Bild: Daniel Schrader

Trip

Minsk: Eine Reise in die "letzte Diktatur Europas"

23.01.2018, 11:31 · Aktualisiert: 23.01.2018, 12:19

Mit starrem Blick begrüßt mich die Stewardess der weißrussischen Fluggesellschaft Belavia am Gate. Ich versuche, ihr mit einem freundlichen "Good Evening" beim Einsteigen ein Lächeln zu entlocken. "Sdrastwuitje" (russisch für "Hallo"), entgegnet sie – ohne eine Miene zu verziehen.

Willkommen in Weißrussland.

Seit Februar 2017 können EU-Bürger die weißrussische Hauptstadt Minsk fünf Tage visafrei besuchen. Weißrussland, regiert vom autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko, wird gerne als "letzte Diktatur Europas" bezeichnet.

Wie mag es dort aussehen?

Logisch, dass es bislang nicht gerade als klassisches Reiseziel bekannt ist. Tipps finde ich dementsprechend nur wenige. Die Informationen des Auswärtigen Amts klingen nach Nordkorea light: Touristen erwarte in Weißrussland ein "System eigener Wertvorstellungen", wird in bester Amtssprache gewarnt. Man solle sich auf den Trip "besonders" vorbereiten, heißt es weiter. Ich speichere Telefonnummer und Adresse der deutschen Botschaft auf meinem Smartphone.

Entsprechend mulmig ist auch mein Gefühl, als das Flugzeug spätabends zur Landung ansetzt. Schon auf dem Rollfeld werden wir Passagiere von einem Soldaten empfangen, der uns in das Gebäude des Flughafens eskortiert. Dort fülle ich eine "Migrationskarte" aus, die ich während meines Aufenthaltes stets bei mir tragen muss.

Eine Wohnsiedlung am Fluss Swislatsch, mit ihren makellosen Häuserfassaden.

Eine Wohnsiedlung am Fluss Swislatsch, mit ihren makellosen Häuserfassaden. (Bild: Daniel Schrader)

Mit einem Taxi geht es Richtung Hotel. Die Stadt wirkt kurz vor Mitternacht klinisch unterkühlt: Auf den gut ausgebauten Straßen herrscht kaum noch Leben, die makellosen weißen Fassaden der Häuser werden mit Scheinwerfern bestrahlt.

Präsident Lukaschenko scheint viel am Aussehen seiner Hauptstadt gelegen zu sein. Noch in der Nacht werden vor meinem Hotel die Fahrbahnmarkierungen auf der Straße erneuert. Am nächsten Morgen beobachte ich, wie ein alter Mann über den Bürgersteig kriecht, um mit einem Pinsel die Bordsteinkante auszubessern.

Die Lenin Statue vor dem Parlament.

Die Lenin Statue vor dem Parlament. (Bild: Daniel Schrader)

Mein erster Spaziergang führt über den Prospekt Nezavisimosi, die Hauptverkehrsstraße der Innenstadt.

Ich fühle mich wie auf einer Zeitreise in die Sowjetunion:

Mein Weg führt mich von einer Leninstatue über den Palast der Republik hin zur Siegessäule, auf deren Spitze Hammer und Sichel abgebildet sind.

Im traditionellen Kaufhaus Gum beobachten mich die Verkäufer beim Schlendern durch die Gänge. Auf ihren Gesichtern: versteinerte Mienen. In den Regalen: blumenverzierte Vasen und Teller im schönsten Sowjet-Kitsch. Im Radio: Modern Talking – zum zweiten Mal an diesem Tag!

Eine Städtetour durch Minsk sieht so aus:

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Zeit, die weißrussische Küche zu testen! Im Restaurant Kuhmistr bestelle ich, klar, das Nationalgericht Draniki, eine Art Kartoffelpuffer mir saurer Sahne. Dann muss ich, ganz sozialistisches Klischee, eine Stunde warten. Als das Essen endlich kommt, bin ich so hungrig, das ich quasi alles verschlungen hätte. Die etwas voreingenommene Bilanz lautet daher: Fettig, aber lecker!

