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Bild: Lennart Kortmann / CC BY-SA

Trip

Ihr regt euch nur solange über Hipster auf, bis ihr ohne sie leben müsst!

16.12.2015, 18:27 · Aktualisiert: 22.07.2016, 11:27

Ich wohne in Halle an der Saale.

Eine Straßenbahn ist kein Ort, der zum Träumen einlädt. Der Grund dafür ist einfach: Zum Träumen braucht es Inspiration, und die ist im öffentlichen Personennahverkehr reichlich schwer zu bekommen. Zumindest weiß ich das, seit ich in Halle an der Saale wohne. Aber es ist nicht Halles Schuld, dass mir mein morgendlicher Weg zur Uni keinen Spaß mehr macht.

Ach, Berlin!

Ach, Berlin! (Bild: farhad pocha / CC BY)

Der französische Bestsellerautor Francois Lelord schreibt: "Vergleiche sind ein gutes Mittel, um sich sein Glück zu vermiesen." Und was mich miesepetrig macht, ist der Gedanke an meine morgendlichen Fahrten durch Berlin und Hamburg, die Städte, in denen ich lebte, bevor ich nach Halle kam. Über fehlende Inspiration konnte ich mich dort nie beklagen. Sie stieg an jeder Haltestelle ein: Hipster, Blogger, Styler und modische Individualisten jeder Couleur und Subkultur machten jeden Tag die U-Bahn zu ihrem Laufsteg. Sie sorgten dafür, dass ich nie ein Buch für die Bahnfahrt einpacken musste – ihre Inszenierung war Unterhaltung genug.

Und nun sitze ich in Halle in einer Straßenbahn und vermisse sie.

Was genau mir fehlt, ist schwer zu sagen. Ich habe manchmal heimlich die Augen verdreht, wenn eine vermeintliche Modebloggerin im knöchellangen Vintage-Fellmantel, türkis-weißblonden Dip Dye-Hair, Bindi auf der Stirn und Plateauschuhen an den Füßen in die U-Bahn schwebte – es gibt Momente, in denen einem das übersprudelnde modische Individualitätsbestreben der Anderen einfach zu viel wird, egal, wie weltoffen man gern wäre. Und auch die Hornbrillen, Man Buns samt Undercut und natürlich die wohl gepflegten MC-Fitti-Vollbärte hatte man schließlich irgendwann alle schon irgendwo einmal gesehen.

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Aber trotzdem haben sie meinen Alltag bunter gemacht. Und mich mit ihren extravaganten Outfits daran erinnert, dass man tatsächlich die Möglichkeit hat, sich jeden Tag neu zu erfinden. Auch wenn das jetzt ganz schlimm nach Frauenzeitschrift klingt.

Diese Offenheit, sich selbst und der eigenen Erscheinung gegenüber, bringt eine gewisse Leichtigkeit ins öffentliche Leben. Denn egal, wie viel Zeit die Styler in den Metropolen damit verbringen, ihr Outfit sorgsam zusammenzustellen: Es kann trotzdem passieren, dass das Ganze am Ende vor lauter modischer Ambition nicht total streetstyle aussieht, sondern einfach nur scheiße.

Aber spätestens dann kommt die Statement-Mütze mit #DontCare zum Einsatz, und am nächsten Tag gehts mit neuer Begeisterung ans modische Selbstfindungswerk.

Klar, man kann Hipstern vorwerfen, dass sie keine richtige Subkultur sind, weil ihnen eine gemeinsame politische Überzeugung oder eine gesellschaftliche Botschaft fehlen. Man kann aus einer modischen Bewegung eine gesellschaftliche Streitfrage über mangelndes politisches Engagement in der Nachwende-Generation konstruieren. Kann man aber eben auch lassen. Sich entspannen. Und es einfach genießen, dass der vollkommen unpolitische Hipster, der da gerade zugestiegen ist, einen mit seinem abgedrehten Spruch auf seinen Jutebeutel zum Schmunzeln gebracht hat.

Modische Individualisten, egal, ob offizielle Subkultur oder nicht, erfrischen die eigenen Gedanken und sorgen dafür, dass man sich Fragen stellt, auf die man ohne sie nicht gekommen wäre. Und sei es nur, dass man darüber nachdenkt, wie der Typ da drüben es schafft, einen Schnurrbart von derartigem Ausmaß den ganzen Tag so perfekt gezwirbelt zu halten. Allein, dass man über einen Schnurrbart nachdenkt statt über das eigene zusammengeschnurrte Haushaltsbudget für diesen Monat, ist schon eine kleine, dankbare Flucht, für die man dem Hipster einen imaginären Kuss auf seinen Moustache drücken sollte.

Jede Stadt hat eben ihren eigenen Stil und Halle ist nun mal Halle an der Saale – und nicht Berlin Hallesches Tor.

In Halle hingegen, um zurück zu mir in meiner Straßenbahn zu kommen, vermisse ich, dass mir irgendjemand auch nur irgendeine Regung mit seinem Outfit entlockt. Es scheint ein gewisser Pragmatismus zu herrschen, was Bekleidung angeht, und die modische Subkultur ist irgendwie so sub, dass sie im öffentlichen Leben kaum wahrnehmbar ist.

Wenn dann doch einmal ein Mann mit Nagellack oder in farbenfrohen Leggins in Halle in die Bahn steigt, sorgt das bei den meisten Fahrgästen eher für Irritation als für Inspiration. Und das lädt dann nicht gerade dazu ein, sich selbst in großen modischen Sprüngen zu versuchen.

Der Bilderbuch-Berliner würde mir jetzt wahrscheinlich entgegen blaffen: "Heul nich rum! Wat kommst’n ooch hier her?" Und Recht hat er. Jede Stadt hat eben ihren eigenen Stil, und Halle ist nun mal Halle an der Saale – und nicht Berlin Hallesches Tor. Aber trotzdem würden mir im morgendlichen Meer aus grauen und khakifarbenen Winterjacken ein bisschen modische Verrücktheit und Extravaganza manchmal wirklich, wirklich gut tun.

Ihr Glücklichen, die ihr in einer Metropole lebt und noch Hipster habt, über die ihr euch aufregen könnt! Freut euch lieber darüber, dass jemand durch seine bloße Anwesenheit Aufregung in graue Werktage wirbelt und euch ein bisschen zum Träumen bringt. Und wenn ihr schon dabei seid, freut euch auch gleich darüber, dass ihr überhaupt eine U-Bahn habt. Aber das ist ein anderes Thema.

Poetry-Slammer Björn Gögge über Hipster-Hass:

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