

Zum Klicken: Wie "Narcos" die Geschichte von Escobar erzählt

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Die Demontage vom irgendwie coolen Antihelden zu einem grausamen Killer, der ein ganzes Land in Angst und Schrecken hielt – das hätte ich der Tour nicht zugetraut. Dabei betonte Paula auch immer wieder, welche verheerenden Folgen der internationale Drogenhandel und -konsum hat. "I actually feel bad for doing drugs now", flüstert mir ein Teilnehmer kleinlaut zu.

Dennoch ist die Tour in erster Linie eins: ein einträgliches Geschäft. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Paula weder ihren Job noch Touristen mag, Trinkgeld hingegen schon.

Paula sagt: "Denkt nicht nur an Escobar! This city rocks." Warum genau, sagt sie nicht. Doch sie hat definitiv recht: Ich entdecke beeindruckende Museen, lebendige Plätze mit Fotoausstellungen und Statuen des kolumbianischen Malers und Bildhauers Fernando Botero, ich fotografiere Graffiti in einem Armenviertel, das vor Kreativität blüht, und fahre mit dem Metro Cable direkt in einen Naturpark.

(Bild: Imago)

Fazit:

Wenn man über Escobar Bescheid wissen will, helfen auch Bücher, das Internet und Unterhaltungen mit Medellíns Einwohnern. Man sollte nur darauf achten, dass Escobar nicht das Erste und das Einzige ist, wonach man sie fragt. Denn wie gesagt: Medellín bietet viel mehr.


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