Im Kuhmistr:

In den folgenden Tagen mache ich mich auf die Suche nach dem modernen Minsk. An vielen Ecken sehe ich Burger King und KFC – während Fast Food Ketten an anderen Orten der Welt schon Umsätze verlieren, weil sie nicht dem gesunden Lifestyle-Trend entsprechen, sind sie hier noch ein Symbol der Öffnung und Modernisierung. Noch vor wenigen Jahren war die einzige McDonalds-Filiale des Landes eine Attraktion.

Kommerz trifft Kommunismus: Eine KFC-Filiale, darüber ein Relief mit dem Titel "Solidarität".

Kommerz trifft Kommunismus: Eine KFC-Filiale, darüber ein Relief mit dem Titel "Solidarität".

Statt die alte Metro zu nehmen, kann man auch mit Uber durch die Stadt fahren. Im Einkaufszentrum "Galleria Minsk" gibt es anstelle von Blümchenvasen Produkte von Sony und Reserved. Die Verkäufer lächeln mich sogar an!

In der Altstadt reihen sich Clubs und Bars aneinanderreihen. Besonders gut gefällt mir das Cherdak. Hier ist das Leben alles andere als grau und trist.

So sieht es dort aus:

Die Luft ist stickig, ich trinke weißrussisches Bier, hinter mir tanzen junge Weißrussen ausgelassen zu Elektropop. Eine Szene, die genauso gut in Berlin oder Hamburg stattfinden könnte.

Noch nie sind mir so viele Polizisten und Soldaten auf den Straßen begegnet wie hier.

Doch es dauert nicht lange, bis mich die Realität wieder einholt. Denn trotz Fastfood und Elektropop ist die autoritäre Politik überall spürbar. Noch nie sind mir so viele Polizisten und Soldaten auf den Straßen begegnet wie hier.

Auch Agenten des KGB sind noch unterwegs. Denn der einst in der Sowjetunion gegründete Geheimdienst durfte in Weißrussland seinen Namen behalten, und er überwacht noch immer die weißrussischen Bürger. Im vergangenen Jahr wurden erneut zahlreiche Oppositionelle nach Protesten gegen das Regime verhaftet.

Ein politischer Wandel ist nicht in Sicht.

Das "System eigener Wertvorstellung", wie es das Auswärtige Amt nannte, wird übrigens auch ausgestellt: Im Museum of the Great Patriotic War, das ich am letzten Tag meines Trips besuche. Dort geht es um die Geschichte des Landes während des Zweiten Weltkriegs.

Unter der großen Glaskuppel des Gebäudes, auf der eine sowjetische Flagge weht, wird Geschichte, nun ja, anders geschrieben: Der sowjetische Überfall auf Polen 1939 wird als Wiedervereinigung Weißrusslands umgedeutet. Der gewaltsame Anschluss der baltischen Staaten wird ganz harmlos als freiwilliger Beitritt in die Sowjetunion beschrieben.

So gebündelt vor sich zu sehen, was für eine Perspektive auf die Welt hier vielen Bürgern vermittelt wird, ist beeindruckend. Denn man sieht hier, was Propaganda kann. Gerade in diesen Zeiten, in denen wir uns um "alternative Fakten" streiten, ist das ein gruseliges Erlebnis.

(Bild: Daniel Schrader)

Aber das ist auch das Spannende an Weißrussland: Das Land befindet sich, welch Binse, im Umbruch. Hier kann man beobachten, was passiert, wenn so ein Umbruch kontrolliert werden soll, wenn Touristen und Firmen ins Land gelassen werden, aber Ideen am besten draußen bleiben sollen. Gerade dieser Widerspruch hat diesen Trip so außergewöhnlich gemacht. Die Nummer der deutschen Botschaft habe ich nicht gebraucht. Das mulmige Gefühl blieb dagegen bis zu meiner Ausreise.

Trotz aller Veränderungen bleibt Minsk die Hauptstadt der "letzten Diktatur Europas".


Gerechtigkeit

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23.01.2018, 09:00 · Aktualisiert: 23.01.2018, 10:28

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